Wirtschaft

Naturschutz oder Imagepflege? Im Heizkraftwerk Berlin-Mitte summt es

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Allein in Berlin leben über 320 verschiedene Bienenarten. Die Hälfte ist vom Aussterben bedroht.

(Foto: Hedviga Nyarsik, n-tv.de)

Wenn der Straßenlärm für einen Moment verstummt, ist ein leises Brummen auf dem Vattenfall-Gelände in Berlin zu vernehmen. Tausende Bienen tummeln sich hier zwischen Straße und Kraftwerk. Den Trend zur Bienenhaltung haben mittlerweile auch Unternehmen für sich entdeckt. Doch hilft das den Insekten?

Saftige rote Erdbeeren sprießen neben dicken Kohlrabiknollen aus der feuchtwarmen Erde. Hochgewachsene Sonnenblumen schaukeln sanft im Wind. Ein Schmetterling flattert von Dahlie zu Dahlie. Dutzende Bienen gehen fleißig ihrer Arbeit nach. Auf einer grünen Eisenbank mit quietschgelben Polstern sitzt Martina Pachaly und blickt zufrieden auf ihren üppigen Garten. Erst das Hupen eines Autos erinnert daran, dass dieser nicht etwa in einem idyllischen Dorf liegt, sondern mitten in der Großstadt - zwischen Hauptstraße und dem Heizkraftwerk Berlin-Mitte.

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Martina Pachaly ist stolz auf die über 60.000 Bienen, die über das Firmengelände von Vattenfall schwirren.

(Foto: Hedviga Nyarsik, n-tv.de)

"Früher lag hier nur Müll", erinnert sich die Vattenfall-Angestellte. Heute sprießt saftiges Grünzeug aus den Hochbeeten und Blumenkübeln um sie herum. Ein wahres Paradies für nektarhungrige Insekten. Nur wenige Meter vom Garten entfernt stehen drei Bienenstöcke. Als sich Frau Pachaly ihnen nähert, wird das Summen immer lauter. Wie zur Begrüßung versammeln sich immer mehr der plüschigen Tierchen an den Öffnungen der Holzkästen. "Mehr als 60.000 Bienen leben im Sommer auf dem Firmengelände von Vattenfall", sagt Pachaly stolz.

Die Biene ist zurzeit der Star unter den Insekten. Apokalyptische Berichte über das Insektensterben und verendete Bienenvölker sorgen seit 2017 dafür, dass sich überall Menschen für die Honigbiene einsetzen und Imkern zum hippen Hobby wird. Auch immer mehr Unternehmen verschreiben sich dem Schutz der Bienen. Auf dem Dach der Berliner Sparkasse, mitten auf dem Alexanderplatz, kümmert sich eine Imkerin um rund 250.000 Bienen. Die Deutsche Bahn hat ebenfalls Bienenstöcke. Auch auf dem Werksgelände von Porsche Leipzig summt es kräftig. Mit dem Trend zur Biene kann man nicht nur das grüne Image aufpolieren, sondern auch gute Geschäfte machen. Start-ups vermieten mittlerweile ganze Bienenstöcke, inklusive Imker.

Begegnungsstätte für Mensch und Biene

Die Bienen, die über das Berliner Vattenfall-Gelände surren, sind nicht gemietet. Und das Projekt entstand auch nicht aus einer Geschäftsidee heraus. "Genau genommen ist mir die Idee dazu gar nicht selbst gekommen", sagt Pachaly. Vor sieben Jahren lernte sie einen Hobbyimker kennen, der auf seiner Terrasse in Berlin-Tegel Bienen züchtet. Er ist Ingenieur für Kraftwerktechnik und schlug Pachaly vor, Imker mit ihren Bienen auf dem Kraftwerksgelände anzusiedeln. Denn diese suchen händeringend nach neuen Standorten - bevorzugt in der Stadt. Pestizide und Monokulturen machen es den Bienen auf dem Land schwer, Nahrung zu finden.

