Wirtschaft
Die Weinrebe kann mit trockener Hitze sehr gut umgehen.
Die Weinrebe kann mit trockener Hitze sehr gut umgehen.(Foto: Becker - das Weingut)
Samstag, 11. August 2018

Winzer über die Hitze: "Im Rotweinbereich entstehen Spitzenweine"

Die anhaltende Hitze hierzulande beschäftigt auch die Winzer. Die Trauben sind zu früh reif, die Aromen noch nicht ausgebildet. Fruchtige Weißweine könnten zur Rarität werden. Aber es gibt auch Profiteure, sagt Weinbauer Marco Becker im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Becker, haben Sie einen solch durchgängig heißen Sommer schon einmal erlebt?

Marco Becker: Einen so extremen Sommer? In meiner Zeit als Winzer kann ich mich daran nicht erinnern. Ich habe das Weingut 2004 von meinem Vater übernommen. Aber ich bin schon seit Beginn der 1990er hier am Weinberg.

Mussten Sie die Weinlese wegen der Wetterlage vorziehen?

Nein, bis jetzt haben wir damit noch nicht begonnen. Aber theoretisch hätte man schon damit anfangen können. Einige Winzer sind ja schon dabei, da spielt mancherorts aber sicher auch die Aussicht auf einen historischen Rekord eine Rolle.

Wann beginnt Ihre Weinlese?

Ich hoffe, dass ich sie noch bis in die erste Septemberwoche schieben kann. Der Reifegrad macht sie zwar derzeit schon möglich, der Fruchtzucker-Gehalt, der Oechsle-Grad - früher ein Ausdruck für einen guten Wein -, gibt das schon her. Allerdings findet die Aromabildung erst später statt, deshalb wollen wir noch etwas warten.

Wann findet die Weinlese in der Regel auf Ihrem Weingut statt?

Normal war eigentlich immer die dritte Septemberwoche, die zweite Hälfte im September, so ab 20. oder 23. September. Da ist es dann auch schon kühler, was die Arbeit bei der Weinlese natürlich erleichtert. Auch die Weinkeller haben dann eine bessere Temperatur. Allerdings hat sich das in den vergangenen Jahren schon etwas vorverlagert auf die erste oder zweite Septemberwoche.

Was bedeutet diese für deutsche Wetterverhältnisse Rekord-Sommerhitze für die Trauben, für den Wein?

Das Weingut von Marco und Alexandra Becker liegt in Ebersheim, einem Mainzer Vorort.
Das Weingut von Marco und Alexandra Becker liegt in Ebersheim, einem Mainzer Vorort.(Foto: Becker - das Weingut)

Bei den Trauben schaut man neuerdings nicht mehr so auf die Oechsle-Grade, es steht vielmehr der Säure-Gehalt im Vordergrund. Der wird bei diesen Temperaturen sehr schnell abgebaut. Das führt dann dazu, dass wir diese fruchtigen weißen Weine nicht mehr haben, für die Deutschland eigentlich bekannt ist - wie Riesling beispielsweise.

Deutschlandweit klagen die Landwirte über die Auswirkungen dieses Rekordsommers. Von den Winzern hört man nichts ...

(lacht) Fast nichts. Weinreben sind Tiefwurzler, sieben, acht, neun Meter reichen die Wurzeln in die Erde. Da ist Niederschlagsarmut zunächst nicht so ein großes Problem. Allerdings dauert es auch einige Jahre, bis die Reben ihre Wurzeln so tief ausgebreitet haben. Speziell Reben, die jetzt zwei bis fünf Jahre alt sind, leiden dann doch. Diese Weinberge haben dann zwar schon den Ertrag, aber das dafür nötige Wurzelsystem noch nicht. Am besten sind derzeit die Weinberge dran, deren Reben zwischen 10 und 15 Jahre alt sind und älter.

Also sind heiße, trockene Sommer letzten Endes für Winzer besser als feuchte und kühle?

Ja eigentlich schon, wobei es natürlich auch auf die Mischung zwischen Trockenheit und Niederschlag ankommt. Auch die Weinberge brauchen immer mal wieder Niederschlag. Er sollte dann aber nicht als kurzer Sturzregen oder gar Hagel runterkommen. Ab Zeitpunkt Reife sollte es dann keinen Niederschlag mehr geben, sonst können die Trauben schnell anfangen zu faulen, Stichwort Essigfäule, vor allem bei diesen heißen Nächten wie derzeit. Starkregen kann die Trauben ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen, da anhand des osmotischen Gefälles die Trauben schnell viel Wasser ziehen und dann einfach platzen. Man muss aber auch sagen: In trockenen Sommern ist der Schädlingsbefall, etwa durch Pilze, deutlich geringer.

Ist es für eine Einschätzung des Weinjahres 2018 noch zu früh?

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Die Faustregel heißt: Die Lese entscheidet sich immer in den letzten paar Tagen. Wenn es da beispielsweise hagelt, war es das. Allerdings wird der 2018er Jahrgang schon hoch gelobt zurzeit. "Jahrhundert-Jahrgang" - wie man derzeit auch lesen kann - finde ich aber ein wenig übertrieben. Ich würde von einem außerordentlich guten Jahrgang, mancherorts auch von einem Spitzen-Jahrgang sprechen. Vor allem im Rotweinbereich wird es in diesem Jahr Spitzenweine geben. Die Weißweine werden dagegen weniger fruchtig ausfallen. Ob das dem Verbraucher gefällt, wird sich zeigen.

Apropos Verbraucher: Für sie steht oft der Preis im Vordergrund und der ergibt sich meist aus dem Ertrag.

Der Ertrag wird im Schnitt gut sein, wobei es je nach Lage, Boden, Bewässerungsmöglichkeiten und Niederschlag große Unterschiede geben kann. Bei den Weinpreisen sehe ich keine große Bewegung. Das liegt aber auch daran, dass der Weinbau mittlerweile zu einem globalen Geschäft geworden ist.

Wenn dieser Rekordsommer 2018 in Serie ginge, was wären die Folgen für den deutschen Weinbau?

Die Winzer müssten sich zum Großteil umorientieren, ganz klar. Die Weißweine könnten sich weiter Richtung Norden verschieben: Schleswig-Holstein, Dänemark, Schweden, Norwegen sogar. Deutschland würde dann eher zum Rotwein-Land werden.

Für die Winzer heißt das: andere Rebsorten in die Böden, aber das dauert.

Ganz genau. Momentan hoffen deshalb die meisten, dass diese Sommerhitze 2018 nicht zur Regel wird, auch weil der Verbraucher hierzulande eher die fruchtigen Weißweine favorisiert. Das Klima ist zwar maßgeblich für die Produktion, aber letzten Endes entscheidet der Verbraucher, was er trinkt. Heute kommen die fruchtigen Weißweine aus Deutschland. Bleibt das Wetter in den kommenden Jahren so, sind es dann vielleicht schwedische Weißweine, die nachgefragt werden.

Mit Marco Becker sprach Thomas Badtke

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Quelle: n-tv.de