Wirtschaft

Interview mit Thomas Middelhoff "Ich war immer auf der Flucht vor mir selbst"

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Thomas Middelhoff will, dass junge Menschen aus seinen Fehlern lernen.

(Foto: picture alliance / Bernd Thissen)

Einst war Thomas Middelhoff einer von Deutschlands absoluten Top-Managern. Sein Leben war extravagant: Weil er den Stau auf dem Arbeitsweg vermeiden will, fliegt er mit dem Jet oder Hubschrauber ins Büro. Er besitzt eine Villa in St. Tropez, chartert Luxusjachten. Für Middelhoff hat das alles jedoch ein bitteres Ende: 2014 muss der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Karstadt-Quelle-Konzerns Arcandor und der Bertelsmann AG für drei Jahre ins Gefängnis - wegen Untreue und Steuerhinterziehung. Bei der Reihe "Fuckup Nights" der Frankfurter Goethe-Universität sprach der heute 65-Jährige vor Studenten über sein Scheitern. Davor hat er sich mit n-tv über seine Erfahrungen unterhalten.

n-tv: Die "Fuckup Night" steht unmittelbar bevor, was ist für Sie die Motivation, hier zu sprechen?

Thomas Middelhoff: Ich will eine jüngere Generation aus meinen Fehlern lernen lassen und offen darlegen, was ich in meinem Leben nicht richtig gemacht habe, wenn ich heute Bilanz ziehe.

Wie fühlt sich das an, tatsächlich von seinen eigenen Fehlern zu sprechen?

Das ist natürlich schwierig. Zumal, wenn man in solchen Höhen der deutschen Wirtschaft operiert hat. Meine Beobachtung ist, dass es leider relativ wenig Wirtschaftsführer gibt, die über ihre Fehler reden. Im Regelfall macht man ja alles richtig oder es wird so dargestellt, dass es zwangsläufig die richtige Entscheidung war. Ich glaube, gerade für junge Studenten, für junge Menschen, ist es außerordentlich wichtig, zu lernen, dass auch diese Übermenschen der deutschen Wirtschaft menschliche Wesen sind.

Als Topmanager ist man also kein Übermensch?

Man ist natürlich ein bisschen entrückt vom normalen Leben. Man wird so hofiert, dass man fast glaubt, man sei etwas Besonderes. Genau das ist mir auch passiert.

Ist das dann Selbstüberschätzung oder wie würden Sie das nennen?

Stolz und Hochmut gelten als Todsünde und ich glaube, viele Führungskräfte erliegen diesen Versuchungen.

Aber sie merken es nicht?

Sie merken es nicht, weil sie es nicht kritisch reflektieren. Ihnen fehlt die kritische Distanz zu sich selbst, um beurteilen zu können: Ich unterliege hier einer Fehlentwicklung. Wirtschaftsführer stehen in ganz besonderer Weise im Fokus des öffentlichen Interesses. Ich glaube, vor dem Hintergrund ist es auch gar nicht schlimm, wenn man auch mal den einen oder anderen Fehler zugibt.

Was ist Ihr größter Fehler gewesen?

Mein größter Fehler ist, dass ich mich von meinem eigentlichen Ich entfernt habe. Ich dachte, ich könnte mir Stolz, Hochmut, Eitelkeit und Arroganz erlauben und dass sie auch Bestandteil meiner Rolle sind, die ich spiele. Mein wahres Ich war überhaupt nicht so wie die Person, die in der öffentlichen Meinung und Darstellung aufblühte.

Das heißt, eigentlich sind Sie froh, so wie es gekommen ist?

Es gibt eine ganz interessante Anekdote: An der Uni Innsbruck wurde ich einmal mit dem Titel "From Heaven to Hell" angekündigt. Nach meinem Vortrag habe ich die Studenten gefragt: "Sind Sie möglicherweise der Meinung, dass es bei mir genau umgekehrt war: From hell to heaven?" Ich meine, man kann ja ohnehin die Frage stellen, ob ein Manager in den Himmel kommen kann.

Was meinen Sie? Kommen Sie in den Himmel?

Das war damals eine rein dialektische Übung.

Was haben Sie am meisten daraus gelernt?

Ich musste mein Leben komplett auf den Kopf stellen. Gelernt habe ich daraus: Glück kann man nicht kaufen. Ich bin durch dieses Scheitern, was ich auf breiter Front erlebt habe, letztendlich trotzdem ein glücklicher Mensch geworden.

Was wollen Sie jungen Leuten mit auf den Weg geben?

Haltet euren Charakter. Es gibt im Amerikanischen einen Spruch: "Ability brings you to the top and character is keeping you there." Genau das hat mir in der letzten Konsequenz gefehlt. Im Alter von über 60 Jahren habe ich festgestellt, vielleicht hat mir an der einen oder anderen Stelle ein wenig Charakter gefehlt. Ich wünsche den jungen Leuten, dass sie die Stärke haben, Prioritäten zu setzen und die Prioritäten dort zu setzen, wo ihr Charakter die Grenzen setzt.

Kommen Moral und Ethik bei Managern zu kurz?

Sie kommen vor, aber häufig nur in Form von Beiträgen zu Sammelbänden. Wenn über Ethik überhaupt geschrieben wird. Ethik und Moral müssen aber gelebt werden. Genau wie Geradlinigkeit, Zivilcourage und Mut. Ich glaube, da gibt es noch ein großes Potenzial in der deutschen Wirtschaft.

Was macht Sie heute glücklich?

Mich macht heute glücklich, dass ich das Gefühl habe: Einen Teil der Fehler, die ich gemacht habe, die kann ich so aufbereiten und so vermitteln, dass sie anderen Menschen helfen. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe auch nur einige Menschen erreicht, dann bin ich zufrieden.

Sind Sie sind heute glücklicher als früher?

Ich habe alles erreicht, was ich mir als Manager vorgenommen habe. Ich war immer auf der Flucht vor mir selber. Heute habe ich durch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, Ruhe gefunden. Ich bin mit mir selber glücklich und zufrieden. Ich glaube, Glück kann man nur haben, wenn man eine Seele besitzt.

Was haben Sie jetzt die nächsten Jahre vor?

Ich will weiter Bücher schreiben und Vortäge halten. Meine amerikanischen Freunde glauben, dass ich mich irgendwann nochmal zusammen mit ihnen im Venture Capital bewegen kann. Mit 65 Jahren bin ich ein alter Mann. Aber ich fühle mich eigentlich noch unglaublich jung.

Quelle: n-tv.de

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