Wirtschaft

Mut zur Pause in Japan Microsoft überrascht mit Vier-Tage-Woche

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"Karoshi" - Tod durch zuviel Arbeit. Das Phänoment ist in Japan seit den 70er Jahren bekannt, aber bis heute tun sich Politik und Gesellschaft schwer, es wirksam zu bekämpfen.

(Foto: REUTERS)

80 Überstunden im Monat? In Japan keine Seltenheit. "Karoshi" oder totarbeiten gilt als offizielle Todesursache. Die Regierung in Tokio versucht vergeblich gegenzusteuern. Ein US-Techriese zwingt seine Mitarbeiter in einem Testlauf kürzer zu treten. Die Bilanz ist bemerkenswert.

Weniger ist mehr. Das hat Microsoft ausgerechnet in Japan - dem Land der Workoholics - bewiesen. Einen Monat lang hat der US-Techriese dort die Vier-Tage-Woche getestet. Den gesamten August lang durften die Beschäftigten bereits am Donnerstag ins Wochenende gehen. Die Freitage verbuchte die Tokioter Firmenzentrale unter der Rubrik "besonderer bezahlter Urlaub". Welche positiven Veränderungen das Programm "Work Life Choice Challenge" bringen würde, hatte in der Form sicherlich keiner erwartet. Nicht nur in Japan könnte das Beispiel Schule machen.

Experimente mit verkürzten Arbeitszeiten sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Unternehmen in der ganzen Welt experimentieren mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen - auch in Deutschland. Dass aber ein Global Player wie Microsoft einen solchen Versuch wagt, ist bemerkenswert. Japan ist in Sachen Arbeitsmoral zudem eine besonders harte Nuss: Nirgendwo sonst auf der Welt wird so viel geschuftet.

Das einmonatige Programm sah vor, dass die Microsoft-Mitarbeiter an ihren freien Freitagen machen konnten, was sie wollten. Sie durften zuhause bleiben oder ein Förderprogramm der Firma nutzen. Das Programm sollte "eine Umgebung schaffen, in der jeder Mitarbeiter eine abwechslungsreiche und flexible Art zu arbeiten wählen kann, passend zu seinen Arbeits- und Lebensumständen", schrieb Microsoft bei der Ankündigung des Versuchs im April.

Die Bilanz nach vier Wochen war mehr als eindrucksvoll: Es war vielleicht noch zu erwarten, dass während der Zeit gut die Hälfte weniger Papier ausgedruckt wurde oder der Stromverbrauch um ein Viertel sank. Dass die meisten Mitarbeiter sich über das Programm freuen würden, war wohl auch nicht wirklich überraschend. Dass allerdings die Produktivität der Beschäftigten bei einem Tag weniger Arbeit 40 Prozent zunehmen würde, dürfte selbst Fans der Vier-Tage-Woche verblüfft haben.

"Karoshi" - Tod durch Überarbeiten

Relativ offensichtlich ist, wie dieser Erfolg möglich war: Konferenzen durften während des Testlaufs zum Beispiel nicht mehr länger als 30 Minuten dauern. Außerdem waren die Mitarbeiter angehalten, mehr Videoschalten zu machen. Das sparte Zeit, die den eigentlichen Aufgaben zugutekam. Dass lange Arbeitszeiten nicht mit erbrachter Leistung gleichzusetzen sind, ist zudem keine neue Erkenntnis. Nackte Zahlen zeigen es: Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Japan trotz ausgeprägter Arbeitsmoral die niedrigste Produktivität unter den G7-Staaten. Dass Mitarbeiter effektiver sind, je zufriedener sie sind, ist ebenfalls nichts Neues.

Arbeiten in Japan hat seine besonderen Herausforderungen. Laut einer Umfrage der Regierung im Jahr 2016, die CNBC im vergangenen Jahr zitierte, verlangte annähernd ein Viertel der Unternehmen, dass Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden pro Monat leisten - zumeist unbezahlt. Außerdem ergab eine Studie, dass japanische Arbeitnehmer im Durchschnitt zehn ihrer bezahlten Urlaubstage gar nicht in Anspruch nahmen und 63 Prozent der japanischen Befragten sich schuldig fühlten, wenn sie bezahlten Urlaub nahmen.

Aus der Presse sind zahlreiche Fälle bekannt, wo Stress zu Depressionen und Freitod führten. Es gibt sogar eine offizielle Bezeichnung für diese Todesursache: "Karoshi". Dass der Testlauf von Microsoft dort nun hohe Wellen schlägt, wundert deshalb nicht. Sowohl die japanische Regierung als auch die japanischen Unternehmen wollen sich nun noch aktiver darum bemühen, die Arbeitszeit zu verkürzen.

Tatsächlich hat es an solchen Initiativen in den vergangenen Jahren nicht gemangelt. Premierminister Shinzo Abe rief 2017 eigens zu einer "Reform des Arbeitsstils" auf, um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familien zu ermöglichen und gleichzeitig die nationale Produktivitätskrise zu lösen. Geschuldet ist die Arbeitskultur mit langen Bürozeiten den wachstumsstarken Jahren. Wegen der alternden und schrumpfenden Bevölkerung waren Überstunden der berufstätigen Bevölkerung die einzige Möglichkeit die Produktivität zu steigern.

Plädoyers in den USA und Davos

Versuche, die heiß gelaufene Arbeitsmoral in späteren Jahren runterzukühlen, sind bislang größtenteils gescheitert. Mit Pflicht-Urlaubstagen, verordneten Ruhezeiten, offiziellen Aufforderungen früher nach Hause zu gehen, ist dem Problem zumindest flächendeckend nicht beizukommen gewesen. Nur wenige Arbeitnehmer haben sich bisher an die gut gemeinten Anweisungen, Pause zu machen, gehalten. Ein Angebot am sogenannten Premium-Freitag früher nach Hause zu gehen, nutzten nicht einmal vier Prozent der Beschäftigten, wie sich 2017 im Rahmen einer Umfrage herausstellte.

Aus der Microsoft-Auswertung geht zwar nicht hervor, wie die Produktivität der Mitarbeiter gemessen wurde. Dennoch stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Experiment Nachahmer findet. Auf der großen Bühne beim Wirtschaftsforum in Davos plädierten dieses Jahr gleich zwei Wissenschaftler, dass weniger Arbeit Beschäftigten und Firmen eine Reihe von Vorteilen bringen würde.

"Wir haben einige gute Experimente, die zeigen, dass Menschen, wenn sie die Arbeitszeit reduzieren, sich effektiver konzentrieren können und am Ende genauso viel produzieren," sagte Adam Grant, Psychologe an der Wharton School in Pennsylvania. Auch der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders brach kürzlich eine Lanze für die verkürzte Arbeitswoche. In seiner Wahlkampagne würde diese in Betracht gezogen, um das Wohlbefinden US-amerikanischer Arbeitnehmer zu verbessern. Microsoft hat bereits einen weiteren Probelauf angekündigt.

Quelle: n-tv.de, ddi

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