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Diese Nachbarn verstehen sich blendend: zwei Meter hohe Sonnenblumen und das Heizkraftwerk Berlin-Mitte.

(Foto: Hedviga Nyarsik, n-tv.de)

"Am Anfang habe ich gar nicht daran geglaubt, dass das funktionieren könnte", erzählt Pachaly lachend. Doch ihr Vorschlag kommt bei den Kollegen besser an als erwartet. Viele verbinden Bienen mit Kindheitserinnerungen. Mal war es der Opa, der geimkert hat, mal ein Nachbar. So zieht Pachalys Imker-Freund bereits ein Jahr später mit seinen Bienen auf eine freie Fläche im Heizkraftwerk Buch im Norden von Berlin. Kurze Zeit später summt es dann auch hier, neben dem dunklen Klinkerbau des Kraftwerks Mitte. Mittlerweile wird an 30 verschiedenen Standorten von Vattenfall geimkert, sagt Pachaly stolz.

Den Vorwurf des "Greenwashings" musste sie sich schon mehrfach anhören. Natürlich hat es einen positiven Effekt auf das Image des Unternehmens. "Es ist aber eine Win-Win-Situation", sagt Pachaly. Der Garten ist eine Begegnungsstätte. So kommt man ins Gespräch. "Die Nachbarn geben uns Denkanstöße", sagt sie. Im Austausch können die Bewohner zum Gärtnern herkommen und ungespritztes Obst und Gemüse mit nach Hause nehmen. Mitarbeiter aus den vielen umliegenden Büros verbringen hier ihre Mittagspause. Kinder kommen zum Spielen vorbei und lernen dabei etwas über den Schutz der Insekten.

"Ach, du mit deinen Bienen"

"Das ist doch kein Fake", sagt Frau Pachaly und breitet die Arme aus. Ihr Blick bleibt an einer flachen Keramikschüssel hängen. Saftige grüne Blätter einer Wasserrose winden sich auf der Wasseroberfläche. Es ist eine Tränke für die Insekten. Früher haben die Bienen versucht, aus dem großen Wasserbecken zu trinken. Die Gärtner mussten dann die kleinen leblosen Körper aus dem Becken fischen, erzählt Pachaly betroffen. Die Bienen liegen ihr am Herzen.

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Seit 2017 treffen sich hier Nachbarn und Besucher zum Gärtnern, Picknicken oder einfach nur zum Entspannen.

(Foto: Hedviga Nyarsik, n-tv.de)

Mit der Honigbienenhaltung allein ist allerdings wenig für den Insektenschutz getan. "Es kann sogar kontraproduktiv sein. Die Tierchen verdrängen andere wichtige Insekten, beispielsweise Hummeln", sagte Tierökologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim der "Welt". Denn Honigbienen sind Futterkonkurrenten für ihre wilden Artgenossen. Diesem Problem ist sich auch Pachaly bewusst. Deshalb sollen künftig keine weiteren Bienenstöcke auf das Vattenfall-Gelände kommen. Stattdessen will das Unternehmen nachhaltig pflanzen und seltener mähen, versichert sie.

Vorsichtig läuft Martina Pachaly über die verwilderte Wiese Richtung Ausgang. Das Summen hinter ihr wird immer leiser, bis es kaum noch zu hören ist. Ihre Schritte wählt sie mit Bedacht, um die zarten Blumen und Kräuter nicht zu zertreten. Früher wurde sie für ihr Engagement belächelt. "Ach, du mit deinen Bienen", hieß es oft, wenn sie von den kleinen Tierchen erzählte. Heute will Vattenfall ihr Projekt auf ganz Europa ausweiten. An immer mehr Standorten in Großbritannien oder auch den Niederlanden finden Imker ein Zuhause für ihre Bienen. "Kaum zu glauben, aber das alles fing mit mir an", sagt Pachaly.

 

Quelle: n-tv.de

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