Krieg trifft deutsche Wirtschaft"Wir erwarten eine Verdoppelung der Energiepreise"

Gerade zeichnet sich in Deutschland nach Jahren der Dauerkrise eine leichte Belebung der Wirtschaft ab. Der Iran-Krieg könnte das zunichtemachen. Der Chefvolkswirt der ING, Carsten Brzeski, rechnet mit einer Verdoppelung der Energiepreise und mit einer Rückkehr der Inflation. Erinnerungen an die letzte Energiekrise werden wach.
ntv.de: Welche Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Deutschlands Wirtschaft erwarten Sie?
Carsten Brzeski: Wir rechnen mit einer Verdopplung der Energiepreise. Noch im Herbst lag der Ölpreis bei 50 Dollar pro Barrel und jetzt rechnen wir damit, dass er auf 100 Dollar oder darüber steigen könnte. Das träfe die Industrie, die in den vergangenen Jahren schon unter hohen Energiekosten gelitten hat - ausgerechnet jetzt, wo es konjunkturell gerade wieder leicht nach oben ging. Erfahrungsgemäß ziehen mit dem Ölpreis auch die Gaspreise an. Die Lage ist vergleichbar mit dem Beginn der Energiekrise 2021/2022, wobei es aber auch Unterschiede gibt: Wir müssen uns diesmal nicht erst von Russland entkoppeln, und saisonal kommen wir aus dem Winter heraus, nicht hinein. Deshalb dürfte der Energiepreisschock voraussichtlich milder ausfallen als damals. Aber das ist noch nicht alles: Zweitens drohen Lieferketten-Probleme. Über die Straße von Hormus läuft nicht nur Öl, sondern auch regulärer Schiffsverkehr. Als exportorientiertes Land sind wir dadurch anfällig für Unterbrechungen, die Produktionsverzögerungen und höhere Preise nach sich ziehen, erneut vor allem zulasten der Industrie.
Sie ziehen den Vergleich zur Energiekrise, die durch Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgelöst wurde. Sind wir heute besser aufgestellt oder sogar verwundbarer?
Wir müssen zwischen Preis- und Mengenrisiko unterscheiden. Bei der Menge sind wir heute etwas weniger verwundbar als 2021/22: Wir müssen nicht mehr mit massiven Ausfällen rechnen; Erdgas kommt etwa aus Norwegen und - als LNG - aus den USA, und Iran ist ohnehin kein Hauptproduzent. Beim Preis, also den Weltmarktpreisen, bleiben wir aber genauso empfindlich wie zuvor. Kurz: Bei der Versorgungslage sind wir robuster, beim Preis nicht.
Was bedeutet das für die Industrie? Wir haben während der letzten Energiekrise viel über energieintensive Branchen wie die Chemie gesprochen, die von den hohen Preisen stark getroffen wurden. Ist die Industrie jetzt besser für solche Schocks gerüstet?
Jein. Die Industrie bleibt stark abhängig von Energiepreisen; deshalb gibt es inzwischen den Industriestrompreis, also eine staatliche Entlastung. Einige Unternehmen sind inzwischen wegen der hohen Energiepreise verschwunden, aber die großen Branchen wie Chemie, Automobil und Schwerindustrie sind weiterhin da und zentral für die deutsche Wirtschaft. Die Verwundbarkeit gegenüber Energiepreisen bleibt hoch. Insgesamt sollte man nicht überdramatisieren: Wir wissen nicht, wie lange die aktuelle Phase anhält, und viele Unternehmen haben sich in Zeiten niedriger Ölpreise über Absicherungsgeschäfte eingedeckt. An der Tankstelle spürt man Preisänderungen sofort, in der Schwerindustrie kommen sie verzögert an.
Ist das ein politisches Versäumnis, dass Deutschland immer noch so verwundbar ist bei der Energie?
Ich würde nicht von einem politischen Versäumnis sprechen. Man hätte höchstens früher für mehr inländische Energieproduktion sorgen können. Das lässt sich aber in ein paar Jahren nicht aufholen. Was immerhin passiert ist: Wir haben das Mengen- beziehungsweise Zulieferproblem angegangen und stärker diversifiziert, sind also weniger von einem einzigen Lieferanten abhängig. Das ändert aber nichts daran, dass uns Preisbewegungen treffen. Sonst hätte man im Grunde nicht viel machen können. Natürlich kann und sollte man energieeffizienter arbeiten und Produktionen umstellen. Aber selbst die USA als Nettoexporteur von Öl und Gas haben kein Mengenproblem und werden trotzdem vom Weltmarktpreis getroffen. Insofern ist ein Stück weit unser Schicksal: Wir sind ein Industrieland, wir brauchen diese Industrie - und die ist energieabhängig.
