Wirtschaft

Mit hartem Corona-Lockdown Risiken für Wirtschaft steigen enorm

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Mehr als jeder zweite Innenstadthändler sieht aktuell seine Existenz bedroht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die deutsche Wirtschaft kommt nach dem Absturz in der Corona-Krise zunächst kräftiger in Schwung als angenommen. Doch die gestiegenen Exporte und eine bessere Kauflaune stehen wieder auf der Kippe. Einige Ökonomen warnen sogar, Deutschland müsse sich auf eine zweite Rezession einstellen.

Bund und Länder haben die Notbremse gezogen: Der Weihnachtseinkauf in den Städten kurz vor Heiligabend fällt dieses Jahr aus. Bis auf Lebensmittelgeschäfte und Drogerien müssen alle Läden ab Mittwoch wegen der steigenden Infektionszahlen bis zum 10. Januar schließen.

Laut Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ist der Shutdown richtig und überfällig, auch aus wirtschaftlicher Perspektive. Die Politik müsse nun allerdings eine hohe Akzeptanz dafür schaffen, um die zweite Welle zu stoppen, denn ein Shutdown über den 10. Januar hinaus würde einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursachen, schreibt Fratzscher auf Twitter. Anders als der DIW-Chef zweifelt IW-Direktor Michael Hüther die Wirksamkeit der Maßnahmen an. "Der harte Lockdown soll die Überforderung des Gesundheitssystems verhindern. Kurzfristig mag dies wirken, für eine nachhaltige Eindämmung der Neuinfektionen sind angesichts der Erfahrungen anderer Länder Zweifel angebracht", schreibt Hüther auf Twitter. Anderen Chefökonomen zufolge droht Deutschland sogar eine erneute Rezession.

Gerade der Einzelhandel macht in der Vorweihnachtszeit eigentlich das Geschäft des Jahres. Der erneute harte Lockdown bringt mehr als die Hälfte der Innenstadthändler nun in Existenzgefahr, das zeigt eine aktuelle Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter 500 Unternehmen. "Umsätze und Kundenzahl erreichten auch in den letzten Tagen bei Weitem nicht das Niveau des Vorjahres. Das Weihnachtsgeschäft 2020 ist für die meisten Innenstadthändler verloren", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die Mehrheit der befragten Einzelhandelsunternehmen hat das Weihnachtsgeschäft demnach längst abgeschrieben - und rechnet mit dramatischen Folgen. 55 Prozent der Innenstadthändler sehen aktuell sogar ihre Existenz bedroht. Ohne Hilfen können nur die wenigsten Unternehmen überleben. Laut Genth sind bis zu 250.000 Jobs in Gefahr.

Die mehr als elf Milliarden Euro pro Monat, mit denen der Bund Unternehmen unterstützen will, gehen der Branche nicht weit genug. Der Einzelhandel ist überzeugt: Das Geld werde nicht reichen, um eine Pleitewelle in den Innenstädten zu verhindern. Der HDE fordert für den Dezember deswegen die gleiche Unterstützung, die bereits die seit Anfang November geschlossene Gastronomie erhält. Dieser wurde schließlich bereits vor Wochen versprochen, dass ihnen 75 Prozent des entgangenen Umsatzes erstattet würden.

Droht womöglich eine zweite Rezession?

Auch wenn die Situation im Einzelhandel dramatisch anmutet: Der Leiter des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält es aus wirtschaftlicher Perspektive für richtig, dass die Weihnachtsferien für einen harten Lockdown genutzt werden, weil in dieser Zeit viele Betriebe und die Schulen ohnehin geschlossen seien, schreibt Fuest auf Twitter. Ohne einen harten Lockdown in der Weihnachtszeit drohe ab Mitte Januar ein noch härterer und längerer Lockdown.

Mit dem harten Lockdown steigen die wirtschaftlichen Risiken aber auch schon jetzt enorm. Wegen der neuen Maßnahmen droht nun sogar womöglich eine zweite Rezession, mahnt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Es zeichne sich mehr denn je ab, dass das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal schrumpfen wird. "Wir rechnen mit einem Minus von gut einem Prozent gegenüber dem dritten Quartal. Da auch ein Großteil des ersten Quartals 2021 zumindest von einem weichen Lockdown betroffen sein dürfte, rechnen wir auch für das erste Quartal weiter mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung."

Bei der Berenberg Bank haben Analysten ihre Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt sogar von minus 1,0 auf minus 1,8 Prozent zum Vorquartal gesenkt. Es wird aber erwartet, dass die deutsche Wirtschaft diese Verluste wieder aufholen kann. "Wir können mit einem Lockdown wesentlich besser umgehen als beim ersten Mal. Das verarbeitende Gewerbe und die Ausfuhr sind kaum betroffen. Der Handel wird leider erheblich leiden, da sich Weihnachtseinkäufe von den Innenstädten ins Internet verlagern werden", sagt Chefvolkswirt Holger Schmieding.

Quelle: ntv.de