Wirtschaft

Wütende Anleger Robinhood setzt auf kugelsicheres Glas

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Die Robinhood-Gründer Vlad Tenev und Baiju Bhatt.

(Foto: AP)

Das Startup Robinhood will die Finanzindustrie revolutionieren und wird mittlerweile von Millionen Menschen genutzt. Doch der Erfolg scheint auch darauf zu beruhen, unerfahrenen Neulingen hochriskante Geschäfte zu ermöglichen. Das Management sieht sich gezwungen, aufzurüsten.

Robin Hood, der Rächer der Enterbten, der Beschützer von Witwen und Waisen. Es ist wahrlich keine schlechte Idee, eine Finanz-App nach dem englischen Mythos zu benennen. Doch ganz so altruistisch wie der Mann aus dem Sherwood Forest ist das Start-up Robinhood nicht - im Gegenteil. Der "New York Times" zufolge schauen mittlerweile so viele wütende Kunden am Firmensitz im Silicon Valley vorbei, dass am Eingang vorsichtshalber kugelsicheres Glas eingebaut wird.

Der Hintergrund: Obwohl die Corona-Pandemie grassiert, die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt ist, viele Menschen ihren Job verlieren, Firmen pleitegehen und es noch keinen Impfstoff gegen das Virus gibt, strömen zahlreiche Kleinanleger in den Aktienmarkt. Deren Optimismus gilt als einer der wesentlichen Gründe, warum es an der Börse aufwärts geht - obwohl die meisten Profi-Anleger der Meinung sind, dass die Aktienmärkte überbewertet sind.

Einer der großen Profiteure davon ist die Trading-App Robinhood, die ihren Kunden unkomplizierten und kostenlosen Handel mit Aktien und anderen Wertpapieren ermöglicht. In den USA nutzen mittlerweile mehr als 13 Millionen Menschen die App, das sind rund drei Millionen mehr als vor der Corona-Krise. Robinhood wurde 2013 gegründet und ist nur in den USA verfügbar. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die App nach Europa kommt.

Die Bedienung der App macht es leicht, mit nur einem Klick Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen. Funktion und Optik sprechen vor allem junge Nutzer an, deren Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren. Die Hälfte von ihnen hat vorher noch nie an der Börse investiert. Zum Erfolg der App tragen auch Features wie Konfetti und Benachrichtigungen mit Emojis bei - all das vermittelt den Eindruck, dass Börsengeschäfte wie ein Spiel seien.

Doch das sind sie nicht. Hinzu kommt, dass bei Robinhood auch mit komplexeren und viel riskanteren Finanzprodukten als Aktien gehandelt werden kann - und der Zugang dazu simpel ist. Der "New York Times" zufolge spekulieren Robinhood-Nutzer mit den riskantesten Finanzprodukten und machen das häufiger als Kunden anderer Broker. Ihre Unerfahrenheit kann zu außerordentlich hohen Verlusten führen. Das wurde im vergangenen Monat deutlich, als ein 20-jähriger Student in den USA Suizid beging. Zuvor hatte er die App geöffnet und bemerkt, dass sein Konto mit 730.000 Dollar im Minus stand.

Kredite für Aktienkäufe

Im Gegensatz zum rebellischen Bogenschützen setzt Robinhood trotz des Namens nicht auf Umverteilung von oben nach unten, sondern will Profite erwirtschaften. Und je häufiger die Kunden Aktien kaufen und verkaufen, umso mehr Geld verdient Robinhood.

Das gelingt dem Start-up auf mehreren Wegen. Einer davon: Das Unternehmen handelt nicht selbst an den Märkten, sondern reicht die Kundenaufträge an Börsen-Großhändler weiter und kassiert dafür eine Gebühr. Die Händler verdienen dann an der Differenz zwischen An- und Verkaufspreisen von Aktien. Die ist zwar nur marginal, unterm Strich kommt aber doch eine üppige Summe zusammen.

Das Geschäftsmodell Robinhoods lautet also, die Kunden dazu zu bewegen, möglichst viel zu handeln. Deshalb gewährt ihnen das Unternehmen auch Kredite, um damit Aktien zu kaufen. Das klingt verführerisch und sehr praktisch, ist aber hochriskant. Während die App-Nutzer damit auf Pump an den Börsen zocken, verdient Robinhood zusätzlich an den Zinsen.

Damit hat das Start-up durchaus Erfolg. Robinhood ist einer der Stars der Fintech-Industrie und wird derzeit mit satten 8,3 Milliarden Dollar bewertet.

Quelle: ntv.de