Wirtschaft

Südafrikas WirtschaftRisse im Regenbogen

10.06.2010, 11:51 Uhr
imageNikolas Neuhaus

Auch ohne Fußball-WM entwickelt sich die Wirtschaft am Kap seit Jahren so stark wie nirgends sonst in Afrika. Davon profitieren jedoch nur wenige.

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(Foto: REUTERS)

Manche Erfolgsgeschichten überdauern längere Zeiten als gemeinhin bekannt. Dazu zählt wohl auch der Golf I, die erste Reihe des automobilen Verkaufsschlagers aus Wolfsburg. Wurde er in Deutschland längst durch mehrere Nachfolgegenerationen ersetzt, endete die Geschichte des ersten Golf-Modells in Afrika erst vor einem halben Jahr. Bis dahin bauten die VW-Mitarbeiter in Südafrika das Pioniermodell optisch quasi unverändert weiter und verkauften es als "Golf Citi".

Die Automobilproduktion zählt neben dem Rohstoffreichtum zu den wirtschaftlichen Grundsäulen Südafrikas. Insbesondere für die deutschen Autobauer ist das Land ein wichtiger Standort. Daimler lässt hier seine C-Klasse montieren, BMW seine 3er-Serie. Volkswagen, bereits seit 1946 am Kap aktiv, betreibt in der Nähe von Port Elizabeth gar das größte Automobilwerk des gesamten Kontinents. Auch die Konkurrenz aus Japan und den USA setzt auf Südafrika: Toyota betreibt ebenso ein Werk wie Ford und GM. Samt der lokalen Zuliefererindustrie steht der Automobilsektor für fast zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Südafrikas.

Minen und Motoren

Ebenso bedeutend wie die Automobilindustrie ist gemessen an der Wirtschaftsleistung der Bergbau. Südafrika sitzt auf scheinbar unerschöpfbaren Vorräten an Bodenschätzen. Hier lagern 90 Prozent aller weltweit bekannten Vorkommen an Platin, 80 Prozent an Mangan und 70 Prozent der bisher entdeckten Chromvorkommen. Insbesondere das Quasi-Monopol bei Platin lässt Rohstoffexperten frohlocken, denn das Edelmetall wird auch in der Industrie benötigt, vor allem bei Katalysatoren.

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Goldförderung in Südafrika ist ein Knochenjob. (Foto: REUTERS)

Auch der Goldreichtum Südafrikas ist so groß wie in keinem anderen Land der Erde. Doch seine Erschließung frisst – trotz Goldrally - mittlerweile den Erlös zu großen Teilen auf: War Südafrika der weltgrößte Goldlieferant des 20. Jahrhunderts, machen mittlerweile hohe Kosten den Goldminen einen Strich durch die Rechnung, weil das Gold aus tausenden Meter tiefem Gestein geholt werden muss. Länder wie China oder Australien laufen Südafrika bei dem Edelmetall daher den Rang ab. Das schlägt sich auch deutlich in den Exportstatistiken des Landes nieder. Machten Goldexporte 1989 noch mehr als ein Drittel der gesamten Ausfuhren aus, hat sich der Anteil bis 2009 auf 15 Prozent mehr als halbiert.

Stotternder Motor

Seit der Überwindung der Rassentrennung und der friedlichen Demokratisierung in Südafrika entwickelte sich die Wirtschaft des Landes zum Wachstumsmotor des gesamten Kontinents. Dafür sorgten eine Reihe marktwirtschaftlicher Reformen. In den letzten zehn Jahren lagen die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts im Durchschnitt bei drei bis vier Prozent.

Doch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hinterließ in den jüngsten Jahren auch in der südafrikanischen Wirtschaft deutliche Spuren. Die Automobilnachfrage brach regelrecht ein, hinzu kam ein horrender Preisverfall bei Rohstoffen von zeitweise bis zu 40 Prozent. 2009 schrumpfte die südafrikanische Wirtschaft daher erstmals seit fast zwei Jahrzehnten um 1,8 Prozent.

Betroffen war davon vor allem das verarbeitende Gewerbe, also insbesondere auch die Automobilindustrie, doch auch die Minenbetreiber oder der Handel mussten Rückgänge verkraften. Für das laufende Jahr erwarten Wirtschaftsexperten jedoch wieder gesamtwirtschaftliche Zuwächse von mehr als 2 Prozent, 2011 nähern sich die Wachstumsraten dann bereits wieder gewohnten Marken aus Vor-Krisen-Jahren an.

Wachstum ohne Arbeit

So positiv die ökonomische Stärke Südafrikas in einigen Bereichen auch anmutet, so bedrückend ist die wirtschaftliche Lage der südafrikanischen Bevölkerung. Das Wachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte ging größtenteils am Arbeitsmarkt vorbei. Offiziellen Zahlen zufolge lag die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr bei 23,5 Prozent, inoffizielle Berechnungen weisen hingegen eine Quote von rund 40 Prozent aus. Zwar wurden zahlreiche neue Jobs im Dienstleistungsbereich geschaffen, doch in der Landwirtschaft und bei den Minenbetreibern fielen dagegen in großem Stil Arbeitsplätze weg. Die weltweite Wirtschaftskrise hat das Beschäftigungsproblem auf einen Schlag massiv verschärft. Allein 2009 verlor das Land rund 900.000 Arbeitsplätze.

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Leben in den Straßen vor Kapstadt. (Foto: REUTERS)

Das jährliche Einkommen eines Südafrikaners liegt gemessen an der Kaufkraft bei durchschnittlich 10.000 US-Dollar, ein Viertel eines vergleichbaren US-Bürgers. Die Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sind jedoch trotz Fortschritten noch immer gewaltig. Mehr als 40 Prozent leben von umgerechnet weniger als 2 US-Dollar am Tag.

Die Antwort der Regierung des Präsidenten Jacob Zuma auf das Beschäftigungsproblem sind Programme, die mehr ausländisches Kapital anlocken und die Exporte befördern sollen. Mit massiven Investitionen soll die Infrastruktur des Landes weiter auf Vordermann gebracht werden. Das durchschnittliche Wachstum soll so auf über sechs Prozent steigen und die Arbeitslosigkeit halbiert werden.

Nachhaltiges Wachstum entsteht jedoch nicht durch staatliche Ausgabenprogramme, sondern muss auf eigenen Füßen stehen. Vor großen Aufgaben steht das Land dabei vor allem in Bildungsfragen. Schon jetzt suchen Arbeitgeber vergeblich nach qualifizierten Fachkräften, werden in Südafrika jedoch nicht fündig. Das liegt vor allem an einem schlechten Bildungsstand des Landes. Hinzu kommt jedoch, dass hoch qualifizierte Südafrikaner zu großen Teilen ihr Glück im Ausland suchen und Südafrika den Rücken zukehren. Die dauerhafte Abwanderung der qualifiziertesten Kräfte kann jedoch kein Land ohne negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum verkraften.