Wirtschaft

Parallelen zur Nachkriegszeit Ost- und Westwirtschaft nähern sich an

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Aufschwung im Osten?

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit der Wiedervereinigung beginnt die wirtschaftliche Angleichung von Ost- und Westdeutschland. 25 Jahre später herrscht Uneinigkeit darüber, wie viel davon tatsächlich schon geschafft ist. Eines aber ist sicher: Die starke Abwanderung in den Westen hat Folgen.

Auch 25 Jahre nach der Währungsunion tickt die Wirtschaft im Osten anders - doch in der Beurteilung des erreichten Niveaus gehen die Meinungen weit auseinander. Einige Forscher sprechen von einer einzigartigen Erfolgsgeschichte, andere sehen die Aufholjagd als gescheitert an. Sicher ist zumindest: Die Herausforderungen in den kommenden Jahren sind wegen sinkender staatlicher Förderung und einer immer älter werdenden Bevölkerung immens.

Ein typisches Beispiel für die positive Sichtweise ist eine Studie der bundeseigenen KfW-Bankengruppe. "Um die Geschwindigkeit des Aufbaus Ost zu bewerten, bietet sich ein Vergleich mit dem sogenannten Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit an", schreiben die Autoren. Von 1991 bis 1997 sei die Wirtschaft in den fünf neuen Ländern pro Kopf um gut 60 Prozent gewachsen - und damit ebenso stark wie im Westen von 1950 bis 1956.

Dass sich das Wachstum im Osten dann abschwächte, sei schlichtweg mit dem bereits erreichten, hohen Niveau zu erklären. Und wichtig für die Menschen: Es gebe inzwischen keinen gravierenden Rückstand mehr bei den Einkommen. Diese hätten im Osten zwar zuletzt bei 84 Prozent des West-Niveaus gelegen - doch weil die Preise im Osten auch heute noch etwas niedriger seien als im Westen, liege das tatsächlich für die Verbraucher verfügbare Einkommen im Osten bei etwa 90 Prozent.

Gleichverteilung gibt es nirgendwo

Ein Vergleich mit anderen Ländern zeige: Ganz perfekte regionale Gleichverteilung gebe es nirgends. Tatsächlich seien die Unterschiede bei Arbeitslosigkeit, Bruttoinlandsprodukt oder verfügbarem Einkommen innerhalb Deutschland heute geringer als im Durchschnitt der größten Industrieländer. Regionale Differenzen bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf seien heute zudem geringer als im Deutschen Reich Mitte der 1920er Jahre.

Wer heute durch den Osten fährt, findet vielerorts moderne, meist mittelständische Betriebe, die sich auf dem Weltmarkt behaupten können. Aus einer einstigen Dreckschleuder wie dem Chemiekombinat Bitterfeld ist beispielsweise ein moderner Chemiepark geworden, nebenan sind ehemalige Tagebaue mit klarem Wasser geflutet, und Sandstrände bieten einen hohen Freizeitwert.

Weniger optimistisch äußerte sich zuletzt dagegen das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle angesichts der jüngsten Daten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. "Von einem weiteren Aufholprozess der ostdeutschen Bundesländer gegenüber dem Westen ist nichts zu sehen", schrieb Ende April Vize-Präsident Oliver Holtemöller.

So ist das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Ländern seit dem Jahr 2000 um 14,5 Prozent gestiegen - in ganz Deutschland aber mit 15,7 Prozent noch etwas stärker. Die Arbeitslosigkeit ist im Osten weiter deutlich höher als im Westen. Im April etwa lag die Quote im Osten bei 9,5 Prozent, im Westen dagegen bei 5,8 Prozent. Und kein Dax-Unternehmen hat heute seinen Sitz im Osten. Die Firmenzentralen mit besonders hochwertigen Jobs liegen häufig im Westen, während "verlängerte Werkbanken" einen Teil der Ost-Wirtschaft ausmachen. Immerhin besser, als seit Jahrzehnten leerstehende Fabrikhallen - etwa des früheren DDR-Schwermaschinen-Kombinats Sket in Magdeburg.

Demografische Herausforderungen

Auch wenn die Vorhersage der Zukunft viel schwieriger als die Beurteilung der aktuellen Lage ist: Hier findet sich viel Übereinstimmung unter den Experten. Kernproblem Nummer eins: Auch wegen der immensen Abwanderung in den vergangenen 25 Jahren steht der Osten vor wesentlich größeren demografischen Herausforderungen als der Westen. "Durch Abwanderung und eine niedrige Geburtenrate ist die Zahl der Einwohner in Ostdeutschland seit 1990 bereits um 13,5 Prozent gesunken", betont die KfW. Der Trend werde allen Prognosen zufolge auch künftig im Osten stärker sein als im Westen. Ein großer Unsicherheitsfaktor ist auch das Auslaufen stärkerer Ost-Förderung durch Bund und EU Ende des Jahrzehnts, die die Angleichung jahrelang gefördert hatte. Hier ringt die Politik noch um einen Kompromiss zwischen reicheren und ärmeren Ländern.

Quelle: ntv.de, Rochus Görgen, dpa

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