Wirtschaft

Nadelöhr Straße von HormusHelium wird knapp - droht die nächste Chipkrise?

16.04.2026, 18:57 Uhr
imageVon Diana Dittmer
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Zu Beginn des Iran-Kriegs lagen 200 Spezialcontainer für den Heliumtransport in der Meerenge von Hormus fest. Es würde Monate dauern, sie umzupositionieren, wieder zu befüllen und das Gas an die Kunden auszuliefern, warnte Branchenkenner Phil Kornbluth gegenüber der "New York Times". (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Neben Öl und Gas sorgt ein weiterer Rohstoff für Verwerfungen: Wegen der Blockade der Straße von Hormus fehlt der Industrie Helium. Im Fokus: die Chipindustrie. Böse Erinnerungen an die Lieferkettenkrise in der Pandemie werden wach.

Nicht nur die durch den Krieg im Nahen Osten verursachten Engpässe bei Öl und Gas bereiten Sorgen. Ein weiterer, weitgehend unterschätzter Rohstoff rückt in den Fokus: Helium. Die Knappheit des Gases weckt Erinnerungen an die gestörten Lieferketten der Pandemie. Denn was nach Partyballons klingt, ist für die Industrie unverzichtbar. Fehlt Helium, drohen Probleme bei der Produktion von Autos, Maschinen und Elektronik weltweit.

"Aktuell diskutieren wir die Spritpreise", sagte der Unionsfraktionsvize Sepp Müller am Mittwoch der "Bild". Kaum jemand spreche über Helium – obwohl es zentral für die Chipproduktion sei. Besonders die Autobauer stünden unter Druck: "Wenn die ersten Chipfabriken ankündigen, dass in sechseinhalb Wochen keine Chips mehr produziert werden, bekommen wir im dritten und vierten Quartal große Probleme."

Wie ernst ist die Lage? Die Straße von Hormus, erst vom Iran, dann von den USA blockiert, ist eine der wichtigsten Schlagadern des globalen Handels. Ein erheblicher Teil der Energieexporte passiert die Meerenge – ebenso ein großer Teil der Heliumtransporte. Katar steht für rund ein Drittel der weltweiten Produktion. Kommt es zu längeren Störungen, verknappt sich das Angebot spürbar.

Ein Markt mit wenig Spielraum

Helium ist ein besonderer Rohstoff: Er lässt sich weder synthetisch herstellen noch recyceln und fällt fast ausschließlich als Nebenprodukt der Erdgasförderung an. Fällt die Förderung aus oder geraten Lieferketten ins Stocken, lässt sich das Angebot kaum kurzfristig ausweiten. Neue Quellen zu erschließen, dauert Jahre. Einmal freigesetzt, entweicht das Gas unwiederbringlich in die Atmosphäre.

Entsprechend nervös reagiert der Markt. Die geopolitischen Spannungen rund um Katar und gestörte Transportwege setzen die Versorgung unter Druck. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, stuft die Risiken eines Engpasses als "hoch" ein – zunächst für Europa, aber mit potenziell globalen Folgen. Alternative Quellen wie die USA oder Algerien könnten Ausfälle nur begrenzt kompensieren. Zudem sei Helium selbst in modernen Tanks nur mit Verlusten lagerfähig.

Besonders kritisch ist die Lage für die Chipindustrie. Dort wird Helium unter anderem zur Kühlung in hochpräzisen Fertigungsschritten eingesetzt. Bereits vor Wochen warnte der Branchenberater Phil Kornbluth in der "New York Times", dass Logistikprobleme und beschädigte Anlagen den Markt belasten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Knappheit die Chipproduktion erreicht. Noch sei die Gefahr meilenweit entfernt - doch: "Ein Tsunami kommt."

Erste Risse in der Lieferkette

Nach Einschätzung von Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, fehlen derzeit bis zu 40 Prozent der globalen Heliumversorgung. Besonders betroffen seien asiatische Halbleiterhersteller. Die größten Probleme lägen in der Beschaffung und den stark gestiegenen Preisen. Südkorea habe ein "echtes Problem", während Taiwan und China etwas besser aufgestellt seien, sagt Lipkow im Gespräch mit ntv.de.

Unweigerlich werden Erinnerungen an die Chipkrise der Jahre 2020 bis 2022 wach, als fehlende Halbleiter ganze Industrien lahmlegten. Der Unterschied: Damals fehlten Bauteile - heute steht ihre Herstellung auf dem Spiel. Produzenten könnten gezwungen sein, ihre Produktion zu drosseln und sich auf besonders profitable Chips, etwa für Rechenzentren und Künstliche Intelligenz, zu konzentrieren. Für andere Branchen würde das die Lage weiter verschärfen.

Dabei reicht die Bedeutung von Helium weit über die Chipindustrie hinaus. Es wird in der Medizintechnik eingesetzt, etwa in MRT-Scannern, ebenso in der Raumfahrt, in Reinräumen oder bei der Herstellung von Glasfasern und Displays. Überall gilt: Einen echten Ersatz gibt es nicht.

Entspannung oder Eskalation?

Eine neue Chipkrise wie in der Pandemie erwartet Lipkow derzeit dennoch nicht. "Es handelt sich um Störungen in den Lieferketten", sagt er. Die Folge seien Verzögerungen und Verlagerungen von Prozessen. Länder und Unternehmen versuchten, Ausfälle über alternative Routen zu kompensieren – was die Preise weiter nach oben treibe. Es handele sich eher um einen temporären Schock als um ein strukturelles Problem. Mit der Wiedereröffnung der Straße von Hormus werde sich die Lage entspannen. "Es liegt im Interesse Katars, die Lieferungen schnellstmöglich wieder aufzunehmen."

Auch Krämer sieht aktuell noch keine umfassende Krise. "Das könnte sich aber ändern", warnt er. Im Ernstfall könnten knappe Mengen priorisiert werden – etwa zugunsten kritischer Industrien. Weniger essenzielle Anwendungen wie Luftballons oder Sporttauchen könnten eingeschränkt werden. Zudem ließen sich Teile der Lieferungen über Häfen am Roten Meer umleiten.

Doch das Risiko bleibt, räumt auch Lipkow ein: "Je länger der Konflikt tobt, desto größer dürften die Auswirkungen sein." 

Quelle: ntv.de

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