Wirtschaft

Am Anfang war der Gewürzhandel Seit wann und warum gibt es eigentlich Aktien?

109708747.jpg

Aktien haben die Wirtschaft für immer verändert. Diese historische Aktie der Gutehoffungshütte stammt aus dem Jahr 1873. Damals gab es Aktien bereits seit 271 Jahren.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Die zündende Idee haben Kaufleute in Amsterdam vor über 400 Jahren: Um den Platzhirschen im Welthandel finanziell Paroli bieten zu können, geben sie die erste Aktie heraus. Für Investoren ein gutes Geschäft. Das Modell soll die künftige Wirtschaft für immer verändern. Ein Rückblick.

Heute sind sie fester Bestandteil unserer Wirtschaftswelt, nur einen Klick am Computer oder einen Anruf bei der Bank entfernt: Aktien. Jedes größere Unternehmen ist börsennotiert und gibt Wertpapiere aus. Das war nicht immer so. Als im Jahr 1602 die erste richtige Aktie auf den Markt kam, war das eine Weltneuheit. Sie sollte die Wirtschaft auf den Kopf stellen. Vor allem machte sie Unternehmungen möglich, die sich bis dahin kaum einer - nicht einmal Könige - leisten konnten.

Das erste Unternehmen, das solche Papiere ausgab, war die "Vereenigde Oost-Indische Compagnie" (VOC). Und das Business, um das es hier damals ging, war der Gewürzhandel - ein boomendes Geschäft im beginnenden 17. Jahrhundert.

49992207.jpg

Die Niederländische Ostindien-Kompanie (niederländisch Vereenigde Oostindische Compagnie, abgekürzt VOC) war eine Ostindien-Kompanie, zu der sich am 20. März 1602 niederländische Kaufmannskompanien zusammenschlossen

(Foto: picture alliance / CPA Media Co. Ltd)

Die VOC war ein Zusammenschluss von sechs kleineren Gewürzhändlern, die die Konkurrenz untereinander beenden wollten. Es steckte so viel Geld und Prestige in diesem Geschäft, dass die VOC später zum Vorläufer des niederländischen Kolonialreiches werden sollte. Die dafür notwendigen Privilegien wurden ihr vom Staat verliehen: Landerwerb, das Aufstellen einer Armee und der Bau von Festungen.

Spanien und Portugal in die Schranken weisen

Die Gründung der VOC fällt in eine Zeit, in der die Welt das erste Mal kleiner wird. Rund 100 Jahre zuvor ist Kolumbus nach Amerika gesegelt. Die Europäer senden Expeditionen aus, um die ihnen unbekannten Ecken der Welt zu kartieren und für sich zu beanspruchen. Spanier und Portugiesen segeln in die Neue Welt, nach Afrika, nach Asien. Sie sind die Big Player in dieser frühen Zeit des globalen Handels. Doch auch andere wollen mitspielen in diesem Game, das vor allem eines verspricht: Profit.

Es ist das Jahr 1595, als die Bürger Amsterdams hierzu einen ersten Versuch wagen. Sie wollen das Monopol, das Portugal zu dieser Zeit auf den Pfefferhandel hat, brechen. 248 Seeleute schicken sie dafür an Bord dreier Kriegsschiffe und eines Handelsschiffes nach Asien. Es ist die erste Expedition. Sie wird organisiert von einer holländischen Handelskompanie, der Compagnie van Verre. Die Schiffe starten in Texel. Ziel ist der auf Java gelegene Hafen von Bantam, ein Zentrum des Pfefferhandels.

91446417.jpg

Die wirtschaftliche Stärke der VOC beruhte vor allem auf der Kontrolle der Gewürzroute von Hinterindien nach Europa.

(Foto: picture alliance / CPA Media Co. Ltd)

Das Unternehmen ist ein Desaster. Die meisten der Seeleute sterben auf der Fahrt um das Horn von Afrika. Auch eines der Schiffe muss Kapitän Cornelis de Houtman in Indonesien zurücklassen. Finanziell lohnt sich die Fahrt nicht. Doch eines zeigt sie: Die Holländer haben das Zeug dazu, den Rivalen in Portugal ein Schnippchen zu schlagen. Das Einzige, was sie dafür brauchten: Geld. Doch davon hatten selbst die Reichen in den Niederlanden zu wenig. Jedenfalls zu wenig, um eine Hochseeflotte auszurüsten.

Handelskompanien als Vorläufer des Aktien-Prinzips

Also taten sie sich zusammen. Und nach diesem ersten Teilerfolg entstanden in Amsterdam die ersten Handelskompanien, die Vorläufer der VOC. Sie arbeiteten alle nach demselben Prinzip: Planten sie eine Fahrt, sammelten sie Geld unter den Bürgern der Stadt. Jedes Mal, wenn die Schiffe mit ihrer kostbaren Ladung aus Asien heimkehrten, bekamen die Investoren ihr Geld zurück. Dazu wurden sie am Gewinn aus dem Verkauf der Ladung beteiligt.

