Börse erwartet LNG-SchwemmeHeizen mit Gas wird trotz leerer Speicher immer billiger

Das ungewöhnlich kalte Winterwetter lässt die Füllstände der Gasspeicher so tief sinken wie seit Jahren nicht mehr. Knappheit droht trotzdem nicht. Die Preise für Endkunden sind zuletzt gefallen und könnten noch weiter nachgeben.
Die Füllstände der deutschen Erdgasspeicher scheinen auf den ersten Blick dramatisch: Zu weniger als 25 Prozent sind sie aktuell noch befüllt. Das ist nur etwa die Hälfte des Durchschnitts der vergangenen Jahre zu diesem Zeitpunkt in der Heizperiode. Und die kalte Jahreszeit ist noch nicht vorbei. Selbst bei durchschnittlichen Temperaturen dürften sich die Speicher weiter kräftig entleeren.
Heißt das, dass im Fall von ungewöhnlichen Kälteperioden das Gas in Deutschland knapp werden könnte? Der Verband der Gasspeicherbetreiber warnt vor möglichen Engpässen. "Wir zittern uns durch den Winter", sagte der energiepolitische Sprecher der oppositionellen Grünen kürzlich in der ARD und forderte, die Bundesregierung müsse dringend zum Gas-Sparen aufrufen, "damit wir nicht in weitere Not kommen".
Ein völlig anderes Bild ergibt sich bei einem Blick auf die Preise. Im Januar, als die Speicherstände bereits weit unter dem Niveau der Vorjahre lagen, haben viele Versorger die Preise sogar gesenkt. Laut Daten des Vergleichsportals Verivox fiel der durchschnittliche Neukundenpreis für Haushalte mit 20.000 Kilowattstunden (kWh) Jahresverbrauch zeitweise auf unter 8 Cent pro kWh. Das ist so günstig wie seit fast zwei Jahren nicht mehr und rund 20 Prozent weniger als zum selben Zeitpunkt vor einem Jahr.
Wie lassen sich die gleichzeitige Sorge vor Gasknappheit in Teilen von Wirtschaft und Politik auf der einen und die sinkenden Preise auf der anderen Seite erklären? "Wir sind aus der Vergangenheit darauf konditioniert, auf die Speicherstände zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange", sagt Tobias Federico, Chefanalyst der Energiemarktberatung Montel, im Gespräch mit ntv.de. Als Deutschland noch ausschließlich mit Gas aus Pipelines versorgt wurde, sei der Füllstand der Gasspeicher entscheidend gewesen. Denn in der Heizperiode reichte die Kapazität der Pipelines allein nicht aus, um die Versorgung sicherzustellen.
"System hat sich bestens bewährt"
"Inzwischen können wir uns über die LNG-Terminals an der Küste auch im Winter flexibel mit Flüssiggas vom Weltmarkt versorgen", sagt Federico. Von einer Krise oder einer drohenden Gasknappheit könne keine Rede sein. "Das System hat sich trotz des bislang sehr kalten Winters bestens bewährt."
Nicht nur in Deutschland, auch in den USA und China ließen ungewöhnliche Kältewellen zu Jahresbeginn den Erdgasverbrauch ansteigen. Das trieb auch die internationalen Großhandelspreise und damit die Einkaufskosten für deutsche Versorgungsunternehmen zeitweilig nach oben. Für die Endkunden hierzulande dürfte das allerdings weitgehend folgenlos bleiben. Inzwischen sind die Großhandelspreise wieder deutlich gesunken. Die Kosten für die zeitweiligen Preisaufschläge seien in der Kalkulation der meisten Versorger für derzeit laufende Verträge enthalten, erklärt Federico. Für die Preise für Neukunden seien ausschließlich die erwarteten künftigen Kosten entscheidend – und die könnten weiter sinken.
Terminkontrakte an der europäischen Terminbörse ICE zeigen aktuell weiter sinkende Preise für die kommenden Jahre. 2025 lag der Großhandelspreis für ein Megawatt (MW) noch bei rund 36 Euro. Aktuell sind es bei den Terminkontrakten für 2027 noch etwa 28 Euro. Ein MW Erdgas zur Lieferung im Jahr 2030 wird derzeit sogar für nur 22 Euro gehandelt. "Es zeichnet sich ab, dass die erwartete Gas-Schwemme infolge der Ausweitung der Produktion insbesondere in Katar und den USA den Markt erreicht", sagt Federico.
Was das für Gasverbraucher in Deutschland genau heißt, lässt sich noch nicht vorhersagen. Unvorhergesehene Ereignisse können die Weltmarktpreise jederzeit durcheinanderwirbeln. Ein Krieg zwischen dem Iran und den USA etwa könnte den Zugang zum Persischen Golf blockieren. Zudem machen die Beschaffungskosten der Versorger nur einen Teil des Preises aus, den Haushaltskunden für ihr Gas bezahlen. Dazu kommen unter anderem Steuern, Abgaben und Netzentgelte sowie der CO2-Preis, die auf politischen Entscheidungen beruhen.
Aktuell allerdings zeichne sich ein derart stark fallender Preis am Terminmarkt für die kommenden Jahre ab, dass der sinkende Einkaufspreis zu erwartende höhere Kosten an anderer Stelle mehr als ausgleichen dürfte, so Federico. Unterm Strich könnte es noch einmal deutlich billiger werden, mit Gas zu heizen.