Wirtschaft

Neue Prioritäten der Belegschaft Metaller öffnen Tür zu neuer Arbeitszeitkultur

Die Einigung in der Metall- und Elektroindustrie geht weit über einen normalen Tarifvertrag hinaus. Im Mittelpunkt stehen umfangreiche Arbeitszeitregelungen. Ein Teil der Firmen knirscht mit den Zähnen. Andere Branchen dürfen das Werk aufmerksam studieren.

In einer wegweisenden Vereinbarung haben sich die Tarifparteien der Metall- und Elektroindustrie auf Lohnerhöhungen - und flexiblere Arbeitszeiten verständigt. "Die IG Metall hat heute einen Durchbruch für eine moderne Arbeitszeitkultur geschafft", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Ab kommendem Jahr können Arbeitnehmer, die sich beispielsweise stärker um ihre Kinder, ein Ehrenamt oder pflegebedürftige Angehörige kümmern wollen, ihre Wochenarbeitszeit reduzieren. Im Gegenzug erhalten Unternehmen die Möglichkeit, Mitarbeiter auch mit mehr als den üblichen 35 Wochenstunden zu beschäftigen.

Erstmals standen in den Tarifverhandlungen nicht die Lohnerhöhungen im Fokus, sondern die höhere Flexibilität, die sich Arbeitnehmer bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit in Abhängigkeit zu ihrer Lebenssituation wünschen. "Die Prioritäten der Arbeitnehmer haben sich verschoben. Statt höherer Lohnabschlüsse steht jetzt die 'work-life-balance' im Vordergrund", sagte BayernLB-Analystin Christiane von Berg. Allerdings haben die bundesweit 3,9 Millionen Beschäftigten des größten deutschen Industriezweigs künftig auch mehr im Geldbeutel.

Der Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Stefan Wolf, erklärte, der Kompromiss sei tragbar, enthalte aber schmerzhafte Elemente. Positiv sei die lange Laufzeit über 27 Monate. Dies bringe Planungssicherheit, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Die Einigung im Einzelnen:

  • Die Beschäftigten bekommen ab dem 1. April 4,3 Prozent mehr Gehalt. Für die Monate Januar bis März gibt es eine Einmalzahlung in Höhe von 100 Euro. Ab dem kommenden Jahr wird den Beschäftigten jeweils im Monat Juli ein Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts plus ein Festbetrag gezahlt. 2019 sind dies 400 Euro - er kann aber je nach Wirtschaftslage verschoben, reduziert oder ganz gestrichen werden.
  • Ab 2019 erhalten Vollzeitbeschäftigte mit mindestens zwei Jahren Betriebszugehörigkeit einen Anspruch auf die Senkung der Arbeitszeit auf bis zu 28 Wochenstunden für mindestens sechs Monate und höchstens zwei Jahre. Die als "verkürzte Vollzeit" bezeichnete Regelung kann wiederholt werden. Arbeiten zehn Prozent der Beschäftigten in verkürzter Vollzeit, muss der Arbeitgeber keine weiteren Anträge genehmigen.
  • Im Gegenzug dürfen Unternehmen mehr Verträge über 40 Wochenstunden abschließen. Die Quote, nach der maximal 18 Prozent der Beschäftigten 40-Stunden-Verträge haben dürfen, wurde beibehalten. Allerdings ist bei nachweislichem Fachkräftemangel auf Grundlage einer Betriebsvereinbarung eine Anhebung der Quote auf 30 unter bestimmten Bedingungen sogar auf 50 Prozent möglich.
  • Beschäftigte mit familiären und beruflichen Belastungen können für mehr Freizeit auf Geld verzichten: Sie können auf Wunsch den prozentualen Baustein des neuen tariflichen Zusatzgeldes, also die 27,54 Prozent, in acht zusätzliche freie Tage umwandeln.

Kritiker warnten indes, dass der Tarifabschluss das Problem des Fachkräftemangels verschärfen könnte. Laut dem Maschinenbauer-Verband VDMA steigert die äußerst großzügige Regelung zur Verkürzung der Arbeitszeit die angespannte Fachkräftesituation nochmals. Zugleich könnten die komplexen Vereinbarungen und Prüfpflichten zur Arbeitszeit vielen Mittelständlern Probleme bereiten. Der Geschäftsführer der bayerischen Metallarbeitgeber, Bertram Brossardt, sprach zudem von einer Hypothek für die Zukunft, wenn sich die wirtschaftliche Lage wieder abschwächt.

Die nun in Baden-Württemberg erzielte Einigung gilt als Pilotabschluss, dem in der Regel alle übrigen Tarifbezirke folgen. Zugleich hat der Kompromiss im größten deutschen Industriezweig Signalcharakter für andere Branchen. In diesem Jahr stehen noch Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst, der Chemie-Industrie, dem Bauhauptgewerbe sowie bei Post, Bahn und Telekom an. Der Haustarifvertrag von Volkswagen entspricht in der Regel dem Metall- und Elektroabschluss.

Quelle: n-tv.de, jwu/DJ/AFP

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