Wirtschaft

Schuldenberg vor dem Einsturz Peking balanciert auf der Kredit-Klippe

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Das staatlich angefeuerte Wachstum in China könnte eine Trümmerlandschaft hinterlassen.

(Foto: REUTERS)

Der Handelskrieg mit den USA droht Chinas Wirtschaft zu bremsen. Doch hinter dem Zollstreit lauert eine viel größere Gefahr, die auch die globale Wirtschaft bald schmerzlich spüren dürfte.

Die Welt schaut auf den amerikanisch-chinesischen Handelskrieg und fragt sich, welche Folgen er wohl für die Wachstumslokomotive der Welt und die globale Wirtschaft haben wird. Dabei kämpft China mit hausgemachten Problemen, die für die Weltwirtschaft viel gefährlicher sind, allen voran der kolossale Schuldenberg, der jederzeit kollabieren kann.

Die jahrelange Schuldensause der Regierung in Peking hat diesen Monat ihr bislang größtes Opfer gefordert. Wintime Energy, ein Kohlekonzern aus der nördlichen Provinz Shanzim, steht für einen der größten Firmenausfälle, die das Reich der Mitte bislang gesehen hat: Umgerechnet elf Milliarden Dollar Schulden lasten auf dem Unternehmen. Der Berg der Verbindlichkeiten hat sich in weniger als fünf Jahren vervierfacht. Nun kämpft das Unternehmen mit der Pleite.

Wintimes Schicksal könnte sich in ganz China wiederholen. Um üppige Wachstumszahlen von knapp sieben Prozent zu erreichen, lockte die chinesische Notenbank jahrelang mit Niedrigzinsen. Unternehmen sollten auf Pump im großen Stil investieren und so die Wirtschaft anheizen. So wollte es die Regierung. Lange ging diese Rechnung auf.

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Doch nicht erst seit der Finanzkrise 2008 ist klar, dass Wachstum auf Pump ein riskantes Spiel ist: Denn nicht nur das Wirtschaftswachstum wird angefeuert, auch die Bilanzsumme der Banken wird durch die Schuldensause gefährlich aufgebläht. Ende 2016 belief sie sich auf 33,4 Billionen Dollar. Das sind horrende 300 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Schulden wuchsen sogar noch schneller als die Wirtschaft. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme der US-Banken betrug gleichzeitig nur knapp 17 Billionen Dollar - das waren lediglich 83 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Chinas hohe Verschuldungsrate birgt kolossale Risiken. Denn mit den Schulden wachsen die Kreditausfälle. Den Internationalen Währungsfonds veranlasste das bereits zu einer Warnung: "Die Schuldenquote deutet auf eine hohe Wahrscheinlichkeit für bevorstehenden Stress im Finanzsystem hin", schlugen die Analysten kürzlich Alarm. Dass das gepimpte Wachstum in China bald eine Trümmerlandschaft hinterlassen könnte, wird durch Wintime immer offensichtlicher. Experten rechnen damit, dass 2018 in puncto Firmenpleiten das schlimmste Jahr aller Zeiten wird.

Peking tritt auf die Schuldenbremse

Wintime Energy konnte dank günstiger Darlehen im großen Stil Übernahmen finanzieren und expandieren. Doch 2016 versiegten die Geldquellen. Wegen des gefährlich angewachsenen Schuldenbergs trat Präsident Xi Jinping auf die Kredit-Bremse. Er dämmte Schattenfinanzierungen ein, erhöhte die Zinsen und verschärfte die Vorschriften für Vermögensverwalter. Die Folge war nicht nur eine leichte Wachstumsdelle. Es gerieten auch immer mehr Unternehmen in Schwierigkeiten, weil das Kreditkarussell austrudelte. Wintime fehlte plötzlich das Geld, um eine Anleihe zu bedienen. Wehe, wenn es vielen anderen Unternehmen auch so ergehen sollte.

Chinas Anleihemarkt ist auf rund 12 Billionen Dollar angeschwollen. Heute ist es der drittgrößte der Welt. HNA und Fosum, hierzulande wohlbekannte Unternehmensnamen, stehen für die fatal hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen und leiden unter klammen Kassen.

Der Wintime-Flop zeigt, wie gefährlich das Zurückdrehen der Schuldenschraube ist. Am 5. Juli geriet Wintime mit 1,5 Milliarden Yuan in Verzug, was zu Zahlungsausfällen bei 13 weiteren Anleihen in Höhe von 9,9 Milliarden führte. Seitdem sind die Aktien vom Handel ausgesetzt.

Dass Wintime keine Ausnahme ist und weitere Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit rutschen dürften, lassen weitere Zahlen ahnen: Die durchschnittliche Schuldenquote von börsennotierten Unternehmen in China stieg nach Bloomberg-Daten Ende 2017 auf 99,5 Prozent. Das ist die höchste seit mehr als einem Jahrzehnt. Durch die horrende Verschuldung bekommen Firmen wie Wintime kein frisches Geld mehr, irgendwann gehen die Lichter aus. Derzeit versucht die Firma laut einem Insider verzweifelt, Geld aufzutreiben und Vermögenswerte zu verkaufen, um ihre bestehenden Verpflichtungen zurückzuzahlen, schreibt "Bloomberg".

Der Handelskrieg ist nur ein Nebenschauplatz

China steht nach der jahrelangen Schuldensause vor einem Scherbenhaufen. Der Handelsstreit mit den USA ist dabei das kleinere Problem. Er wird den Verfallsprozess lediglich beschleunigen. Das Kreditwachstum schrumpft, die Unternehmen können ihre Anleihen nicht mehr bedienen. Aber wegen der ungewissen Zukunft werden die Unternehmen nun auch noch vorsichtiger. "Die Unsicherheit über die Auswirkungen der US-Zölle auf Chinas Exportgröße und -struktur schwächt das Vertrauen der Unternehmen und verzögert grenzüberschreitende Investitionen", schreibt der Direktor für asiatische Wirtschaft am Oxford Economic Research Institute in Hongkong, Louis Kuijs.

Der Handelsstreit mit den USA droht das Wachstum in den kommenden Monaten also weiter zu dämpfen. Aber die eigentlichen Risiken lauern nicht in Washington, sondern in der chinesischen Wirtschaft selbst. Schon heute zeigt der chinesische Immobilienmarkt, der der Haupttreiber der Wirtschaft ist, deutliche Bremsspuren. Ökonomen prophezeien, dass Chinas Probleme in den kommenden Monaten voll zum Tragen kommen werden. Die Regierung hat deshalb auch schon wieder den Kurs geändert und ihre Kampagne gegen die Schuldenrisiken zurückgefahren. Peking versucht die Wirtschaft wieder mit Geld zu unterstützen.

In den vergangenen Wochen gab sie wieder grünes Licht für U-Bahnen und andere Bahnprojekte, die sie wegen Schuldenproblemen gestoppt hatte. Auch die Geschäftsbanken gaben wieder mehr Kredite. Peking steckt in der Zwickmühle: Die Regierung muss die Schuldenparty beenden. Aber wenn sie den Alkohol zu schnell wegsperrt, sitzen plötzlich alle auf dem Trocknen. Die Berichterstattung der Medien erweckt zwar derzeit den Eindruck, dass die US-Zölle das große Problem sind. Doch wichtiger wäre es, die chinesische Wirtschaft im Auge zu behalten. Eine Karikatur des US-Research-Unternehmens Hedgeye bringt es auf den Punkt. Die wirkliche Gefahr kommt aus der Tiefe.

Quelle: n-tv.de

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