Wirtschaft

Einkommen klaffen auseinander Mieten und Minijobs heizen Ungleichheit an

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Die in Ballungsräumen stark steigenden Mieten führen einerseits zu steigenden Einnahmen der obersten Einkommensklassen, verschärfen aber gleichzeitig die Lage der Geringverdiener.

(Foto: imago images / Arnulf Hettrich)

Die verfügbaren Haushaltseinkommen in Deutschland steigen deutlich. Bei den Armen kommt das allerdings nicht an. Während die einen vom Immobilienboom profitieren, sinken die Einkommen vieler, die dafür bezahlen müssen.

Die Ungleichheit zwischen hohen und niedrigen Einkommen in Deutschland ist wieder gestiegen. Zwar profitierte die Mehrheit der Bevölkerung einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge in den Jahren von 1991 bis 2016 von einem deutlichen Anstieg des verfügbaren realen - das heißt inflationsbereinigten - Haushaltseinkommens um durchschnittlich 18 Prozent. Die Entwicklung fiel aber für verschiedene Bevölkerungsgruppen höchst unterschiedlich aus. So stiegen die obersten zehn Prozent der Einkommen um rund 35 Prozent, während die niedrigsten zehn Prozent 2016 sogar um zwei Prozent geringer waren als 1991.

Nach Beobachtung der DIW-Forscher wuchs die Lücke zwischen den höchsten und niedrigsten zehn Prozent der Einkommen in diesem Zeitraum nicht gleichmäßig. Nach einem deutlichen Anstieg in den Jahren vor 2005 war die Ungleichheit zwischenzeitlich sogar etwas zurückgegangen. Auf Grundlage der für die Studie nun ausgewerteten Daten von 45.000 Personen, die vom DIW jährlich im Rahmen seines sozioökonomischen Panels befragt werden, zeigen die Forscher nun allerdings erstmals, dass die Einkommensungleichheit seit 2010 wieder deutlich zunimmt.

Median und Mittel

Durchschnitt ist nicht gleich Durchschnitt. Statistiker unterscheiden zwischen dem Median - dem Wert, die betrachtete Menge genau in zwei Hälften teilt, und dem arithmetischen Mittel, für das alle Werte einer Menge zusammenaddiert - und durch ihre Anzahl geteilt werden. Der Mittelwert liegt etwa bei Statistiken zum Einkommen oder Immobilienpreisen häufig über dem Median, da sich beim arithmetischen Mittel Ausreisser bei den Werten stark niederschlagen können. So liegt das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland gemäß arithmetischem Mittel bei knapp 24.000 Euro (2016 laut sozioökonomischem Panel). Das Medianeinkommen beträgt dagegen etwa 21.000 Euro.

Auch der Anteil der Haushalte mit einem erhöhten Armutsrisiko stieg seit 2010 wieder von rund 14 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2016 an. Anfang der 1990er-Jahre hatte diese Quote der Haushalte mit weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens noch bei elf Prozent gelegen. Besonders drastisch fällt der Anstieg des Armutsrisikos dabei in den großen Städten aus. Während es in eher kleinen Gemeinden nur um zwei bis drei Prozentpunkte stieg, wuchs der Anteil von Beziehern niedriger Einkommen in größeren Städten um bis zu zehn Prozentpunkte. Diese Entwicklung alarmiert die DIW-Forscher besonders. "Es gibt in den städtischen Regionen immer mehr Menschen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen, aber mit einem Mietmarkt konfrontiert sind, auf dem bezahlbarer Wohnraum ein immer knapperes Gut wird", sagt Markus Grabka, einer der Autoren der Studie.

Migration wirkt sich auf untere Einkommensgruppen aus

Gleichzeitig ist der Anstieg der Mieten laut Grabka auch einer der Hauptgründe für den starken Zuwachs bei den hohen Einkommen. Die Haushalte mit den höchsten Einkommen sind auch diejenigen, von denen am meisten Immobilien besitzen und vermieten. Diese Miteinnahmen stiegen allein zwischen 2010 und 2016 um 39 Prozent.

Die Ursachen für die schlechte Entwicklung bei den niedrigen Einkommen vermuten die Studienautoren einerseits in einem Anstieg der Migration, da Zuwanderer in den ersten Jahren oft geringe Einnahmen erzielen. Daneben habe der stark ausgeweitete Niedriglohnsektor stark zum Anstieg des Armutsrisikos beigetragen. Anders als noch Mitte der 1990er Jahre biete die Tatsache, einen Job zu haben, keinen Schutz vor Einkommensarmut mehr. So habe sich seitdem der Anteil der Armutsbedrohten bei Haushalten mit nur einem Erwerbstätigen auf mehr als 30 Prozent verdoppelt.

Um die Ungleichheit bei den Einkommen zu verringern, wozu Deutschland sich im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele verpflichtet hat, empfehlen die DIW-Forscher unter anderem den Niedriglohnsektor einzuschränken. Dazu könnte die Regierung etwa mehr Tarifverträge als verbindlich für ganze Branchen erklären und die Minijobs stärker begrenzen. Außerdem fordern die Forscher, mehr Wohnraum für einkommensschwache Haushalte vor allem in den Ballungsräumen zu schaffen.

Quelle: n-tv.de

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