Wirtschaft

Stillstand auf der Baustelle Styropor blockiert Dachdecker

Im letzten Lehrjahr der Ausbildung zum Dachdecker ist eine Spezialisierung auf Reetdächer möglich. Diese besondere Handwerkskunst beherrscht etwa Mathias Hahn. Foto: Jens Büttner

Wohin mit den alten Dämmstoffen: Die Styropor-Verordnung bereitet Dachdeckern und Abfallentsorgern Kopfzerbrechen.

(Foto: dpa-tmn)

Eine neue Verordnung droht den Hausbau in Deutschland lahmzulegen: Dachdecker wissen plötzlich nicht mehr, wo sie speziell behandelte Dämmstoffe entsorgen dürfen. Bundesumweltministerin Hendricks deutet auf den Bundesrat.

Die Einstufung von Styropor als gefährlicher Abfall zwingt derzeit bundesweit tausende Dachdecker zur Untätigkeit. Bundesweit sind mehrere hundert Baustellen deswegen stillgelegt, teilte der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) mit.

"Erste Betriebe melden, dass sie Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder sogar entlassen müssen, wenn es nicht bald eine Lösung gibt", sagte Dachdeckerpräsident Ulrich Marx. Er bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

Grund der ungewöhnlichen Blockade im deutschen Bauwesen: Seit 1. Oktober darf Styropor, das das gesundheitsschädliche Brandschutzmittel HBCD (Hexabromcyclododecan) enthält, nicht mehr mit sonstigem Bauschutt zusammen entsorgt werden. Stattdessen müssen die alten Dämmplatten separat verbrannt werden. HBCD steckt unter anderem in Polystyrol-Dämmstoffen, besser bekannt als Styropor. Das Flammschutzmittel selbst darf bereits seit 2013 nicht mehr verwendet werden.

Neue Abfallverordnung

Das Problem daran ist: Einem Großteil der Müllverbrennungsanlagen fehlt bislang die erforderliche Zulassung für die Verbrennung von HBCD. Damit können Dachdecker, die vor Ort altes Dämmmaterial durch neue Baustoffe ersetzen sollen, den anfallenden Bauschutt nicht mehr ordnungsgemäß entsorgen.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuvor berichtet, Containerfirmen weigerten sich, Bauschutt mit dem alten Dämmmaterial abzufahren. Auch Verbrennungsanlagen lehnten eine Entsorgung ab, da dies mit dem Einholen von Sondergenehmigungen verbunden sei. Durch den Rückstau bis auf die Baustellen droht dort schließlich über kurz oder lang der Stillstand.

EU verbannt giftiges Brom

Die Nebenwirkungen der Styropor-Verordnung schlägt auch in der Bundespolitik hohe Wellen: Bundesumweltministerin Barbara Hendricks wies die Verantwortung für das Bürokratie-Debakel von sich: "Diese Notlage ist durch den Bundesrat veranlasst", sagte sie. Der habe "gegen unsere Empfehlung" gehandelt. Nun stiegen die Preise bei den Müllverbrennungsanlagen "ins Unermessliche".

Hendricks Kritik bezieht sich darauf, dass eine Mehrheit der Bundesländer im vergangenen Jahr die Abfallkennzeichnungsverordnung per Bundesratsbeschluss geändert hatten. Das wiederum geht auf eine EU-Richtlinie zurück. Ein Bestandteil von HBCD ist das giftige Brom, das Brüssel auf die Liste gefährlicher Stoffe gesetzt hatte. Deswegen musste auch das deutsche Umweltrecht angepasst werden.

Bürokratisches Debakel am Bau

Die Bauhandwerker aber werfen der Politik vor, bei der Umsetzung der Brüsseler Vorgaben über das Ziel hinausgeschossen zu sein. In der Tat haben manche Bundesländer inzwischen Erlasse herausgegeben, die die Regelung wieder aufweichen.

Branchenkenner hatten bereits vor dem Inkrafttreten der Verordnung ausdrücklich vor massiven Entsorgungsproblemen gewarnt. Auf den Bauabfallbereich komme "ein Entsorgungsnotstand von bislang nie erlebtem Ausmaß zu", hatte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE), Peter Kurth Ende September erklärt. Der BDE forderte mittelfristig die Rücknahme der Regelung.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa

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