Erhöht Warsh die Zinsen? Selbst Trump weiß nicht, was die Fed als Nächstes tut
Von Jan Gänger 
Unter Jerome Powell griff Donald Trump die US-Notenbank immer wieder öffentlich an. Seit Kevin Warsh die Fed führt, ist es auffallend still geworden. Doch Trumps Schweigen könnte ebenso vorübergehend sein wie die Waffenruhen im Nahen Osten.
Die Federal Reserve hat ein wichtiges Instrument ihrer Geldpolitik praktisch aufgegeben. Es heißt "Forward Guidance", das ist die gezielte Kommunikation des künftigen Zinskurses. Jahrelang bereitete die US-Notenbank die Finanzmärkte mit Hinweisen auf ihre Entscheidungen vor. Seit Kevin Warsh den Vorsitz übernommen hat, ist damit Schluss. Der neue Fed-Chef hält sich bewusst bedeckt. Das macht die Geldpolitik schwerer berechenbar.
Die meisten Ökonomen erwarten zwar, dass die Fed ihren Leitzins am heutigen Mittwoch in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent belässt. Bemerkenswert ist aber die Unsicherheit an den Finanzmärkten. Wenige Stunden vor der Fed-Sitzung preisen sie eine rund 30-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung ein. Normalerweise herrschen zu diesem Zeitpunkt kaum noch Zweifel über den Ausgang einer Zinsentscheidung.
Vor allem der Iran-Krieg hat den Kampf gegen die Inflation erschwert. Die gestiegenen Energiepreise lösten einen neuen Preisschub aus. Im Juni verlor dieser zwar an Kraft. Die Teuerungsrate sank auf 3,5 Prozent, nach 4,2 Prozent im Mai.
Doch innerhalb der Notenbank zeichnet sich ein Trend zu einer baldigen Zinserhöhung ab. Einige Zentralbanker signalisierten bereits Offenheit für eine Zinserhöhung, andere wollen noch abwarten. Warsh selbst hat sich öffentlich nicht festgelegt. Er betonte allerdings, dass die Fed damit auf dem Weg zur angestrebten Preisstabilität noch längst nicht am Ziel sei.
Trump setzt Attacken auf die Fed aus
Mit ihren Zinsentscheidungen versucht die US-Notenbank, den schwierigen Ausgleich zwischen Preisstabilität und einem robusten Arbeitsmarkt zu finden. Höhere Zinsen bremsen die Nachfrage und können die Inflation dämpfen, verteuern aber zugleich Kredite für Unternehmen und Verbraucher. Niedrigere Zinsen stärken dagegen Wachstum und Beschäftigung - bergen aber das Risiko, den Preisdruck anzuheizen.
Warshs eigentliche Bewährungsprobe beginnt womöglich erst nach der Zinsentscheidung: Über der Sitzung schwebt Donald Trump. Der US-Präsident fordert seit Langem niedrigere Zinsen und griff die Notenbank unter Warshs Vorgänger Jerome Powell regelmäßig öffentlich an. Seit sein Wunschkandidat Kevin Warsh Mitte Mai den Vorsitz übernommen hat, sind diese Attacken verstummt. An der Wall Street glaubt allerdings kaum jemand, dass dieser Frieden von Dauer sein wird.