Wirtschaft

Neue Freiheit am leeren Himmel Piloten dürfen fliegen, wie sie wollen

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Piloten auf Transatlantikflügen haben den Steuerknüppel wieder selbst in der Hand.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Flugsicherungsbehörden wagen ein Experiment, das vor der Pandemie überhaupt nicht denkbar gewesen wäre: Weil der Verkehr über den Wolken nahezu zum Stillstand gekommen ist, können Piloten ihre Routen über den Atlantik nun selbst festlegen. Das bringt einige Vorteile mit sich.

Durch den Corona-Lockdown wird zurzeit so wenig geflogen wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Die Branche ächzt, Klimaschützer jubeln. Der drastische Einbruch des Flugverkehrs schafft aber auch Raum für einmalige Experimente, die für die Fluggesellschaften überaus wertvoll sind.

Angesichts gähnender Leere über den Wolken haben Piloten im Transatlantikverkehr seit Neuestem freie Hand bei der Wahl ihrer Flugrouten. Sie entscheiden "ausschließlich auf der Grundlage einer optimalen Route, Geschwindigkeit und Flugbahn", berichtet der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf Angaben der Flugsicherungsbehörden NATS und NAV Canada, die den britischen und kanadischen Luftraum kontrollieren.

Vor Corona wäre so ein Experiment nicht möglich gewesen. Die Strecke zwischen Europa und den USA ist die weltweit am meisten geflogene. Vor der Pandemie herrschte Stoßverkehr, Fluglotsen waren unverzichtbar. Heute fliegen auf der Route statt 1700 gerade mal noch 500 Maschinen pro Tag. Weil die Lage deutlich entspannter ist, dürfen Piloten deshalb nun ihre Flugziele auf kürzestem Weg und unter Berücksichtigung der besten Windverhältnisse navigieren.

Flugrouten ändern hilft sofort

"Der dramatische Rückgang des Verkehrs über den Atlantik hat uns die Möglichkeit gegeben, Dinge anders zu machen und Dinge schneller einzuführen, als dies sonst möglich gewesen wäre", zitiert CNN einen NATS-Sprecher. Das Ergebnis ist erstaunlich: Die Flugzeuge sparen durch die selbst gewählten Routen eine beträchtliche Menge Treibstoff und haben damit auch einen deutlich geringeren CO2-Fußabdruck. Airlines können Geld sparen und gleichzeitig schädliche Emissionen reduzieren.

Forscher der University of Reading in England haben 35.000 Transatlantikflüge analysiert und dabei festgestellt, dass sich der Treibstoffverbrauch durch die bessere Nutzung der Windverhältnisse um bis zu 16 Prozent reduzieren lässt. Laut der internationalen Luftfahrtorganisation IATA ist das zu vergleichen mit einem Generationensprung bei den Maschinen. "Wir schätzen, dass jede neue Flugzeuggeneration die Treibstoffeffizienz um 15 bis 20 Prozent erhöht", sagt Umweltdirektor Michael Gill.

Für die Airlines sind das gute Aussichten. Treibstoff macht rund 30 Prozent der Betriebskosten aus, es ist der größte Einzelposten für Fluggesellschaften. Wie lange die neue Freiheit über den Wolken gelten wird, darüber gibt es jedoch keine Angaben. "Wir hoffen, dass die Analyse dieser Flüge zusammen mit anderen Berechnungen uns die nötige Basis liefert, um über dauerhafterer Änderungen zu entscheiden", sagte der NATS-Sprecher CNN lediglich.

Gut wäre das nicht nur für die Fluggesellschaften, sondern auch fürs Klima. Vor Corona verursachte der Luftfahrtsektor rund zwei Prozent der weltweiten Treibhausgase. Tendenz steigend, da die Gesamtzahl der Flüge allen Prognosen zufolge in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen dürfte. Die weltweite Luftfahrtindustrie hat erst vor wenigen Tagen einen Plan vorgelegt, wonach sie bis 2050 klimaneutral werden will. Effiziente und klimafreundliche Flugzeuge sind kostspielig, ihre Entwicklung kann Jahre dauern. Flugrouten zu ändern dagegen ist preisgünstiger und wirkt sofort.

Quelle: ntv.de, ddi