Sie haben gerade den Industriestrompreis angesprochen. Müssen wir möglicherweise den ganzen Subventions-Werkzeugkoffer - etwa eine Gaspreisbremse - wieder auspacken?
Im Moment sind die Füllstände der Gasspeicher sehr niedrig. Bis zum Herbst müssen die Speicher in der Regel 70 bis 80 Prozent befüllt sein. Das heißt: Wir müssen jetzt zügig auffüllen. In erster Linie geht es also darum, die Reserven hochzufahren. Danach wird sich zeigen, was an Preiserhöhungen für die kommende Heizperiode bei den Verbrauchern und bei den Unternehmen ankommt. Dann wird die Diskussion über mögliche Subventionen und Preisdeckel wohl wieder aufkommen, wenn die Lage länger so bleibt.
Der letzte Energiepreisschock hat sich in einer stark erhöhten Inflation niedergeschlagen. Kommt die wieder zurück?
Wenn der Ölpreis wieder über 100 Dollar pro Barrel steigt und dort einige Monate bleibt, müssen wir uns schon im Sommer auf Inflationsraten um fünf Prozent einstellen. Das bedeutet einen spürbaren Kaufkraftverlust und würde manche Haushalte erneut hart treffen. Kurz: Steigt der Ölpreis nachhaltig über 100 Dollar, kommt auch die Inflation spürbar zurück.
Was heißt das für die Konjunktur? 2023/24 folgten auf den Inflationsschock stark steigende Zinsen, die die Konjunktur einbrechen ließen?
Das Erste ist der Kaufkraftverlust durch die Inflation: Ich sehe keine Lohnabschlüsse, die diese Inflation ausgleichen könnten. Das ist Gift für die Konjunktur. Geldpolitisch steht die Europäische Zentralbank (EZB) vor einer schweren Entscheidung: Ein klassischer Ölpreisschock - und den haben wir jetzt - wirkt in zwei Richtungen: Er treibt die Inflation, dämpft aber zugleich das Wachstum. Die EZB steht also vor der Frage: Lasse ich das laufen und tue nichts, trotz der Erfahrungen 22/23, als sie zu spät war? Oder erhöhe ich die Zinsen und bremse damit das Wachstum weiter? Keine leichte Aufgabe! Ich rechne aber nicht mit einer Wiederholung der letzten Krise. Damals sind wir aus einer Niedrigzinsphase in den Energiepreisschock gestartet; jetzt gehen wir mit deutlich höheren Zinsen hinein. Zinserhöhungen schließe ich nicht aus, aber eine Zinskeule wie 22/23 erwarte ich nicht. Jetzt könnte es allenfalls leicht nach oben gehen.
Der aktuelle Aufschwung, der sich abzeichnet, ist unter anderem mit einem massiven Schuldenpaket erkauft. Was heißt das politisch, wenn diese noch schwache Belebung der Konjunktur nun wieder in sich zusammenfällt?
Das politisch hart erkämpfte Sondervermögen sollte man jetzt nicht anrühren oder verwässern. Wir haben weiterhin langfristige Probleme: Verteidigung, marode Infrastruktur. Wir müssen aufpassen: Milliarden wachsen nicht auf Bäumen. Zusätzliche kurzfristige Gegenmaßnahmen sollten deshalb nur mit Fingerspitzengefühl ergriffen werden. Im Einzelfall, nach Sektor oder Unternehmen, kann man gezielt unterstützen; das gehört dann in eine strukturpolitische Logik. Ein wildes Geldverteilen, nur um kurzfristige Effekte abzufedern, würde den laufenden Strukturwandel eher ausbremsen.
Wenn die Konjunktur einbricht und Energiepreise sowie Zinsen hochgehen - bei ohnehin großen Haushaltslücken -, kommen wir mit unseren finanzpolitischen Mitteln durch?
Deutschlands Finanzen sind im internationalen Vergleich noch solide, aber der Druck auf den Bundeshaushalt steigt. Wir sind durch Finanzkrise, Eurokrise, Pandemie, Energiekrise gekommen - eine neue Krise würde sich nahtlos anschließen und neue Verschuldung notwendig machen. Strukturell wird man die Schuldenbremse wohl nicht anfassen. In einem Extremszenario könnte die Bundesregierung die Notlageklausel erneut ziehen und temporär höhere Neuverschuldung zulassen. Aber die Rechnung dafür, all diese Krisen finanzpolitisch über neue Schulden zu lösen, wird irgendwann kommen. Dann wird es um Verteilung gehen: Wer trägt die Last, wo wird gekürzt?
Mit Carsten Brzeski sprach Max Borowski.