Wirtschaft

"Ganze Branche wird geopfert" Kreuzfahrt-CEO entsetzt über Regierung

In einem persönlichen Brief an diverse Politiker fordert Kreuzfahrt-CEO Michael Thamm Unterstützung und eine Überarbeitung der Reisewarnungen. Die Reaktion darauf? Es gibt keine, sagt der Costa-Chef und findet im Interview deutliche Worte für die deutsche Regierung.

Die Corona-Krise hat auch die Kreuzfahrtbranche schwer getroffen. Aida Cruises will ab diesem Samstag wieder mit Mittelmeerreisen ins Geschäft starten. Im Interview mit der RTL/ntv-Redaktion kritisiert Michael Thamm, CEO beim italienischen Kreuzfahrt-Unternehmen Costa Crociere, in aller Deutlichkeit das Verhalten der deutschen Politik und den nicht vorhandenen Willen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. "Es kann doch nicht sein, dass die Kanzlerin verkündet, wir wollen keinen totalen Lockdown, aber der Kreuzfahrt wird genau dieser Lockdown verordnet", so Thamm.

Michael Thamm, CEO beim italienischen Kreuzfahrt-Unternehmen Costa Crociere.

Michael Thamm, CEO beim italienischen Kreuzfahrt-Unternehmen Costa Crociere.

(Foto: AIDA Cruises)

Das Unternehmen ist eine der vier operativen Gesellschaften der Carnival Corporation & plc. Über sie betreibt der Weltmarktführer für Kreuzfahrten neben den Costa Kreuzfahrten auch die Schiffe der Marke AIDA Cruises. Die Reisewarnungen, speziell für die Kreuzfahrt und die Einstufung der Kanaren als Risikogebiet, gehen Thamm zu weit, weshalb er Anfang Oktober einen Brandbrief an Außenminister Heiko Maas, Kanzleramtschef Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn schickte.

Zehn Tage seien seit seinem Brief vergangen und er habe noch keine Antwort erhalten. "Ich bin auch enttäuscht und entsetzt, muss ich sagen, wie man sich so verhalten kann. Ich habe diesen Brief geschrieben, der ist verteilt worden. Ein Tag später rief der italienische Botschafter an und hat gesagt, kann ich Dir irgendwie helfen? Von der deutschen Politik habe ich gar nichts gehört. Wie ist denn sowas möglich?", sagt er.

Kein Verständnis für Untätigkeit

Der Kreuzfahrt-CEO hat zudem nur wenig Verständnis dafür, warum sich die Politik, anders als bei Lufthansa oder TUI, nicht ebenso um die Kreuzfahrtbranche bemüht: "Ich möchte da gar nicht spekulieren, aber ich finde, was fehlt, ist die Bereitschaft, auch Lösungen zu suchen und dass eine ganze Branche hier geopfert wird, das akzeptieren wir nicht. Dafür haben wir diese Regierung nicht gewählt."

Die Flotte des Unternehmens, das nach eigenen Angaben rund 25.000 Mitarbeiter beschäftigt, liege seit etwa sieben Monaten still. "Wir fangen jetzt langsam erst wieder an", sagt Thamm. Aufs Jahr hochgerechnet, gehe es um Milliarden Euro. Die gemeinsam mit nationalen und internationalen Behörden und medizinischen Experten entwickelten Corona-Protokolle der Reedereien hätten sich als wirksam erwiesen, es habe bisher keine Beeinträchtigungen durch Infektionen gegeben.

Über die Pläne, trotz Reisewarnungen am 1. November mit Aida auch mit den Kanaren-Touren starten zu wollen, kündigt Thamm an: "Es gibt eine Reisewarnung für Spanien, weil das Auswärtige Amt nicht differenziert, was falsch ist - meiner Meinung nach. Die Kanaren haben ja eine Inzidenzrate, die entspricht der von Hamburg und deswegen stationieren wir dort auch Kapazität und wollen deutschen Urlaubern eine sichere Brücke in einen sicheren Urlaub liefern."

Quelle: ntv.de, hek