Wirtschaft

"Reine Trotzreaktion"Lufthansa macht Tochter-Airline zu "schwachsinnigstem Zeitpunkt" dicht

17.04.2026, 18:55 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Ein Airbus A319 der Lufthansa Cityline. (Foto: picture alliance / kolbert-press/Martin Agüera)

Das Ende der Regionalfluggesellschaft Cityline kommt nach Einschätzung von Branchenexperte Gerald Wissel zur Unzeit. Grund sind extrem verhärtete Fronten zwischen Lufthansa und Gewerkschaften. Letztere stehen unter enormem Druck.

Die Schließung der Lufthansa-Tochter Cityline ist nicht nur in den Augen von Gewerkschaftern, sondern auch aus Expertensicht eine Strafe für die Streiks. "Das ist eine reine Trotzreaktion auf den Streik zur 100-Jahr-Feier des Konzerns", sagt Branchenexperte Gerald Wissel im Gespräch mit ntv.de. Jetzt mit sofortiger Wirkung den Betrieb der Airline einzustellen, sei der "schwachsinnigste Zeitpunkt", findet der Gründer von Airborne Consulting. "Betriebswirtschaftlich gibt es dafür keinen Grund."

Denn die Regionalfluggesellschaft sollte ohnehin zum Jahresende schließen. Der Verkauf von deren Flugzeugen werde nun nicht schneller gehen als ursprünglich geplant, stellt der Luftfahrtexperte klar - Prüfungen und Wartung vor einem Flugzeug-Verkauf kosten Zeit. "Das Betriebsende hätte geräuschlos ablaufen können", sagt Wissel. An anderen Stellen mache der Konzern größere Verluste als bei der Cityline.

Auch Branchenkenner Cord Schellenberg sieht in der vorgezogenen Schließung eine Antwort auf den Streik zur 100-Jahr-Feier. Der PR-Berater findet die Entscheidung betriebswirtschaftlich allerdings nachvollziehbar. Schließlich sei die Regional-Airline schon lange unprofitabel, und infolge des Iran-Kriegs seien die Kerosin-Preise so gestiegen, dass die Dynamik eine andere sei als vor Kriegsbeginn.

Das große Problem, warum der Tarifstreit so eskalieren konnte, ist nach Wissels Einschätzung, dass keiner der drei führenden Köpfe von Konzern sowie den Gewerkschaften Ufo und Vereinigung Cockpit (VC) bereit sei, auch nur einen Schritt auf die andere Seite zuzugehen. "Wie drei Jungs, die streiten und einen Erwachsenen bräuchten, der dazwischengeht", bedauert der Branchenbeobachter, der früher selbst als Luftfahrt-Manager tätig war.

"Unter vorherigen Vorstandschefs undenkbar"

Dabei ist in seinen Augen unumgänglich, dass sich alle drei Parteien zusammensetzen, um den zu teuer und komplex gewordenen Konzerntarifvertrag neu aufzusetzen. Um Geld zu sparen, setzt Lufthansa zunehmend auf Tochtergesellschaften, die nicht unter den Konzerntarif fallen.

Die Cityline-Mitarbeiter sollen Weiterbeschäftigungsangebote bei anderen Konzernmarken erhalten. Frühere Wechselangebote zur City Airlines hatten viele Beschäftigte abgelehnt. Die vom Namen her sehr ähnlich klingende Gesellschaft wurde 2023 für niedrigere Kosten gegründet. Auch die ebenfalls erst wenige Jahre alte Tochter Discover Airlines soll deutlich günstiger und mit niedrigeren Personalkosten operieren als die Kernmarke.

Praktisch umsetzen lässt sich das sofortige Cityline-Ende Wissel zufolge dank der zahlreichen Töchter vergleichsweise einfach - andere Konzerngesellschaften dürften die ausfallenden Flüge übernehmen. Durch die Reduzierung von Kapazitäten auf der Langstrecke werden zudem weniger Zubringerflüge benötigt.

Die Streiks während einer Krise und der 100-Jahr-Feier zeigen, wie groß der Unmut in der Konzernbelegschaft ist. "Zu Zeiten vorheriger Vorstandschefs wäre dies undenkbar gewesen", sagt Wissel. Er hofft nun auf Johannes Teyssen, der im Mai den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen soll. Unter ihm könnten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite womöglich wieder eine Gesprächsebene finden.

Neue Maschinen, wo weniger gestreikt wird

Eine Annäherung wird auch aufgrund der schwindenden Macht von Ufo und VC wahrscheinlicher. Schellenberg sieht die beiden Gewerkschaften unter erheblichem Druck. "Dass die Lufthansa neun weitere Langstreckenmaschinen der neuen Tochter Discover statt der Kernmarke zuordnet, ist eine Ansage." Die unmissverständliche Botschaft: Wo weniger gestreikt wird, wachsen die Flotten.

Wie seit einer Woche bei der neuen Tochter City Airlines ist auch bei Discover und Eurowings die Gewerkschaft Verdi Tarifvertragspartner des Konzerns. Die konzerninternen Chancen von Tochtergesellschaften, in denen die Mitbestimmung möglicherweise reibungsloser läuft, sind offensichtlich größer, wie Schellenberg klarstellt. Die Flugbegleiter der bestreikten Cityline und Kernmarke werden weitgehend von Ufo und VC vertreten.

Quelle: ntv.de

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