Wirtschaft

Leben in der Berliner Platte Marzahn ist mehr als eine graue Steinwüste

Alte Damen vor S-Bhn Ahrensfelde

Ältere Damen vor dem S-Bahnhof Ahrensfelde.

(Foto: Juliane Kipper)

Vor 40 Jahren werden am Rand von Berlin in Rekordzeit 100.000 Wohnungen aus dem Boden gestampft. Die Prestigebauten in Marzahn sind begehrt. Heute wollen wenige freiwillig in die Plattenbauten ziehen. Nur die Alteingesessenen verteidigen noch ihre "Arbeiterschließfächer".

Als Torsten Preußing vor 33 Jahren an den Rand von Berlin gezogen ist, kostete seine drei Zimmerwohnung mit 70 Quadratmetern 120 DDR-Mark. In Marzahn-Nord seien die Leute wählerisch gewesen. "Trotzdem waren die Plattenbauten 1989 hier voll belegt", sagt Preußing n-tv.de. In Marzahn seien keine "Arbeiterschließfächer" gebaut worden, so wie viele später abfällig behauptet haben. Der 73-jährige ehemalige Radio-Journalist engagiert sich seit 20 Jahren ehrenamtlich in seinem Bezirk. Zu DDR-Zeiten galten die grauen Plattenbauten als Prestigeobjekt, heute lässt vielen die Mietpreisentwicklung gar keine andere Möglichkeit, als dort zu bleiben oder hinzuziehen.

Schon in den 1970er-Jahren litt Ost-Berlin unter einer derartigen Wohnungsnot, dass es notwendig war, in kürzester Zeit möglichst viele Wohnungen zu bauen. "Es ging darum, die Wohnungsfrage als soziales Problem zu lösen", sagt Preußing. Zu Topzeiten arbeiteten deshalb bis zu 8000 Bauarbeiter auf einer Baustelle. In 13 Jahren wurden so 100.000 Wohnungen, 80 Kitas, 100 Schulen und etliche Einkaufsmöglichkeiten quasi aus dem Boden gestampft. "In Marzahn ist auf ehemaligen Rieselfeldern eine völlig neue Stadt entstanden. Das Großprojekt war von vornherein als Gesamtvorhaben geplant", sagt Architekt Wolf-Rüdiger Eisentraut n-tv.de, der vor 40 Jahren in Marzahn die ersten Platten baute.

Ur-Marzahner Torsten Preußing

Ur-Marzahner Torsten Preußing

(Foto: Juliane Kipper)

Preußing kam 1986 nach Marzahn, als die Anderthalb-Zimmer-Wohnung in Oberschöneweide für ihn und seine Familie zu eng wurde. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn zog er in die dritte Etage eines Sechs-Geschossers. Für viele Menschen bedeuten die Wohnungen eine deutliche Verbesserung ihrer Wohnsituation. In den Altbauten in Prenzlauer Berg oder Weißensee wurde oft noch mit Kohle geheizt, die Toilette war nicht selten im Treppenhaus oder auf dem Hinterhof. "Der Großteil der Menschen, die damals nach Marzahn gezogen sind, war froh, eine Wohnung zu haben, in der warmes Wasser aus der Wand kam und in der über Fernwärme geheizt wurde", sagt der Leiter des Standortmarketings Marzahn-Hellersdorf Oleg Peters n-tv.de.

Anders als heute lebten zu DDR-Zeiten Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus in den Plattenbauten. "Arbeiter, die damals Genossenschafts-Mitglieder waren, bekamen über ihren Betrieb Wohnungen zugeteilt. Deswegen gab es in der Zusammensetzung eine große Bandbreite von Mietern, die es in dem Ausmaß so heute nicht mehr gibt", sagt Peters. Dass früher der Architekturprofessor neben dem Maurer gewohnt habe, sei kein Märchen.

Nach der Wende wandelte sich das Image

Preußing lebt heute noch in der der sogenannten Wohnungsbauserie 70 - inzwischen allerdings allein. Weder nach der Wende noch als seine Frau starb oder sein Sohn auszog, hatte er mit dem Gedanken gespielt, den Bezirk zu verlassen. "Wir alten Leute stehen zu unserer Großsiedlung", sagt er. Marzahn ist für ihn keine "graue Steinwüste". In seinen Augen besticht der Bezirk vielmehr durch "Luft, Licht und Grün". Viele Bewohner sahen das jedoch anders. Nach der Wende wandelte sich das Image der Siedlung, und viele Bewohner der ersten Stunde kehrten ihr den Rücken. Jeder Vierte zog in den Jahren zwischen 1990 und 2009 weg.

