Wirtschaft

Wer erkennt wessen Impfstoff an? Impfpässe könnten Chaos statt Freiheit bringen

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Sinovac exportiert seinen Corona-Impfstoff vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländer.

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Geimpften Bürgern sollen bald wieder internationale Reisen ermöglicht werden. Jedoch erkennen etwa die EU und ihr wichtiger Handelspartner China ihre Impfstoffe bisher gegenseitig gar nicht an. Eine schwierige Abwägung steht bevor.

Den US-Amerikanern kann Ursula von der Leyen Hoffnung machen: "Eines ist klar", sagte die EU-Kommissionschefin kürzlich der "New York Times", "alle 27 Mitgliedstaaten werden bedingungslos jeden akzeptieren, der mit einem von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassenen Impfstoff geimpft wurde." In wenigen Monaten können demnach etwa geimpfte US-Bürger wieder zu Geschäfts- oder Urlaubsreisen nach Europa fliegen. Denn die bislang in den USA verwendeten Impfstoffe sind auch in der EU zugelassen.

Impfbescheinigungen oder entsprechende Pässe, die eine Rückkehr zu einem annähernd normalen Reiseverkehr ermöglichen sollen, planen fast alle Länder. So einfach wie im Fall geimpfter US-Touristen wird es jedoch für viele andere Reisende nicht. Denn in vielen Ländern wird mit Präparaten geimpft, die in der EU nicht zugelassen sind, und umgekehrt. Derzeit ist noch nicht einmal klar, ob, wenn es neue Reisefreiheiten zwischen den USA und der EU mithilfe von Impfpässen gibt, Millionen von Europäern davon profitieren werden, die mit dem Impfstoff von Astrazeneca immunisiert wurden.

Die Zulassung des Astrazeneca-Präparats, das auch in Großbritannien und vielen anderen Ländern verwendet wird, durch die US-Arzneimittelbehörde FDA wird immerhin in Kürze erwartet. Ganz anders ist die Situation allerdings bei den chinesischen Impfstoffen. Dabei ist eine Normalisierung des Reiseverkehrs mit China für Europas und speziell Deutschlands Wirtschaft von höchster Bedeutung. China ist Deutschlands größter Handelspartner und seine Bürger stellten - vor der Pandemie - die größte Gruppe außereuropäischer Touristen. Ein weitgehendes Einreiseverbot für deutsche Mitarbeiter nach China stellt derzeit den Unternehmen zufolge eines der größten Hindernisse etwa für deutsche Maschinenbauer auf dem chinesischen Markt dar.

Hintertür für EU-Mitgliedstaaten

Dieser Zustand könnte im schlimmsten Fall noch lange anhalten. Die Zulassung chinesischer Impfstoffe ist in Europa oder den USA aber noch nicht einmal in Planung. Und auch umgekehrt ist nicht absehbar, ob und wann China die westlichen Präparate anerkennt. Chinesische Medien hatten zeitweise geradezu eine Kampagne gegen die angeblich unsicheren Impfstoffe aus Europa und den USA gefahren. Lediglich eine Prüfung des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer haben die chinesischen Behörden inzwischen zugesagt.

Die gegenseitige Anerkennung von Impfstoffen soll auch auf der Agenda der heutigen deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen stehen. Deutschland und die EU stehen dabei vor einer schwierigen Abwägung. Einerseits ist die Wiederaufnahme des Reiseverkehrs für viele Branchen überlebenswichtig. Andererseits gibt es zur Wirksamkeit der meisten der inzwischen fünf in Gebrauch befindlichen chinesischen Impfstoffe keine zuverlässigen Studien. Bei dem etwa in Lateinamerika vielfach verwendeten Präparat des Herstellers Sinovac zeigt sich Daten aus Chile zufolge, dass das Präparat deutlich weniger wirksam ist als die europäischen und US-amerikanischen Impfstoffe. Eine ungeprüfte Anerkennung aller chinesischen Impfstoffe könnte die Pandemiebekämpfung in Europa daher gefährden.

Nach bisheriger Planung wird die EU auch für nicht von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugelassene Impfstoffe eine Hintertür offen lassen. Demnach können die Mitgliedstaaten der Liste der Vakzine andere Präparate hinzufügen, um eine Einreise in das eigene Land zu ermöglichen. Das könnte neben den chinesischen Impfstoffen vor allem für das russische Produkt Sputnik V entscheidend werden, wenn dessen Zulassungsverfahren bei der EMA nicht schnell zum Abschluss kommt. Denn Sputnik V wird nicht nur in Russland und mehreren anderen außereuropäischen Ländern eingesetzt, sondern auch bereits in EU-Nachbarländern und im Mitgliedstaat Ungarn.

Quelle: ntv.de, mbo

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