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Kuscheln statt streiten Ist Pinterest zu nett für den Börsengang?

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Die New York Stock Exchange hat schon geflaggt: Der Fotodient Pinterest will hier heute 1,4 Milliarden Dollar einsammeln.

(Foto: REUTERS)

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Die Manager von Google und Facebook wollen harte und schnelle Entscheidungen. Die Pinterest-Gründer mögen es dagegen ruhig und bedächtig. Beim Gang aufs Parkett könnte das die Achillesferse der virtuellen Online-Pinnwand sein.

"Das größte Risiko ist, kein Risiko einzugehen", so hat Mark Zuckerberg einmal sein Erfolgsrezept auf den Punkt gebracht. Der Facebook-Gründer gehört zu den Superstars im kalifornischen Silicon Valley. In der Hochburg der Tech-Branche, wo auch Google und Amazon zu Hause sind, gilt es dynamisch, schnell und innovativ zu sein - und der Konkurrenz damit immer einen Schritt voraus. Auch das Startup Pinterest will hier künftig mitmischen - ab heute auch in der Oberliga der börsennotierten Tech-Konzerne.

Ex-Mitarbeiter haben jedoch Zweifel, ob das gelingen kann. Der US-Nachrichtensender CNBC hat 20 "Pinployees", wie sich die Beschäftigten des virtuellen Pinnwand-Dienstes nennen, und Geschäftspartner interviewt. Alle klagen übereinstimmend über Kommunikationsprobleme und eine Streitkultur, die nicht zielführend sei. Positives Feedback werde öffentlich mitgeteilt, negatives runtergeschluckt oder später übermittelt. Eine "zu freundliche" Unternehmenskultur würde Entscheidungen systematisch blockieren und das Wachstum des Unternehmens bremsen, heißt es.

Die Mitarbeiter erzählen von endlosen Konferenzen, weil die Vorgesetzten sie anhielten, immer einen Konsens bei Streitfragen zu finden, statt offen ihre Meinung kundzutun, eine schnelle Entscheidung zu fällen und zu handeln. "Alle waren einfach so nett", zitiert CNBC einen ehemaligen Manager, der das Unternehmen im vergangenen Jahr verließ. "Niemand wollte jemanden beleidigen." Das Freundlichkeits-Prinzip trieb irgendwann kuriose Blüten. "Es war eine wirklich sehr seltsame passiv-aggressive Kultur", zitiert der Sender eine ehemalige Mitarbeiterin. Wer sich traute, laut Kritik zu üben, musste mit seiner Kündigung rechnen.

Pinterest muss noch profitabel werden

Am Donnerstag wagt das 2010 gegründete kalifornische Startup nun - früher als erwartet - den Sprung aufs Parkett. Der Ausgabepreis wurde auf 19 US-Dollar je Aktie festgelegt, 2 Dollar oberhalb der zuvor ausgegebenen Preisspanne von 15 bis 17 Dollar. 1,4 Milliarden Dollar sammelt Pinterest damit bei Investoren ein. Insgesamt wird die Online-Pinnwand also mit rund 12,6 Milliarden Dollar bewertet.

Das sind gewaltige Vorschusslorbeeren. Dass Pinterest profitabel sein kann, muss das Unternehmen noch beweisen. Das Netzwerk mit über 250 Millionen überwiegend weiblichen Nutzern versteht sich als visuelle Suchmaschine, in der User nach Ideen - etwa für die Inneneinrichtung oder Urlaube - suchen und Bilder zu ihren Interessen finden können. Zugleich können sie Fotos aus dem Netz als sogenannte Pins auf "Boards" zu bestimmten Themen speichern. Bis Ende vergangenen Jahres wurden so nach Unternehmensangaben 175 Milliarden "Pins" auf vier Milliarden virtuellen Wänden gespeichert.

Geld nimmt das Startup vor allem durch Werbung ein - bezahlte "Pins", die den Nutzern angezeigt werden. Die große Herausforderung ist klar: Facebook, Instagram, Google und Amazon müssen auf dem 300 Milliarden Dollar schweren Online-Markt Werbekunden abgejagt werden. Nur so kann Pinterest profitabel werden.

