Wirtschaft

Ambitionierte Bewertung MDax- und TecDax vor Realitätscheck

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picture alliance / dpa

Nach der Kursexplosion des MDax und des TecDax haben viele Unternehmen einen Börsenwert erreicht, der früher kleinen Dax-Werten entsprach. Wer von ihnen kann die Bewertung bestätigen?

Die Zahlen sind durchaus eindrucksvoll: Kleine und mittelgroße Unternehmen sind an der Börse viele Milliarden schwer. So bringt die RWE-Tochter Innogy 17,6 Milliarden Euro auf die Börsenwaage, beim Werkstoffhersteller  Covestro sind es 19,1 Milliarden. Bei der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen beträgt die Marktkapitalisierung (das ist die Anzahl der Aktien multipliziert mit dem aktuellen Kurs) 12,7, und bei der Mode-Plattform Zalando sind es 11,6 Milliarden Euro. Diese Zahlen liegen weit über dem Niveau, zu dem früher die führenden Werte aus dem MDax gehandelt worden sind.

In diesen Bewertungen ist jede Menge Fantasie eingepreist. Das lässt sich an einer Kennziffer festmachen, dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Hier wird der aktuelle Börsenkurs mit dem Jahresgewinn des Unternehmens in Beziehung gesetzt. Beim MDax, dem Index für die mittelgroßen deutschen Werte, liegt das KGV bei 16,7. Jenes für den TecDax, der sich auf die Technologiewerte fokussiert, beträgt es sogar 26,8. Der Unterschied zu den Dax-Werten ist gewaltig. "Die Bewertung der beiden Indizes liegt weit über der des Dax von 13,6", sagt Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets.

In einem Umfeld extrem niedriger Zinsen waren Investoren offenbar bereit, für starkes Wachstum fast jeden Preis zu bezahlen und haben daher munter bei MDax- und TecDax-Papieren zugegriffen. Ein Grund zur Beunruhigung? Dass diese Aktien mit einem satten Bewertungsaufschlag gegenüber dem Dax gehandelt werden, hat es außerhalb von blasenähnlichen Perioden nur äußerst selten gegeben.

Das liegt vor allem daran, dass die Umsätze in diesen Titeln üblicherweise viel kleiner sind als bei Dax-Werten. Das heißt: Wenn Investoren bei schlechten Nachrichten mittelgroße Werte verkaufen, kommt es üblicherweise zu größeren Kursrückschlägen als bei Dax-Titeln. Darum handelten MDax- und TecDax-Werte früher häufig mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber Aktien aus dem Dax. Derzeit steht die Börse also quasi Kopf.

Mit den kräftig steigenden Zinsen - jene für zehnjährige Bundesanleihen haben sich seit Mitte Dezember auf 0,7 Prozent mehr als verdoppelt -, ändert sich nun aber das Umfeld an der Börse. In dem Szenario dürften Investoren nicht zuletzt viele Schwergewichte aus den Indizes, die meist eine bessere Liquidität haben, genauer unter die Lupe nehmen. Wie steht es um die Kursperspektiven des Quartetts?

Geschäft bei Covestro und Zalando brummt

Gut dürfte der Ausblick für Covestro sein. Weil die Kasse des Kunststoffherstellers wegen der guten Weltwirtschaft klingelt, hat der Konzern im Oktober 2017 ein Aktienrückkaufprogramm von 1,5 Milliarden Euro angekündigt. Anstatt zu viel Geld für Übernahmen auf den Tisch zu legen, gibt Vorstandschef Patrick Thomas das Geld lieber an die Aktionäre weiter. Gleichzeitig treibt er die Digitalisierung voran. Da die Weltwirtschaft weiterhin gut läuft und die Covestro-Aktie trotz der Rekordfahrt mit einem 2018er-KGV von 10,6 nicht teuer ist, könnte das Papier weiter haussieren.

