Wirtschaft

Moskauer Ökonom berichtet Putin kann Sanktionen nicht über China ausgleichen

308853086.jpg

Die aktuellen Sanktionen belasten Russland deutlich stärker als 2014, sagt Ökonom Jakowlew.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Russlands Wirtschaft stehe nicht hinter dem Krieg gegen die Ukraine, sagt der Moskauer Ökonom Jakowlew. Den Firmen bleibe nichts, als irgendwie zu überleben. Sie seien äußerst anpassungsfähig. Die Lieferausfälle infolge der Sanktionen könnten sie aber nicht über Importe aus Asien auffangen.

Russlands Industrie kann die wegen der Sanktionen fehlenden Importe offenbar nicht mit Einfuhren aus Schwellenländern kompensieren. "Die politische Führung hat gehofft, dass die Schwellenländer helfen werden. Das hat sich nicht bestätigt", sagte der Moskauer Ökonom Andrej Jakowlew dem "Spiegel". "Wir sehen in den makroökonomischen Daten keine Hinweise auf verstärkten Handel mit diesen Ländern." Im Gegenteil seien zwar Russlands Exporte nach China gestiegen. Doch Chinas Exporte nach Russland seien in einem ähnlichen Umfang gefallen wie Europas Exporte, erläuterte der Professor für Wirtschaftswissenschaften, der seit Januar Gastwissenschaftler an der Freien Universität Berlin ist.

"Das höre ich auch aus Firmen", berichtete Jakowlew. "Sie haben versucht, mit Chinesen dauerhafte Lieferbeziehungen aufzubauen. In kleinen Chargen scheint das auch zu klappen, wenn es aber um große Mengen im industriellen Maßstab geht, versanden die Gespräche." Im Gegensatz zu 2014 müsse heute jede Firma, auch aus Asien, damit rechnen, Ziel sekundärer Sanktionen zu werden.

Russland verfügt dem Ökonomen zufolge allerdings über eine enorme Anpassungsfähigkeit. Wegen der zahlreichen Krisen, darunter die Krim-Sanktionen, ist die russische Wirtschaft demnach jederzeit auf Krisen eingestellt. "Das hat Einfluss auf ihre strategische Planung, auf ihre Reserven, Vorräte, die Fähigkeit zur Anpassung", sagte Jakowlew. "Jetzt profitieren viele Unternehmen zum Beispiel davon, dass sie vor der Krise hohe Lagerbestände an Komponenten unterhalten haben."

"Firmen hätten Krieg nicht begonnen"

Mehr zum Thema

Trotzdem glaubt der Ökonom nicht, dass die russische Wirtschaft die aktuellen Sanktionen so gut wegsteckt wie etwa die Corona-Pandemie. Denn die Unterbrechungen der Lieferketten würden länger dauern als ein paar Monate, anders als zunächst von vielen gehofft. "Die Firmen verstehen erst jetzt langsam, dass es keine Rückkehr mehr gibt zur Normalität." Wegen des öffentlichen Drucks hätten auch Firmen ihr Russland-Geschäft aufgegeben, die gar nicht dazu verpflichtet waren.

Laut Jakowlew unterstützen die meisten Geschäftsleute den politischen Kurs nicht, haben allerdings auch keinen Einfluss darauf. "Eines wird in unseren Gesprächen mit Firmenvertretern immer wieder deutlich: Diese Leute hätten den Krieg nicht begonnen." Der Geschäftswelt bleibe "nichts anderes übrig, als zu tun, was sie schon immer getan hat: irgendwie zu überleben. Davon profitiert die russische Wirtschaft natürlich. Man muss aber verstehen, dass das mit Rückhalt für Putin nichts zu tun hat."

Quelle: ntv.de, chl

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen