Wirtschaft

Balkonien statt Balearen? Für Reisebüros drängt die Zeit

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Noch ist unklar, ob man im Sommer in die Feriengebiete Europas fahren kann.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viele Menschen sagen dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie ihren Urlaub ab. Die Umsatzeinbußen bei Reisebüros sind enorm. Eine Pleitewelle ist kaum noch abzuwenden. Finanzhilfen für die Branche gibt es - doch gerade mittelständische Reisebüros drohen die Krise nicht zu überleben.

Die Corona-Krise hat die Reisewirtschaft von Beginn an hart getroffen. Die Grenzen sind für Urlauber in vielen Ländern dicht. Die von Außenminister Heiko Maas Mitte März ausgesprochene Reisewarnung ist immer noch in Kraft und könnte sogar verlängert werden. Die Hoffnungen vieler Menschen auf einen normalen Sommerurlaub sind gedämpft und der Touristikbranche droht eine Pleitewelle. 60 Prozent der Reisebüros und -veranstalter sehen sich laut einer Umfrage des Deutschen Reiseverbands (DRV) unmittelbar von der Insolvenz bedroht, jedes fünfte Unternehmen hat bereits Mitarbeiter entlassen müssen.

Rainer Maertens musste zwar noch keinem seiner fünf Mitarbeiter kündigen, momentan ist er trotzdem der Einzige, der in seinem Reisebüro in Dresden arbeitet. Alle seine Angestellten sind in "Kurzarbeit null" - sie haben ihre Arbeit also für eine vorübergehende Zeit vollständig eingestellt. "Wir können uns noch bis Sommer über Wasser halten", sagt Maertens ntv.de. Damit sein Reisebüro die Krise übersteht, müsse der Tourismus aber spätestens im August wieder anlaufen.

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Rainer Maertens leitet in Dresden ein Reisebüro.

Daran änderten auch der Zuschuss des Bundes in Höhe von 9000 Euro, der nach wochenlanger Wartezeit inzwischen eingetroffen sei, und spezielle Kreditprogramme nichts. Gerade mit Blick auf die Milliardenunterstützung für den Reiseriesen Tui hätten viele kleine Unternehmen das Gefühl: "Oben wird Torte gegessen und unten kommen nur Krümel an."

Maertens macht eine Rechnung auf: Wenn die 1,8 Milliarden Euro Staatskredit mit den sozialversicherungspflichtigen Mitarbeitern in Deutschland verrechnet würden, entspräche das einer Unterstützung von 300.000 Euro pro Arbeitsplatz. Er wolle Tui zwar nicht ihre Unterstützung absprechen, schließlich hätte jedes Unternehmen seine Nöte, aber solche Summen seien einfach unverhältnismäßig. Nach Rechnungen des DRV seien schon jetzt 4,8 Milliarden Euro Umsatzausfälle zu beklagen, die Soforthilfen würden nicht ausreichen. Die Mehrheit der mittelständisch geprägten Reisewirtschaft mit ihren vielen kleinen Reiseveranstaltern und -büros würden die Krise nicht überleben, "wenn die Bundesregierung nicht bald einen Schutzschirm über die Branche spannt".

Urlaub trotz Corona?

"Unser eigenes Rettungskonzept funktioniert nur, wenn wir die Mitarbeiterkosten auf null senken. Wir haben ja keinen Euro Einnahmen, im Gegenteil", sagt Maertens. "Das, was wir seit Oktober eingenommen haben, muss wieder zurückgezahlt werden." Die Umsatzeinbußen sind enorm. Rund 80 Prozent des Geschäfts müssen rückabgewickelt werden. Im Alleingang sagt Maertens jetzt Reisen von Veranstaltern bei den Kunden ab, leitet Informationen weiter und bittet sie, eine Alternative zu buchen. "Ungefähr die Hälfte aller Kunden lässt sich darauf ein." Viele wüssten aber selber auch nicht so genau, wie es beruflich bei ihnen weitergehe und wollten lieber das Geld zurück.

Während Hotelzimmer und Ferienwohnungen leer stehen, drängt die Tourismusbranche auf Lösungen. Führende Verbände sprechen sich für eine schrittweise Aufhebung innereuropäischer Reisebeschränkungen aus. "Wo die Hygieneregeln beachtet werden, muss Urlaub auch wieder möglich sein, auch in Europa", schreiben Vertreter von Tourismus, Reiseveranstaltern, Gastgewerbe und Luftverkehr in einem gemeinsamen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zunächst sollten Länder mit erfolgreichen Schutzmaßnahmen in bilateralen Verhandlungen die Reisebeschränkungen gegenseitig aufheben. Eine Öffnung innerhalb der gesamten EU sei dann der nächste Schritt. Noch ist unklar, ob man im Sommer in die Feriengebiete Europas fahren kann.

Die Branche müsse langsam wieder zur Normalität zurückfinden, sagt Maertens. Das setzt einerseits voraus, dass Reisebeschränkungen gelockert werden. Um die Corona-Krise zu überleben, brauchen Reisebüros aber auch finanzielle Soforthilfen. Um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen, hat Maertens deswegen eine deutschlandweite Demonstration organisiert. In mehr als 40 Städten gehen heute Reisebüro-Mitarbeiter, Reiseveranstalter, freiberufliche Reiseleiter und Busunternehmen auf die Straße. In Dresden hat Maertens einen Buskonvoi durch die Stadt organisiert. Die Zahl der Teilnehmer wird jedoch lediglich zwischen 15 und 50 Teilnehmern liegen. Schließlich gelten in Corona-Zeiten nicht nur Reisebeschränkungen, sondern auch strenge Vorschriften für Demonstrationen.

Quelle: ntv.de, mit dpa