Das Prinzip, das sich dahinter verbirgt, ist einfach. Es wurden Kapazitäten und Kompetenzen gebündelt - gleichzeitig wurde das Risiko auf die Schultern vieler verteilt. Doch noch gab es mehrere Kompanien in Holland, auch in Amsterdam. Da sie alle alleine agierten, kamen sie sich beim Einsammeln von Kapital in die Quere. Und die Konkurrenz hörte da nicht auf: auch auf See und in den Gebieten in Asien, wo sie Waren einsammelten, agierten sie als Kontrahenten. Das wirkte sich negativ auf die Gewinnbilanz aus, was neue Investoren oft abschreckte und den Asienhandel langfristig sogar gefährdete.

Bereits fünf Jahre später sollte sich das ändern. Im Jahr 1600 begannen alle Kompanien, die von Amsterdam aus arbeiteten, miteinander zu kooperieren - es ist die Geburtsstunde der "Eersten Vereinigden Compagnie op Oost-Indie". Sie war bereits mit umfassenden Privilegien ausgestattet. Privilegien, die die der VOC bereits vorwegnahmen. Für die Amsterdamer Händler war es ein großer Schritt.

Nicht jeder freute sich darüber: Die Händler in der Region Zeeland fürchteten zunächst eine Übermacht ihrer Konkurrenten in Amsterdam. 1602 gaben sie jedoch dem Druck der Regierung nach; aus den verschiedenen Handelsgesellschaften in den Niederlanden wurde eine große - die VOC. Ihre 76 Direktoren waren allesamt Direktoren der Vorgängerkompanien. Eine Charta wurde aufgesetzt, die das Monopol der VOC auf den Asienhandel für 21 Jahre garantierte.

History & Crime

Interessieren Sie sich für Wirtschaft und Geschichte? Dann können Sie hier weiterschmökern.

Kursanstieg um 300 Prozent nach 20 Jahren

Um den Geldfluss nicht von Fahrt zu Fahrt organisieren zu müssen, überlegten sich die Direktoren der VOC ein neues System. Sie wollten einen festen Kapitalstock aufbauen, der ihnen Handlungsspielraum garantierte.

Waren die Anleger vorher nur mittelfristig und auf eine Schiffladung bezogen an den Handelsreisen beteiligt, wurden sie nun für zehn Jahre gebunden. Im Jahr 1612 gab es eine verzinste Rückzahlung und gleichzeitig die Möglichkeit, für weitere zehn Jahre zu zeichnen. Wurden die Aktionäre, die sogenannten Participanten, anfangs noch in Naturalien ausgezahlt (sie erhielten daher den Namen Pfeffersäcke), gab es für die Anteilspapiere später bares Geld: In den ersten fast 100 Jahren waren satte 19 Prozent Dividendenrendite drin.

1faee37c-c956-4531-895c-9226142a6111.png

Die VOC war wohl auch der erste Megakonzern der Welt, der über staatsähnliche Befugnisse verfügte, darunter die Fähigkeit, Kriege zu führen, Verträge auszuhandeln, Geld zu prägen und Kolonien zu gründen. Die Kompanie geriet nach 1784 in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1798 liquidiert.

Und der Kurs der VOC-Aktien stieg. Bei Erstnotiz stieg der Kurs um 15 Prozent. 20 Jahre später lag er bereits mehr als 300 Prozent höher. Doch die Seefahrt damals barg ein hohes Risiko. Immer wieder gingen Schiffe in Stürmen verloren oder wurden von Piraten angegriffen. Dann brach die Dividende ein. Anfang des 18. Jahrhunderts erreichte das Papier seinen höchsten Wert, er lag rund 1200 Prozent über dem Startpreis. Doch Misswirtschaft und Korruption setzten der VOC zu. Im Jahr 1800 musste die Krone sie auflösen.

Im Laufe ihrer fast 200-jährigen Geschichte hatte die VOC ein großes Netz wichtiger Handelsstützpunkte aufgebaut und mehr als 1700 Schiffe nach Asien geschickt, die mehr als 4700 Fahrten unternahmen. Sie hatte eine eigene Armee aufgebaut, die diese Schiffe und Handelspunkte schützte. Auf diese Weise hatte sie sich ein eigenes Reich geschaffen.

Nach dem Ende der VOC übernahm dann die niederländische Krone selbst die wirtschaftliche Kontrolle dieses Reiches. Es war die Geburtsstunde des niederländischen Kolonialreiches. Die VOC hatte die erste Aktie der Welt geschaffen. Ein Prinzip, das sich in den kommenden Jahrhunderten in der ganzen Welt verbreiten sollte. 1682 sollte dann auch die erste deutsche Aktie auf den Markt kommen, ausgegeben von der "Handels-Compagnie auf denen Küsten von Guinea". Ihr Vorbild: die VOC.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital +. Aktualisiert am 7. Dezember 2021

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen