Wirtschaft
Bei dem Brand kamen sieben Arbeiter ums Leben.
Bei dem Brand kamen sieben Arbeiter ums Leben.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Sonntag, 15. Oktober 2017

Tödlicher Brand bei Thyssenkrupp: Italiener wollen Deutsche in Haft sehen

Von Andrea Affaticati, Mailand

Nach einem Brand im ehemaligen Turiner Stahlwerk vor zehn Jahren wurden sechs Thyssenkrupp-Manager zu Haftstrafen verurteilt. Die Italiener traten sie an, die zwei Deutschen nicht. Jetzt macht Italiens Justizminister Druck.

Die Empörung in Italien ist groß. Zehn Jahre nach dem Brand im Turiner Thyssenkrupp-Stahlwerk, bei dem sieben Menschen starben, haben zwei der Verurteilten ihre Strafe noch immer nicht angetreten - und das, obwohl das Urteil seit über einem Jahr rechtskräftig ist. Bei den beiden Managern handelt es sich um die Deutschen Harald Espenhahn, ehemaliger Chef des Werks, und Gerald Priegnitz, damaliger Finanzchef.

Espenhahn wurde in erster Instanz zu 16 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die anderen fünf Angeklagten zu Haftstrafen zwischen 10 und 13 Jahren. Für italienische Verhältnisse galt das als ein besonders hartes Urteil, mit dem ein Exempel für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz statuiert werden sollte. Das Kassationsgericht, die höchste Instanz im italienischen Strafsystem, befand im April 2014, das Urteil sei unverhältnismäßig hart und ordnete eine Neuauflage des Prozesses an.

Neun Jahre mussten die Angehörigen auf ein definitives Urteil warten. Im Mai 2016 war es dann soweit: Das Kassationsgericht bestätigte diesmal die Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung. Espenhahn wurde zu 9 Jahren und 8 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, Priegnitz zu 6 und 3 Monaten.

Die italienischen Verurteilten traten die Strafen am Tag danach an, die beiden Deutschen bis heute nicht. Ausgeliefert nach Italien werden sie nicht. Einem bilateralen Abkommen zufolge müssten die beiden Manager die Haftstraße aber in Deutschland verbüßen - allerdings in dem Umfang, der in der Bundesrepublik für die entsprechenden Straftaten vorgesehen ist. Für fahrlässige Tötung sind das hier höchstens fünf Jahre.

Mittlerweile verliert der italienische Justizminister Andrea Orlando die Geduld. Die Vollstreckung seitens der Deutschen dauert ihm zu lange, weswegen er jetzt seinem deutschen Kollegen Heiko Maas ein Schreiben hat zukommen lassen. Zwar handele es sich noch nicht um einen "offiziellen Schritt", ließ Orlando wissen, er wolle aber schon einen gewissen politischen Druck ausüben. Immerhin müsste die deutsche Justiz über die nötigen Unterlagen und Übersetzungen verfügen, um das Urteil umzusetzen.

"Bodenlose Unverschämtheit"

Der Tod der Arbeiter hatte Italien erschüttert. In der Nacht auf den 6. Dezember 2007 war im Turiner Stahlwerk ein Brand ausgebrochen. Als es dadurch zu einem Rohrbruch kam, ergoss sich heißes Öl über die Arbeiter. Nur einer überlebte, die sieben Kollegen erlagen, manche erst Wochen später, ihren Verletzungen. Das Werk stand damals kurz vor der Schließung. Nach Ansicht der Anklage waren deshalb einige Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt worden. So sollen in jener Nacht Feuerlöscher leer gewesen sein und das Nottelefon soll nicht funktioniert haben.

Die Staatsanwaltschaft warf den zwei Deutschen und vier Italienern vor, das Risiko eines Brandes "bewusst in Kauf genommen zu haben". Thyssenkrupp widersprach dem und wies zunächst auf eine "Verkettung unglücklicher Umstände" hin. Mittlerweile hat der Konzern die Hinterbliebenen mit insgesamt rund 13 Millionen Euro entschädigt. Außerdem versicherte Thyssenkrupp, die Ausbildung der Kinder der toten Arbeiter zu bezahlen.

Dass die beiden deutschen Manager nicht in Haft sind, erzürnt Angehörige dennoch. "Eine bodenlose Unverschämtheit ist das", klagt Rosina Plati in einem Interview mit der Zeitung "la Repubblica". Ihr Sohn Giuseppe Demasi, damals 26 Jahre alt, starb als letzter, nach einer vierwöchigen Agonie. "Die Deutschen werden, wenn überhaupt, gerade einmal fünf Jahre absitzen. Das ist doch ein Skandal!"

"Deutschland ist verpflichtet das Urteil zu vollziehen", sagt Antonio Bucozzi, der einzige Überlebende jener tragischen Nacht, der Zeitung "Corriere della Sera". "Es ist schlichtweg ungerecht, dass die zwei noch immer auf freiem Fuß sind."

"Wie kann das überhaupt sein?", fragt sich Grazielle Rodino, Mutter eines der Opfer. "Für uns Angehörige ist es noch immer eine offene Wunde. Ich gehe jeden Tag an das Grab meines Sohnes und bete, dass alle Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden."

Quelle: n-tv.de