Wirtschaft

Lähmt der Brexit die Logistik? "Staus und lange Laufzeiten sind absehbar"

116219942.jpg

Täglich nutzen mehr als 10.000 Lkw die Verbindung von Dover zum Festland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Abkommen für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU gibt es bislang nicht. Doch allein die bereits absehbaren Folgen für die Logistikbranche sind immens, sagt Otto Jockel von der International School of Management im Interview mit n-tv.de. Auch die Verbraucher werden das zu spüren bekommen.

n-tv.de: Die britische Küstenstadt Dover ist mit ihrem Hafen der wichtigste Knotenpunkt am Ärmelkanal. Droht ein No-Deal-Brexit die Logistik lahmzulegen?

Otto Jockel: Dover wird am Tag nach dem Brexit sicherlich nicht stillstehen. Aber es wird alles deutlich langsamer laufen. Ein ungeordneter Austritt würde bedeuten, dass grundsätzlich für jede Warenlieferung eine Zollanmeldung nötig wird. In der Regel geht das mit einer Stichprobenkontrolle einher. Die Hafenbehörde hat errechnet, dass eine Zollabfertigung, die pro Sendung dadurch nur zwei Minuten länger dauert, schon zu langen Autoschlangen vor Dover führt. Staus und lange Laufzeiten sind absehbar.

Welche Konsequenzen hat das für den Verbraucher?

Pakete, die Verbraucher bei Amazon UK bestellen, werden zoll- und anmeldepflichtig. Kunden müssen also länger auf ihre Bestellungen warten. In Zeiten, in denen die Entscheidung für einen bestimmten Anbieter zunehmend nach garantierter Laufzeit gefällt wird, kann das sicherlich wettbewerbsentscheidend sein.

Porträt_Otto Jockel.JPG

Prof. Dr. Otto Jockel unterrichtet an der International School of Management Logistics and Supply Chain Management.

(Foto: ©Kai Bublitz)

Britische Automobilhersteller haben bereits gewarnt, ihre Werke wegen möglicher Lieferengpässe vorübergehend stillzulegen. Wie bereiten sich britische Autobauer auf einen ungeordneten Austritt vor?

BMW hat bereits angekündigt, die Betriebsferien auf April vorzuziehen. Einige andere Hersteller verfahren ebenso. Danach wird es darauf ankommen, wie schnell die britische Regierung und die EU sich über die Zukunft des Warenverkehrs einig werden. Sollten ein harter Brexit und monatelange Verzögerungen keine Einigung bringen, ist davon auszugehen, dass einige Industrieunternehmen den Produktionsstandort Großbritannien strategisch neu bewerten werden. Insbesondere die Autobauer Toyota, BMW und Nissan haben das in den letzten Wochen schon angekündigt.

Als Konsequenz einer solchen Neubewertung schließt Honda seinen Standort in Swindon.

Honda beteuert, die Schließung des Werkes sei eine rein strategische Entscheidung, die nichts mit dem Brexit zu tun hat. Wir können uns allerdings sicher sein, dass die andauernde Unsicherheit nicht zu einer positiven Bewertung des Standorts beigetragen hat.

Worauf müssen sich deutsche Firmen einstellen?

Die Prozessverlangsamung betrifft alle Warenflüsse. Längere Laufzeiten bedeuten höhere Lagerbestände und damit auch höhere Kosten. Zudem ist durch einen wie auch immer gearteten Brexit ohne Abkommen mit Zöllen zu rechnen. Auf Automobilteile würden dann 4,5 Prozent entfallen. Auf fertige Fahrzeuge, die nach Großbritannien eingeführt werden, etwa 10 Prozent. Deutsche Hersteller müssen damit rechnen, dass ihre Absatzpreise um zwanzig Prozent steigen könnten.

Die britische Regierung zieht in Erwägung, Lkw aus der EU ohne zusätzliche Genehmigungen über die Grenzen und in das Land zu lassen. Ist das sinnvoll?

Eine solche Entscheidung würde den Schaden, der durch das abrupte Entfallen von Transportgenehmigungen entsteht, deutlich mindern. Insbesondere wenn man überlegt, dass etwa 15 Prozent der inländischen Transporte in Großbritannien mit europäischen Lkw abgewickelt werden. Trotzdem kann das nur eine temporäre Maßnahme sein. Schließlich entfällt faktisch trotzdem die Rechtssicherheit für deutsche oder europäische Transporteure, wenn sie ohne Genehmigung operieren.

Welche absehbaren Konsequenzen hätte ein ungeordneter Austritt für die Branche?

Einerseits müssen sich europäische Logistiker und Transporteure auf längere Laufzeiten und höhere Kosten einstellen. Eine spannende Frage wird in dem Zusammenhang sein, ob sie diese Kosten eins zu eins an ihre Kunden weitergeben können. Denn der Wettbewerbsdruck in der Branche ist nach wie vor hoch. Andererseits können sich die Logistiker mit den veränderten Bedingungen als Servicedienstleister profilieren, indem sie ihren Kunden die Dokumentenerstellung und Zollabfertigung abnehmen und ihre Expertise im Warenverkehr mit Drittländern als Beratungsleistung anbieten. Viele ihrer Kunden werden das brauchen.

Mit Otto Jockel sprach Juliane Kipper

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema