Wirtschaft

Schneller oder langsamer öffnen? Für die Wirtschaft wären Lockerungen teurer

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Der Frust bei den Einzelhändlern ist verständlich. Die Corona-Hilfen reichen oft nicht aus. Der HDE fordert: aufmachen!

(Foto: imago images/Reiner Zensen)

Vielen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals. Schnelle Öffnung tut not, das scheint auf den ersten Blick zumindest eine schlüssige Forderung. Warum das der Wirtschaft jedoch nicht helfen wird, zeigt eine einfache Rechnung.

Deutschland hangelt sich seit Monaten von einer Shutdown-Verlängerung zur nächsten. Da scheint es verständlich, dass bereits vor der jüngsten Verlängerung der Corona-Maßnahmen bis zum 7. März einigen Vertretern der Wirtschaft der Geduldsfaden riss.

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, Ingrid Hartges, hatte Anfang der Woche gegenüber der Deutschen Presse-Agentur "dringend klare Kriterien" gefordert, wann man die Betriebe wieder öffnen könne. Stefan Genth vom Einzelhandelsverband HDE plädierte für eine "realistische Öffnungsperspektive". Sein Verband forderte Lockerungsmaßnahmen auch schon ab einem Inzidenzwert von über 50.

Der Frust ist verständlich: Die Öffnungskriterien sind unklar. Nun soll es eine stabile Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner sein, bisher waren es 50 pro 100.000 Einwohner. Auch diesmal wird die eigentliche Entscheidung, wann der Shutdown endet, auf den 3. März vertagt. Dann wollen sich Vertreter von Bund und Ländern das nächste Mal treffen. Klare Perspektiven gibt es also nicht, Öffnungen nur für Friseure.

Vielen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals, die Corona-Hilfen reichen oft nicht aus und werden an viele Betriebe nur mit monatelanger Verzögerung ausgezahlt. Die Forderungen nach Öffnungsperspektiven klingen daher schlüssig. Wenn nicht bald geöffnet wird, dann liegt die Wirtschaft weiter danieder, so die Sorge. Doch Befürworter der Verlängerung sagen: Auch wenn frühe Öffnungen kurzfristig helfen werden, könnte ein schnelles Ende des Shutdowns am Ende sogar teurer für alle sein.

Wirtschaft läuft auf 90 Prozent

Das klingt zunächst verwunderlich. Denn durch die Schließungen liegt die deutsche Wertschöpfung laut des Konjunkturchefs des Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, mindestens 1,5 Milliarden Euro unter ihren Möglichkeiten. Zur Einordnung: Im Vorkrisenquartal erwirtschaftete Deutschland circa 18 Milliarden Euro pro Woche. Die Wirtschaft operiert also ohne Handel, Kultur, Gastronomie und weiteren Branchen auf circa 90 Prozent.

Ohne Öffnungen kommt man wohl nicht wieder zurück auf 100 Prozent. Wie sollten frühe Öffnungen dann der Wirtschaft schaden?

Dazu muss man sich einmal in den Sommer 2020 versetzen. Die Sieben-Tage-Inzidenz war auf einen Wert unter 3 je 100.000 Personen gesunken. Restaurants, Geschäfte, Hotels und sogar Grenzen waren offen. Doch innerhalb weniger Monaten stieg die Zahl der Corona-Infektionen wieder an. Auf eine kurze wirtschaftliche Erholung von fünf Monaten folgte ein rasanter Einschnitt. Es ist der Shutdown, in dem sich das Land mit der einen oder anderen Änderung seit November bis voraussichtlich Anfang März befindet.

Es ist eigentlich absurd. Eben die Öffnung, die den geschlossenen Branchen geholfen hatte und das wirtschaftliche "V" perfekt erschienen ließ, führte dazu, dass die Wirtschaft mit dem Shutdown wieder schrumpfte. Auf fünf Monate Erholung folgten aus heutiger Sicht vier Monate mit Schließungen.

So könnte es auch heute nach einer schnellen Öffnung kommen, selbst wenn bessere Hygienemaßnahmen und Nachverfolgung durch Tests die Ausbreitung gegenüber dem Herbst etwas eindämmen könnten.

Denn auch mit besserer Vorbereitung könnte ein Monat Öffnung aktuell einen noch längeren Shutdown nach sich ziehen. Das liegt an der neuen Virusmutation B.1.1.7, die laut Virologen viel ansteckender ist als das Ursprungsvirus. Ihr R-Wert, die Reproduktionszahl, könnte laut des Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, um 0,5 höher liegen. Statt dass wie Anfang Februar 10 Menschen 9 weitere anstecken, würden so 10 Menschen 14 anstecken und das Virus so schneller verbreiten. Die Inzidenzen könnten bei der exponentiellen Verbreitung ohne Shutdown also sehr schnell wieder steigen.

Wenige Möglichkeiten auf ein schnelles Ende der Maßnahmen

Die Hoffnung, das Virus mit einer flächendeckenden Impfung der Bevölkerung einzudämmen und so Lockdowns zu verhindern, ist ebenfalls getrübt. Es mangelt an Impfstoff und die Wirksamkeit der verfügbaren Vakzine gegen künftige Mutationen lässt sich nicht genau vorhersagen. Je weiter sich das Virus ausbreitet, desto mehr Mutationen könnten zudem entstehen. Die Bekämpfung wird dann immer komplizierter.

Bleibt das Ziel, die Inzidenz gering zu halten, müsste nach ersten Lockerungen heute schon in wenigen Wochen ein weiterer Shutdown her. Auf ein Öffnen von wenigen Wochen könnte so ein erneuter Einbruch folgen mit ähnlichen Konsequenzen wie im Herbst. Die Kosten lägen wieder bei mindestens 1,5 Milliarden Euro pro Woche, wenn nicht höher, weil sich die Lage in anderen Branchen ebenfalls verschlechtern könnte.

Wie also lässt sich ein Ausweg aus dem Dilemma finden? Wie kann vor diesem Hintergrund die Wirtschaftsleistung ohne große Einbußen schnell wieder steigen?

Eine Möglichkeit wäre ein schnelles Ende des Shutdowns mit den größtmöglichen Hygienemaßnahmen. Damit würde der wirtschaftliche Schaden für viele Branchen gering gehalten. Doch mit der Strategie würde man das Ziel der Pandemiebekämpfung verfehlen. Also müssten die Öffnungen mit der Akzeptanz von Inzidenzen im dreistelligen Bereich pro 100.000 einhergehen, bei denen die Versorgung aller Covid-Patienten irgendwann nicht mehr gewährleistet wäre.

Die andere Möglichkeit, mit der Pandemiebekämpfung fortzufahren und zu einer schnellen Öffnung zu kommen, wäre ein strikter Lockdown mit der klaren Perspektive, dass einige Betriebe erst wieder öffnen dürfen, wenn das Virus wirklich unter Kontrolle ist. Derweil müssten die geschlossenen Betriebe mit üppigen Zahlungen entschädigt werden.

Ein Beispiel, wie das gehen könnte, bietet der Vorschlag von 14 Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen mit dem klingenden Namen "No Covid". Die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann, aber auch die Ökonomen Clemens Fuest und Andreas Peichl vom Ifo-Institut gehören zu den Unterzeichnern. Ihr Ziel ist nicht, dass das Virus vollkommen ausgerottet wird, wie der Name vermuten lässt.

Die Wissenschaftler wollen sich stattdessen an Ländern wie Neuseeland, Australien und weiteren asiatischen Ländern orientieren, in denen die Pandemie unter Kontrolle ist. Ihre Strategie zielt darauf ab, die Sieben-Tage-Inzidenz mit einem strikten Lockdown erst unter zehn pro 100.000 zu senken und dann allmählich die Schulen zu öffnen, dann Geschäfte und schließlich bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 0 zu 100.000 die Maßnahmen komplett zu lockern. Erneute Ausbrüche wollen sie durch Reisebeschränkungen in und aus Risikogebieten, viel mehr Tests und eine bessere Nachverfolgung der Fälle so in den Griff bekommen, dass das normale Leben aufrechterhalten werden kann.

Das klingt teuer. Es eröffnet aber auch die Perspektive, dass ein langer Lockdown nach einigen Monaten zu einer Situation führen könnte, in der die Inzidenz im Zaum gehalten werden kann. Gelänge das, wären keine weiteren Schließungen notwendig. Nach vier, fünf oder sechs Wochen könnten viele Betriebe dauerhaft wieder öffnen.

No Covid mit all seinen Einschränkungen wird sich vielleicht nicht durchsetzen lassen. Aber auch andere Formen eines konsequenteren, längeren Lockdowns könnten die Ausbreitung des Coronavirus länger niedrig halten und verursachen so langfristig geringere Kosten als eine Öffnung für ein paar Wochen, gefolgt von einer weiteren Schließung für einige Wochen. So rutschte man von Welle zu Welle, bis die Bevölkerung geimpft wäre. Die Anzahl an Wochen im Lockdown wäre in so einem Auf-und-zu-Szenario also höher, der wirtschaftliche Schaden damit ebenso.

Ein harter und langer Shutdown kann also einen schnelleren, günstigeren Weg zurück zur Normalität ermöglichen - auch zur wirtschaftlichen.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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