Wirtschaft

Schlummernde Risiken Türkei - Schuldenkrise made by Erdogan?

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Erdogans Türkei ist angeschlagen. Die Wirtschaft leidet unter den sinkenden Touristenzahlen.

(Foto: REUTERS)

Seit dem Verfassungsreferendum ist die türkische Lira auf Erholungskurs. Damit könnte allerdings auch bald wieder Schluss sein - und das hätte erhebliche Folgen.

Kaum ist der Wahlkampf vorbei, schlägt die Türkei versöhnliche Töne gegenüber Deutschland an: "Ich denke, dass die Zeit kommen muss, zu einer Normalität in den Beziehungen zurückzukehren", sagte der türkische Vize-Regierungschef und Finanzminister Mehmet Simsek. Beim G20-Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs am 20. und 21. April in Washington sei auch über Möglichkeiten diskutiert worden, der angeschlagenen türkischen Wirtschaft zu helfen. Dafür werde Deutschland benötigt.

Zahlreiche Konjunkturdaten zeigen, dass die Wirtschaft in einem schwachen Zustand ist, zumal sie weiterhin unter den sinkenden Touristenzahlen leidet. Sie war im Februar um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen - das war der 19. Monat in Folge mit einem Minus. Das schwierige Konjunkturumfeld belastet weiterhin den Arbeitsmarkt, weshalb die Arbeitslosenquote im Januar auf 13 Prozent gestiegen war - das ist der höchste Wert seit Februar 2010. Zudem ist die Inflationsrate im März auf 11,3 Prozent geklettert, was die Kaufkraft der Verbraucher und damit die Konjunktur erheblich belastet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, dass das Leistungsbilanzdefizit im Jahr 2017 von 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 5,6 Prozent steigen wird.

Zur Leistungsbilanz gehören neben der Handelsbilanz (Aus- und Einfuhr von Gütern) auch die Dienstleistungsbilanz (Dienstleistungen), die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (Löhne und Zinsen aus dem Ausland) und die Übertragungsbilanz, zum Beispiel Überweisungen von ausländischen Arbeitnehmern in ihre Heimatländer.

Auslandsschulden bergen Risiken

Trotz der schlechten Zahlen ist die Lira seit Erdogans Erfolg auf Erholungskurs. Zuletzt notierte sie bei rund 3,60 Lira je Dollar. Investoren setzen darauf, dass Erdogan wegen des knappen Wahlausgangs zumindest auf kurze Sicht keine vorgezogenen Neuwahlen ankündigen dürfte, weshalb die politischen Risiken ein wenig abgenommen haben.

Trotz des jüngsten Kursanstiegs ist die Lira gegenüber dem Dollar aber immer noch 50 Prozent weniger wert als im Januar 2013. Sie notiert damit nicht weit vom Rekordtief entfernt. Gegenüber dem Euro hat die Lira im gleichen Zeitraum um mehr als 40 Prozent abgewertet. Die im internationalen Vergleich geringe Verschuldung im Ausland von 49 Prozent (rund 404 Milliarden Dollar) könnte allerdings durch die Lira-Abwertung zunehmen. Zinsen von 10,4 Prozent für zehnjährige türkische Staatsanleihen zeigen klar, für wie riskant Investoren ein derartiges Engagement halten, zumal die Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's türkische Anleihen als Ramschanleihen einstufen und die Lira weiter abwerten könnte.

Kopfzerbrechen dürften etlichen Experten vor allem die Auslandsschulden der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors bereiten. Diese Schulden sind auf umgerechnet rund 210 Milliarden Dollar nach oben geschossen - das ist mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem Jahr 2009. Diese Schulden bergen enorme Risiken. Denn eine Abwertung der Lira um 50 Prozent gegenüber dem Dollar bedeutet, dass die Unternehmen später doppelt so viele Lira aufwenden müssen, um ihre Kredite auf Dollar-Basis zu bedienen. Das Geld fehlt dann an anderer Stelle, etwa für Forschung und Entwicklung, Investitionen oder höhere Löhne und belastet die Wirtschaft.

Damit trüben sich die Perspektiven für die Wirtschaft zusehends ein, weshalb die Appelle der Türkei um Wirtschaftshilfe aus Deutschland umso drängender werden dürften. In dem Konjunkturumfeld könnte die Erholung der Lira bald auslaufen und die Währung in Richtung der Rekordtiefs abtauchen. Dann könnten die Sorgen vor einer Schuldenkrise wieder stärker hochkochen.

Quelle: ntv.de