Wirtschaft

Was stresst Elon Musk? "Schlafmangel führt zu irrationalem Handeln"

98225100 (1).jpg

Gefeiert von seinen Fans, gestresst von Investoren. Elon Musk klagt über Schlaflosigkeit und Überarbeitung.

(Foto: picture alliance / Andrej Sokolo)

Die Projekte von Tech-Pionier Elon Musk haben ihn zu einem Popstar des Silicon Valley werden lassen. Mit der Euphorie ist inzwischen Schluss. Denn die Probleme und Pannen bei E-Autobauer Tesla setzen den Ausnahme-Gründer zunehmend unter Druck. In einem Interview klagte der 47-Jährige jüngst über extremen Stress und Schlaflosigkeit. Der Workaholic setzt nicht nur seine Gesundheit aufs Spiel, er gefährdet auch sein Unternehmen Tesla. Manager, die tagelang durcharbeiten, neigen zu irrationalen Handlungen, sagt die Psychologin Julia Kensbock n-tv.de.

n-tv.de: Manager wie Elon Musk sind jung, erfolgreich und haben eine euphorische Fangemeinde, die sie wie Popstars verehrt. Warum können Menschen wie Musk nicht schlafen?

Julia Kensbock: Wir nehmen Gründer oft als schillernde Persönlichkeiten wahr und stellen uns vor, dass ihre Jobs mit sehr viel Leidenschaft verbunden sind, sie ständig selbsterfüllt arbeiten und sich selbst verwirklichen. Das ist aber nur die eine Seite des Gründer-Daseins. Das Paradoxe ist, dass diese Menschen, neben den sehr erfüllenden Aspekten ihres Alltags, auch mit sehr vielen unternehmerischen Stressfaktoren konfrontiert sind. Eine aktuelle Studie, die ich zusammen mit den Professoren Tobias Kollmann und Christoph Stöckmann veröffentlicht habe, bestätigt, was wir momentan im Fall Musk auch beobachten: Probleme und Hindernisse im Unternehmensalltag können zu Schlafproblemen führen.

Photo Julia Kensbock.jpg

Arbeits- und Organisationspsychologin Dr. Julia Kensbock forscht an der Universität Maastricht zu den Auswirkungen von Stress und Druck auf Unternehmensgründer.

Welche Stressfaktoren sind das und wie wirken sie sich auf Unternehmensgründer aus?

Stressfaktoren im Gründungsalltag können zum Beispiel Finanzierungsprobleme, hohes Risiko oder fehlende Ressourcen sein. Die Gedanken rund um diese Probleme bleiben über den ganzen Tag aktiv und mental präsent. Es kommt zu einer dauerhaften physiologischen Anspannung, die den Schlaf verhindert. Verbringt ein Manager wie Musk seine Zeit fast nur noch auf der Arbeit anstatt sich dringend benötigte Auszeiten im privaten Bereich zu nehmen, verstärkt das die Schlafprobleme zusätzlich.

Der Tesla-Chef berichtet, dass er manchmal die Fabrik drei oder vier Tage nicht verlässt. Im Schnitt sind das 17 Stunden pro Tag. Kann ein Manager bei solch einem Pensum noch die richtigen Entscheidungen treffen?

Ausreichend Schlaf ist eine entscheidende Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit unseres Gehirns. Schlaflosigkeit beeinträchtigt vor allem die kognitive Flexibilität, also die Fähigkeit mit neuen Informationen umzugehen. Für Manager und Gründer ist aber genau das wichtig: Kognitive Flexibilität ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität und damit auch für die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens. Wir wissen auch, dass Schlaflosigkeit ganz unmittelbar zu Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Fehler können sich dadurch häufen. Das ist besonders fatal, denn gerade junge Unternehmer müssen immer wieder schnelle Entscheidungen mit großer Tragweite treffen.

Tesla Motors (USD)
Tesla Motors (USD) 243,49

Der Aktienkurs von Tesla ist eingebrochen, nachdem der 47-Jährige seine Erschöpfung im Interview mit der "New York Times" eingestanden hat. Ist es nicht an der Zeit von Unternehmensseite einzuschreiten, damit Musk Tesla nicht an die Wand fährt?

Unternehmen tragen natürlich auch eine Mitverantwortung dafür, dass ihre Entscheidungsträger und Führungskräfte gesund sind. Da sind dann auch Vorstand oder Aufsichtsrat in der Verantwortung. Sie müssen auf Warnsignale frühzeitig reagieren und Unterstützung anbieten.