Ebenfalls in der Nähe des Spitzenwertes notiert die Zalando-Aktie, allerdings ist sie mit einem KGV von herben 69,5 die mit weitem Abstand am höchsten bewertete im MDax. Der Onlinehändler setzt auch im laufenden Jahr auf Wachstum und Investitionen in den Aufbau seiner Infrastruktur, der Logistikkapazitäten und den Einstieg in das Kosmetikgeschäft und achtet wenig auf die Profitabilität. Für das laufende und das nächste Jahr peilt der Konzern ein Umsatzwachplus von jeweils 20 bis 25 Prozent an. Details zum Ausblick will der Konzern bei der Vorlage der 2017er-Zahlen am 1. März vorlegen. Sollte Zalando das rasante Wachstumstempo beibehalten, könnte der Höhenflug des Papiers trotz der hohen Bewertung weitergehen.

Innogy-Aktie nähert sich Rekordtief

Aber es gibt auch Verlierer aus den aufstrebenden Indizes, die vor allem im Bereich der Versorger und der Immobilien zu finden sind. Gegenwind gibt es für sie durch die wieder steigenden Zinsen, weshalb die Innogy-Aktie sogar in die Nähe des Rekordtiefs gesunken ist.

Die RWE-Tochter muss die Nettoschulden von zuletzt 16 Milliarden Euro allmählich zu höheren Zinsen refinanzieren. Der Konzern hatte zudem Mitte Dezember vor allem wegen anhaltender Probleme in Großbritannien eine Gewinnwarnung für 2017 und einen schwachen Ausblick auf 2018 abgegeben. Während viele Analysten ursprünglich für 2018 einen leichten Anstieg des bereinigten operativen Gewinns vorhergesagt hatten, dürfte er eher sinken. Die Perspektiven erscheinen daher trüb, zumal sie trotz der schwachen Geschäftsperspektiven hoch bewertet ist.

Bei dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen brummt zwar das Geschäft. Allerdings befürchten Investoren, dass bei steigenden Zinsen nicht mehr so viel Geld wie bislang in den Immobiliensektor fließen könnte und das könnte wiederum die Wohnungspreise bremsen. Die Sorgen der Investoren könnten allerdings übertrieben sein, da das Zinsniveau immer noch niedrig ist. Dazu ist es allerdings notwendig, dass die EZB einen weiteren kräftigen Zinsanstieg verhindert, zum Beispiel durch Verbalinterventionen.

Zwei Schwergewichte dominieren den TecDax

Unter den TecDax-Werten stehen vor allem Wirecard (Börsenwert 12,3 Milliarden Euro) und United Internet (12,0 Milliarden) im Fokus der Investoren. Die Geschäftsperspektiven der beiden Schwergewichte sehen hervorragend aus. Der Zahlungsabwickler Wirecard profitiert vom Boom im Internethandel und hat 2017 den Umsatz um 45 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro gesteigert. Der Vorstand bekräftigte zudem die Prognose, dass der operative Gewinn im laufenden Jahr kräftig zulegen soll.

Der Internetdienstleister United Internet treibt nach der Übernahme des Telekomanbieters Drillisch die Expansion energisch voran. Der Konzern hat bereits bei der Netzmiete die Kräfte gebündelt, nun will Vorstandschef Ralph Dommermuth, der eine starke vierte Kraft am deutschen Markt geschmiedet hat, das auch bei der Kundenakquise vorantreiben. Die Aussichten für die Papiere von United Internet und Wirecard scheinen weiterhin gut.

Viele Unternehmen aus MDax und TecDax erreichen inzwischen zwar einen sehr hohen Börsenwert. Ob er weiter steigt, oder sich allmählich in Luft auflöst, dürfte allerdings hauptsächlich von der weiteren Geschäftsentwicklung abhängen. Diesen bevorstehenden Realitätscheck dürften einige von ihnen gut überstehen.

Quelle: n-tv.de