Zwar nahm das Unternehmen im vergangenen Jahr 60 Prozent mehr ein als 2017. Trotzdem betrug der Verlust immer noch 63 Millionen Dollar, bei einem Umsatz von 756 Millionen Dollar. Schätzen die "Pinployees" die Lage richtig ein, werden es die Pinterest-Gründer Ben Silbermann und Evan Sharp nicht leicht haben. Spätestens mit dem Börsengang müssen sie Gas geben und die Arbeitsabläufe beschleunigen.

Angst vor Fehlern ist Sand im Getriebe

Das größte Problem dabei sind die Gründer selbst. Silbermann kommt vom Konkurrenten Google, Sharp von Facebook. Beide wollten, dass es in ihrem eigenen Unternehmen anders zugeht. Statt Schnellschüsse über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg schwebte ihnen ein höfliches Miteinander, mehr Besonnenheit bei den Absprachen und stärkere Mitspracherechte für Mitarbeiter vor. Auf diese Weise sollten auch Fehlentscheidungen minimiert werden. Dabei lautet die Devise von Kommunikationsexperten im Silicon Valley eigentlich: "Fail faster", "Mach schneller Fehler". Die digitale Welt verlangt mutige Entscheidungen

Dass das Management mit angezogener Handbremse nicht gut bei den Beschäftigten ankommt, zeigt die hohe Fluktuation. Ungewöhnlich viele Führungskräfte gingen in den vergangenen Jahren verloren. Allein die Personalabteilung hatte seit 2017 drei Chefs. Außerdem verabschiedeten sich ein leitender Entwicklungsmanager, der Pinterest-Chefaufseher sowie ein Verantwortlicher für Werbung und Handel.

Eine Sprecherin hob gegenüber CNBC die Firmenkultur von Pinterest dennoch als vorbildlich hervor: "Wir möchten eine Kultur schaffen, in der sich die Menschen respektiert und geschützt fühlen." Die Effizienz scheint trotzdem gelitten zu haben. Die Umsetzung der Funktion "Byable Pins", später in "Product Pins" umbenannt, mit dem Nutzer direkt beim Händler einkaufen können, brauchte drei Jahre. Auch die Video-Funktionen, die die Gründer zunächst ablehnten, wurden dann doch mit Verspätung eingeführt.

Mut zum "kreativen Konflikt"

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Mitbegründer und Chef von Pinterest Ben Silbermann will vom Hype um Tech-Firmen profitieren.

(Foto: REUTERS)

Irgendwann dämmerte auch den Gründern, dass mit der selbst verordneten Wohlfühlatmosphäre etwas nicht stimmte. Schließlich versuchten sie 2016 ihren Mitarbeitern doch mehr Biss zu verordnen. In den Konferenzräumen wurden Poster aufhängt, auf denen in großen roten Buchstaben stand: "Sprich die schwierigen Dinge an" (Say the hard thing). Ende 2017 folgte eine persönliche Rundmail von Silbermann mit einer deutlichen Anweisung: Die Beschäftigten sollten endlich Eigenverantwortung übernehmen und nicht mehr auf Konsensentscheidungen warten.

Potenzielle Investoren sollte das aufhorchen lassen. Ein warmherziger und respektvoller Umgang unter Mitarbeitern ist gut, aber er ist nicht alles. Bei Pinterest hat die Wohlfühl-Büro-Atmosphäre offenbar beides - positive und negative Energien - abgewürgt. Genau das ist die Achillesferse des Unternehmens geworden.

"Mit nur 10 bis 20 Prozent der Facebook-Zielgruppe und einer Ausrichtung, die sowohl Facebook als auch Google bieten, wie soll Pinterest da für Werbekunden attraktiv bleiben?", bringt der Chefanalyst des Analysehauses Futurum Research das Dilemma auf den Punkt. Ein bisschen mehr Dynamik dürfte nicht schaden. Das Risiko könnte sich in barer Münze auszahlen.

Quelle: n-tv.de

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