Musk überrascht immer wieder durch unüberlegte Tweets und Schimpftiraden. Einen Helfer beim Höhlendrama in Thailand beschimpfte er beispielsweise jüngst als Pädophilen. Später entschuldigte er sich. Erlaubt das Rückschlüsse auf seinen Gesundheitszustand?

Schlafmangel wirkt sich auf die Entscheidungen aus, die wir treffen. Er führt oft zu irrationalen, vorschnellen Handlungen. Die Forschung zeigt tatsächlich, dass unüberlegte Entscheidungen eine Folge von Stress und Schlaflosigkeit sein können.

Tesla sucht angeblich einen Topmanager um Musk zu entlasten. Wäre solch eine Nummer zwei wirklich eine Hilfe für einen exzentrischen Gründer wie Musk? Sollte er den Chefposten nicht gleich ganz räumen?

Aus der Ferne ist das schwer zu beantworten. Grundsätzlich ist Stress ein Ergebnis der Kombination aus zu hohen Anforderungen und zu geringen Ressourcen. Deshalb kann an diesen Stellschrauben gedreht werden. Wenn die Ressourcen einer Person nicht ausreichen, ist es natürlich sinnvoll, Hilfe von außen zu holen und die Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen. Das kann eine Möglichkeit sein, um den Stress etwas zu reduzieren.

Sie haben für Ihre Studie mit 122 Unternehmensgründern gesprochen. Wie verbreitet sind Stress und Überlastung in diesem Bereich - im Vergleich zu Managern in Unternehmen?

Stress ist in der Arbeitswelt weit verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Stress sogar als die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Das zeigt, dass dieses Thema nicht nur eine Berufsgruppe betrifft. Studien zeigen, dass Selbstständige im Durchschnitt auf mehr Arbeitsstunden pro Woche kommen als angestellte Mitarbeiter. Das Stresserleben von Unternehmensgründern entsteht aber vor allem dadurch, dass ihre Arbeit mit speziellen Anforderungen einhergeht: Im Unterschied zu "gewöhnlichen" Managern sind Gründer häufig auch persönlich am Unternehmen beteiligt. Startups verfügen oft über knappe Ressourcen, viele Prozesse laufen noch nicht rund. Das Risiko ist hoch und die Märkte umkämpft. Unternehmensgründer müssen zudem oft sehr viele Rollen gleichzeitig übernehmen. Sie sind Führungskraft, müssen Produkte verkaufen und Geld bei Investoren einwerben. Ein besonders großer Stressfaktor ist natürlich, wenn ein Gründer, wie Musk, gleichzeitig auch noch das Aushängeschild eines Unternehmens ist.

Wie viel Schlaf und Erholung braucht ein Manager?

Die medizinische Forschung sagt, dass ein Erwachsener sieben bis neun Stunden Schlaf pro Tag braucht. Da kann man Führungskräfte und Gründer nicht ausnehmen. Gerade junge Unternehmensgründer behaupten jedoch oft, sie bräuchten nur wenig Schlaf. Doch wer sich das einredet, ignoriert die Grundbedürfnisse seines Körpers. Langfristig fügt man sich so selbst und möglicherweise auch dem Unternehmen großen Schaden zu.

Können erfahrene Manager besser mit Stress und Druck umgehen als junge Gründer?

Erfahrene Gründer haben oftmals gelernt, dass Pausen und Erholung wichtig für ihre Leistungsfähigkeit sind. Sie gönnen sich deshalb im Durchschnitt mehr Auszeiten von der Arbeit. Junge Gründer dagegen denken häufig, sie müssten rund um die Uhr arbeiten. Gleichzeitig können die, die schon länger im Geschäft sind, Gefahren und Risiken besser einschätzen. Deshalb werden beispielsweise Finanzierungsprobleme früher erkannt. Allerdings kann das auch wieder zu neuen Schlafproblemen führen. Erfahrung allein schützt daher leider nicht vor Schlaflosigkeit.

Wie problematisch ist eine dauerhafte Schlaflosigkeit?

Allein aus gesundheitlicher Perspektive ist dauerhafte Schlaflosigkeit für Menschen enorm schädlich. Aber auch für Unternehmen stellt das natürlich eine Gefahr dar. Aus meiner Sicht haben gerade Gründer auch eine Vorbildfunktion für ihre Mitarbeiter. Wenn sie eine 24-Stunden-im-Dienst-Mentalität vorleben und sich keine Pausen gönnen, dann entsteht eine Unternehmenskultur, die ungesund ist. Und das verursacht möglicherweise langfristige Probleme im Unternehmen.

Mit Julia Kensbock sprach Philipp Vogel

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema