Wirtschaft

Deckmantel Recyclingprogramm Nike zerstört systematisch neue Sneakers

219163695.jpg

Gebrauchstüchtige Retouren zu vernichten ist in Deutschland verboten.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Im Wettlauf gegen den Klimawandel will auch der Sportartikelhersteller Nike einen Beitrag leisten. So verspricht das Unternehmen etwa, die alten Schuhe seiner Kunden wiederzuverwerten. Doch in den Recyclinghallen landen nicht nur ausgelatschte Sportschuhe, sondern auch nagelneue Exemplare.

Noch mehr als die Luft- und Schifffahrt zusammen, ist inzwischen die Modeindustrie für den Ausstoß von CO₂-Emissionen verantwortlich. Das rasante Wachstum von Fast Fashion zeigt sich besonders gut am Beispiel Turnschuh: Heutzutage werden doppelt so viele Sneaker verkauft wie noch im Jahr 2012 - die Branche erwirtschaftet dadurch einen Umsatz von 70 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Nike
Nike 83,12

Das Image "Klimakiller" steht keinem großen Sportartikelhersteller gut, einige probieren deswegen aktiv, mit Recyclingprogrammen gegen den schlechten Ruf anzukämpfen. So versichert etwa Nike-Chef Jan Donahoe auf der Website des Unternehmens, Nachhaltigkeit sei eine der Top-Prioritäten. "Im Wettlauf gegen den Klimawandel warten wir nicht nur auf Lösungen. Wir schaffen welche." Exemplarisch stehen dafür extra aufgestellte Rücknahmeboxen mit der Aufschrift "Recycle deinen alten Schuh" in den Nike-Stores. Das Unternehmen verspricht, alte Schuhe wiederzuverwerten. Aus getragenen Schuhen soll demnach "Nike Grind" entstehen, ein Material, aus dem neue Schuhe, Bekleidung oder sogar Sportbeläge hergestellt werden.

Recherchen von ARD, der Wochenzeitung "Die Zeit" und des Recherche-Startups "Flip" zeigen jetzt allerdings: Unter dem Deckmantel des Recyclingprogramms, mit dem der Konzern sich als besonders nachhaltig darzustellen versucht, wird auch systematisch Neuware, die etwa als Retoure von Kundinnen und Kunden zurückgeschickt wurde, zerstört. Nach den Recherchen werfen Mitarbeiter einer Recyclingfabrik im belgischen Herenthout neuwertige Schuhe in eine Maschine, in der die Schuhe anschließend zerstört werden. Ferner liegen den Redaktionen Belege vor, dass es sich um von Kundinnen und Kunden zurückgesandte Ware handelt, sogenannte Retouren.

Die Recyclinghalle wird von Nike in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Abfallentsorger betrieben. Die Reporterinnen und Reporter haben Sportschuhe direkt bei Nike auf deren deutscher Webseite bestellt und die Schuhe dann, mit GPS-Trackern ausgestattet, als Retoure an Nike zurückgeschickt. So konnten die Journalisten den Weg der Retoure verfolgen: Die Schuhe wurden innerhalb kurzer Zeit in die Recyclinganlage in Herenthout gebracht und dann zerstört.

Mehr zum Thema

Auf Anfrage der "Zeit" gibt eine Nike-Sprecherin zu, dass zumindest Retouren, "die Anzeichen von einer möglichen Beschädigung oder Gebrauchsspuren aufweisen", zerstört und recycelt werden. Indem der Konzern lediglich von "Anzeichen" spricht, öffnet er einen weiten Interpretationsspielraum. Dass neue makellose Schuhe vernichtet werden, bestreitet der Konzern. Die Sprecherin schreibt: "Ungetragene und makellose Artikel werden zum Wiederverkauf in die Regale zurückgestellt."

Gebrauchstüchtige Retouren zu vernichten, ist in Deutschland verboten. Christopher Stolzenberg, Sprecher des Bundesministeriums für Umwelt, bezeichnet den Sachverhalt in der "Zeit" als möglichen Verstoß gegen das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz. "Gemäß der Abfallhierarchie hat die Abfallvermeidung oberste Priorität und Vorrang vor allen anderen Entsorgungsmaßnahmen wie beispielsweise Recycling", zitiert die Wochenzeitung Stolzenberg. Danach muss beim Vertrieb von Erzeugnissen dafür gesorgt werden, dass deren Gebrauchstauglichkeit erhalten bleibt und diese nicht zu Abfall werden. Die zuständige Landesbehörde müsse tätig werden, es drohe ein Bußgeld von bis zu 100.000 Euro. Da die Nike Deutschland GmbH in Berlin angemeldet ist, wäre die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zuständig.

Quelle: ntv.de, jki

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen