Wirtschaft

Auf Jahre abhängig von den USA Peking steckt in der Chip-Falle

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Um international konkurrenzfähig zu bleiben, sind Chinas Technologiekonzerne wohl noch mindestens ein Jahrzehnt von US-Technologie bei der Chipentwicklung abhängig.

(Foto: AP)

Die kommunistische Führung in Peking plant derzeit ihre Wirtschaftspolitik für die kommenden Jahre. Im Zentrum steht eine eigene, von den USA unabhängige Chipindustrie, die mit gigantischen Summen aufgebaut werden soll. Der Erfolg dieses Vorhabens ist zweifelhaft.

In offiziellen Ankündigungen und den chinesischen Medien liest es sich ganz einfach: Im Rahmen des gerade von der kommunistischen Parteiführung diskutierten Fünfjahresplans wird China sich auf die Entwicklung einer eigenen Chipindustrie auf Weltniveau konzentrieren. Berichten zufolge hat Staatschef Xi Jinping bereits in Aussicht gestellt, bis zu umgerechnet 1,4 Billionen (1400 Milliarden) Dollar - inklusive privates Kapital - für Investitionen bereitzustellen, um die Technologiebranche vom Import ausländischer Chips unabhängig zu machen - vor allem von der Dominanz der USA. Gleichzeitig soll dadurch die Wirtschaft der Volksrepublik einen "Turbo-Schub" bekommen. Beide Ziele dürften trotz des Billionen-Regens für die Branche nur schwer zu erreichen sein.

Das Thema ist für China wirtschaftlich wie politisch gleichermaßen von Bedeutung. Jährlich importiert das Land Mikrochips im Wert von mehr als 300 Milliarden Dollar. Das ist mehr als es für Ölimporte ausgibt. Auch wenn die wichtigsten Hersteller in Südkorea und Taiwan sitzen, kontrollieren die USA die Technologie und die Patente, die für das Design der aktuell leistungsfähigsten und für zahlreiche Branchen vom Mobilfunk bis zur Autoindustrie lebenswichtigen Chips notwendig sind. US-Präsident Donald Trump hat bereits damit begonnen, chinesische Unternehmen wie den Mobilfunkriesen Huawei von der Versorgung mit dieser Technologie abzuschneiden.

Heißer als der Immobiliensektor

Ohne die aktuellsten Prozessoren droht Chinas Industrie den Anschluss an die Weltspitze bei Zukunftstechnologien wie 5G ebenso zu verlieren wie das militärische Wettrüsten mit den USA. Selbst bei einem möglichen Regierungswechsel in Washington nach den Wahlen gehen Beobachter nicht davon aus, dass die USA unter neuer Führung China freien Zugang zu dieser Schlüsseltechnologie gewähren würden. Die Schaffung einer chinesischen, vom Ausland unabhängigen, Chipentwicklung wird in Kommentaren gar mit dem Aufbau des chinesischen Atomprogramms vor Jahrzehnten verglichen.

Angesichts dieser Entwicklungen und in Erwartung gigantischer staatlicher Investitionen hat ein Boom chinesischer Chip-Entwickler bereits eingesetzt, bevor überhaupt Details aus dem neuen Fünfjahresplan, der den Rahmen für die Wirtschaftspolitik von 2021 bis 2025 vorgeben soll, bekannt sind. In den vergangenen Jahren sei es noch schwierig gewesen, Kapital aufzutreiben, zitiert "Bloomberg" den Chef des Verbands der Halbleiterindustrie in Shenzhen. Jetzt aber sei die Branche "heißer" als der für wilde Spekulation berüchtigte Immobiliensektor der Metropole. Allein dieses Jahr seien schon rund 9500 Unternehmen neu in die Chip-Produktion eingestiegen, ein Großteil davon sei branchenfremd. Sollten sie scheitern, droht eine riesige Blase zu platzen.

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Die Volksrepublik riskiert dabei nicht nur, gewaltige Summen zu verspekulieren, sondern auch ihr Ziel, technologisch an die Weltspitze aufzuschließen. Experten des Thinktanks Eurasia Group schätzen, dass China mindestens ein Jahrzehnt benötigt, um aus eigener Kraft einen führenden Chiphersteller aufzubauen. Bis dahin bleibe die Abhängigkeit von den USA.

In der Zwischenzeit dürften beide Seiten beim Kampf um die Kontrolle der IT-Branche finanziell viel verlieren. Sollte China, dauerhaft abgeschnitten von der US-Technologie, eine komplett eigenständige Chipbranche aufbauen, bräche den westlichen Herstellern ihr mit Abstand größter Markt und vielen Technologiekonzernen wichtige Teile der Lieferkette weg. China wiederum könnte auf Jahre hinaus den eigenen Markt nur mit zweitklassigen IT-Produkten versorgen, die international nicht konkurrenzfähig wären.

Quelle: ntv.de