Wirtschaft

Wie die Corona-Schulden abbauen? IW fordert mehr Arbeit und weniger Urlaub

Der Staat sucht dringend neue Geldquellen für die Corona-Schulden. Die Ökonomen des arbeitgebernahen Wirtschaftsinstituts IW schlagen vor, bei der Arbeitsproduktivität anzusetzen. Mehrarbeit soll "schlummernde Wachstumspotenziale" wecken und Steuererhöhungen so vermieden werden.

Die Staatsschulden sind wegen der Hilfsprogramme in der Pandemie rasant gestiegen. Das war gut für die Wirtschaft. Doch irgendwer muss am Ende des Tages auch die Zeche zahlen und die Corona-Schulden tilgen. Heftige Debatten gibt es bereits um mögliche Steuererhöhungen, eine Vermögenssteuer oder die Rente mit 68, um von diesem Schuldenberg wieder herunterzukommen. Auch das arbeitgebernahe Wirtschaftsinstituts IW hat nun einen Vorschlag unterbreitet: Wie die Rente mit 68 setzt dieser am Arbeitsmarkt an, was den Arbeitnehmern nicht schmecken dürfte.

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Um die Krisenfolgen zu bewältigen, sollen alle mit anpacken, fordert IW-Chef Michael Hüther.

(Foto: imago images/Stefan Zeitz)

Denn sie sollen laut den Ökonomen den Schuldenberg durch mehr Arbeit und weniger Urlaub abtragen: Eine Arbeitswoche sollte ihrer Überzeugung nach mindestens 36 Stunden betragen (statt durchschnittlich 34 im Jahr 2019). Außerdem fordern sie den Wegfall von anderthalb Wochen Urlaub. Die Experten sind überzeugt, dass die Wirtschaftsleistung so deutlich gesteigert wird und Steuererhöhungen vermieden werden können.

Vorbild für die Studie mit dem Titel "Schlummernde Wachstumspotenziale im deutschen Arbeitsmarkt" ist die Schweiz: "So arbeiten in der Schweiz Männer und Frauen pro Kopf nicht nur deutlich mehr Stunden pro Woche, sondern auch fast anderthalb Arbeitswochen mehr im Jahr als hierzulande", heißt es. Wenn die Arbeitnehmer zwei Stunden die Woche länger arbeiten und auf anderthalb Wochen Urlaub im Jahr verzichten würden, entspräche das unterm Strich 7,7 Milliarden Arbeitsstunden, was die Wirtschaftsleistung um sechs Prozent nach oben pushen würde.

Der "Bild"-Zeitung erklärte IW-Chefökonom Michael Hüther zu diesem Vorschlag: "Die finanziellen Lasten aus der Pandemie können wir jahrzehntelang vor uns herschieben - oder wir nutzen Potenziale, die bisher brachliegen. Viele Frauen beispielsweise arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, weil Kitaplätze fehlen. Allein für die unter Dreijährigen fehlen 340.000 Betreuungsplätze. Diese Versäumnisse aus den vergangenen Jahrzehnten kommen uns jetzt teuer zu stehen. Um die Krisenfolgen zu bewältigen, müssen wir jetzt alle mit anpacken."

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Ob mehr Arbeitsstunden wirklich die Produktivität nachhaltig erhöhen, ist unter Wirtschaftsexperten jedoch umstritten: Der ehemalige Wirtschaftsweise Lars Feld kommentierte in der "Bild"-Zeitung: "Das Verlangen nach Work-Life-Balance bei zunehmendem Fachkräftemangel wird eher dazu führen, dass die Menschen in Teilzeit ausweichen und dann nicht viel gewonnen ist. Ich setze zur Wohlstandssteigerung am ehesten auf Innovation."

Fest steht aber: Im Corona-Jahr ist die Wirtschaftsleistung Deutschlands um 4,9 Prozent und die geleisteten Arbeitsstunden um 4,8 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbstätigen um 1,1 Prozent zurückgegangen. Laut Berechnungen des IW in einer früheren Studie werden Bund, Länder und Kommunen zudem bis 2022 rund 650 Milliarden Euro neue Schulden auftürmen. Auf insgesamt 2,7 Billionen Euro wird der Schuldenstand des deutschen Staates bis dann anwachsen. Die Zahl könnte sogar noch größer werden, heißt es. Von allein wird sich das nicht beheben, sind die Wirtschaftsforscher überzeugt. Deshalb müssten die Weichen gestellt werden, um die Schulden in den kommenden Jahren abzubauen.

Quelle: ntv.de, ddi

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