Auch neue Baugebiete im Umland, Sanierungen in anderen Plattenbauten und sinkende Geburtenraten haben in Marzahn-Nord zeitweise zu einem enormen Leerstand geführt. Im Zuge des Programms "Stadtumbau Ost" wurden deswegen 2001 insgesamt 4500 Wohnungen abgerissen. "Der Rückbau war nicht nur ein Fehler, sondern auch dumm. Ich war damals einer der wenigen, der davon abgeraten hat. In anderen Regionen wie Hoyerswerda oder Schwedt war das Vorhaben sicherlich sinnvoll, in Berlin hingegen einfach kurzsichtig", sagt Architekt Eisentraut.

Platte in Marzahn-Nord

Platte in Marzahn-Nord

(Foto: Juliane Kipper)

Wer heute in Berlin mit einem kleinen Budget auf Wohnungssuche ist, darf nicht wählerisch sein. Der Stadtteil ist zur Anlaufstelle für die geworden, die sich Wohnungen in der Innenstadt nicht leisten können. Die erste Wahl ist er meist nicht. Der Großbausiedlung eilt der Ruf der Tristesse voraus, viele schreckt das ab. Von den knapp 24.000 Einwohnern am äußersten nördlichen Rand bekommen heute 60 Prozent Transferleistungen vom Staat.

Ur-Marzahner Preußing würde das alles gerne ändern und das schlechte Image aufpolieren. Dafür engagiert er sich seit 1999. "Wenn wir den sozialen Abstieg nicht aufhalten können, dann wollen wir ihn wenigstens lindern", erklärt er. Denn mit jeder Herabwürdigung seines Wohngebiets sei auch die seiner Person verbunden. "Die Siedlung ist damals nicht gebaut worden, um hier prekäre soziale Randgruppen unterzubringen, sondern um menschenwürdige Wohnverhältnisse zu schaffen." Das Konzept "Almosenbau" werde auf Dauer nicht funktionieren, warnt er.

Genau wie Preußing haben viele der Erstbezieher Marzahn nie verlassen. Der Bezirk altert darum so schnell wie kein anderer in Berlin. Der Trend sei früh erkannt und die Wohnungen entsprechend saniert worden. "Hohes Alter ist in Marzahn kein Grund für einen Umzug", sagt Standortmarketing-Leiter Peters.

Plattenbau als Mittel zum Zweck

Von diesem Weitblick profitiert das Viertel inzwischen. Trotz der erdrückenden Monotonie stehen nur wenige Wohnungen leer. Anders als die Senioren schreckt der Grauschleier junge Leute allerdings ab. Viele vermissen eine Kiez-Kultur, wie es sie etwa in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain gibt. "Als wir die Siedlung damals bauten, wollten wir eigentlich vermeiden, dass die Menschen am Rand von Berlin auf ein städtisches Leben verzichten müssen", sagt Architekt Eisentraut. Doch gerade Gaststätten, Warenhäuser und Bibliotheken seien dem Rückbau als Erstes zum Opfer gefallen.

Entlang der Havemannstraße in Marzahn-Nord reihen sich heute eine Dönerbude, eine Cocktail- und Shishabar, eine Spielhalle und eine Gaststätte namens "Die Sattmacher" aneinander. Man hat das dumpfe Gefühl, dass sich hier vor allem Menschen treffen, die gerne unter sich bleiben. Sie schätzen den dörflichen Charakter des Bezirks. Ihnen ist es wichtiger, beim Bäcker an der Ecke bekannte Gesichter zu treffen, als aus unendlich vielen Kneipen wählen zu können. Das Grau in Grau der Hochhaussiedlung sehen sie längst nicht mehr.

Die Stadtplaner versuchen trotzdem etwas mehr Farbe in den Alltag zu bringen. Aber "gegen die Monotonie, die zu Recht kritisiert wird, hilft es nicht, die Wohnungen mit Wärmedämmung einzuwickeln und die Fassade bunt anzumalen", wendet Architekt Eisentraut ein. Der Plattenbau sei nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Wenn der Senat überlege, ihn neu zu erfinden, dann sei das Unfug.

Preußing bezahlt heute für seine Wohnung 460 Euro - warm. Sicher, woanders hätte er sich eine ähnliche Wohnung gar nicht leisten können. Und trotzdem: "Nirgendwo habe ich so ein Gefühl, zu Hause zu sein, wie in Marzahn". Auch wenn die Bevölkerung älter und die soziale Situation schwieriger wird, Preußing wird nicht wegziehen: "Ich bleibe hier. Ich stehe zu Marzahn."

Quelle: n-tv.de

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