Wirtschaft

"Tropfen auf heißen Stein"Alternative Routen können Öl-Chaos nicht stoppen

02.03.2026, 16:48 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
00:00 / 05:07
Gilt-als-eine-der-wichtigsten-Schifffahrtrouten-die-Strasse-von-Hormus
Gilt als eine der wichtigsten Schifffahrtrouten: die Straße von Hormus. (Foto: -/The Visible Earth/NASA/dpa)

Ölmärkte unter Druck: Die eingeschränkte Durchfahrt durch die Straße von Hormus sorgt weltweit für steigende Preise. Da alternative Routen kaum Entlastung bieten, wächst die Sorge vor längerfristigen Engpässen.

Nach der Eskalation im Nahen Osten am Wochenende haben die Ölpreise wie erwartet deutlich zugelegt. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im April verteuerte sich in den ersten Handelsminuten um 14 Prozent und kostete mit 82,37 Dollar so viel wie seit Januar 2025 nicht mehr. Der Preis für US-Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) legte prozentual ebenfalls zweistellig zu.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank (HCOB), bewertet diesen Anstieg auf Anfrage von ntv.de nicht als bloßen Reflex des Marktes. Die aktuelle Preisbildung spiegelt seiner Einschätzung zufolge vielmehr "die Erwartung wider, dass sich in den nächsten Tagen und Wochen Knappheiten aufbauen", sollte die Straße von Hormus über einen längeren Zeitraum blockiert bleiben.

Der Iran hatte den Schiffsverkehr dort als Reaktion auf die Angriffe am Wochenende gedrosselt. Die Bedeutung dieser Passage ist immens: Laut US-Energiebehörde werden täglich rund 20 Millionen Barrel transportiert – etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels. Bereits geringfügige Störungen können die Energiepreise in die Höhe treiben.

Sollte der Konflikt anhalten, hält de la Rubia einen Preissprung auf 100 US-Dollar binnen eines Monats für möglich. "Sollte sich die Situation jedoch vorzeitig beruhigen, dürfte Brent-Öl wieder unter die 70-Dollar-Marke fallen", so der Experte. Realistische Umgehungsrouten gibt es seiner Einschätzung zufolge kaum. Zudem bestehe die Gefahr, dass der Iran Förderanlagen in Nachbarländern wie Saudi-Arabien angreife, um den Preis gezielt nach oben zu treiben.

Dass saudische Ölfelder bereits in der Vergangenheit Ziel iranischer Attacken waren, betont auch Andreas Schwenzer, Partner bei der Unternehmensberatung Argon & Co. Bestehende Alternativen wie die saudi-arabische Ost-West-Pipeline seien lediglich "ein Tropfen auf den heißen Stein" und könnten einen Totalausfall der Straße von Hormus nicht kompensieren, sagt er auf Anfrage von ntv.de.

Zwar könnten Produzenten außerhalb der Region ihre Förderung ausweiten, allerdings wiege der aktuell betroffene Marktanteil schwer: "Wir sprechen mit 20 Prozent des globalen Marktvolumens von einer erheblichen Menge", sagt Schwenzer. Zudem operierten viele Staaten bereits am Limit ihrer Kapazitäten. Berichten zufolge liegen inzwischen außerdem mehr als 200 Tanker vor der Meerenge vor Anker. De la Rubia warnt: "Wenn die Straße von Hormus länger als zwei Wochen durchgehend blockiert ist, dürften in vielen Raffinerien echte Engpässe auftreten."

Der Iran ist der viertgrößte Ölproduzent innerhalb der Opec und fördert rund 3,3 Millionen Barrell pro Tag. Davon exportiert das Land ca. 1,5 Millionen Barrell pro Tag. China ist der größte Abnehmer und importiert mehr als 80 Prozent des verschifften Öls. "Insofern ist die Lücke für den Weltmarkt zwar signifikant, aber nicht dramatisch", sagt de la Rubia. Der größte Teil des Öls werde im Inland für Transport, Stromerzeugung und die chemische Industrie verbraucht.

Unterdessen gab die Internationale Energieagentur (IEA) bekannt, die Lage genau zu beobachten, um im Bedarfsfall strategische Bestände freizugeben. De la Rubia vermutet, dass die US-Regierung bei einem WTI-Preis zwischen 80 und 85 Dollar ihre Reserven anzapfen könnte. Schwenzer hält eine solche Diskussion zwar für verfrüht, gibt aber zu bedenken: "Politisch könnte der Druck – vor allem in den USA – deutlich zunehmen. Das Gespenst der Inflation bleibt vor den Midterms sehr präsent."

Neben Öl ist auch der Handel mit verflüssigtem Erdgas (LNG) bedroht, da etwa 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels die Straße von Hormus passieren, primär aus Katar. Die europäischen Erdgaspreise könnten sich nach Einschätzung von Analysten bei Goldman Sachs beinahe verdoppeln, falls die Lieferungen durch die Straße von Hormus für einen Monat vollständig gestoppt würden.

Quelle: ntv.de

Rohstoff ÖlIranÖlpreisStraße von Hormus