Wirtschaft

Erdogan hat ein Problem Türkische Lira im freien Fall

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Die Lira hat kräftig an Wert verloren.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Die Türkei steuert auf eine neue Währungskrise zu. Der Absturz der Lira verschärft die Probleme des Landes am Bosporus, das bereits mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen hat.

Für Türkei-Urlauber ist das eine gute Nachricht, für die Türkei allerdings nicht: Die Lira stürzt ab, seit Jahresbeginn hat sie zum US-Dollar ein Fünftel an Wert verloren und fiel heute auf ein neues Rekordtief zur US-Währung. Für das Land ist das ein großes Problem - und es kann noch größer werden. Denn die Türkei leidet bereits unter der Corona-Pandemie und steckt in einer Rezession. Kommt jetzt noch eine Währungskrise hinzu, wird das die wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch einmal verschärfen.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 7,83

Der Verfall der Währung führt dazu, dass die Einfuhren in das rohstoffarme und auf Importe angewiesene Land teurer werden. Das treibt die Inflation an, die derzeit bei zwölf Prozent liegt. Hinzu kommt, dass türkische Unternehmen im Ausland stark verschuldet sind. Die Ratingagentur S&P schätzt, dass mehr als ein Drittel aller Kredite in Fremdwährungen aufgenommen wurden. Viele Unternehmen haben deshalb ein massives Problem: Sie erwirtschaften ihre Gewinne in immer schwächerer Lira und müssen damit Kredite in harten Devisen tilgen.

Erschwert wird die Lage durch die Corona-Pandemie. So belastet die wichtige Tourismusbranche das Fernbleiben ausländischer Gäste, die normalerweise viel Geld und dringend benötigte Devisen ins Land bringen. Im Frühjahr 2019 summierten sich die Tourismuseinnahmen noch auf mehr als acht Milliarden Dollar. Doch im ersten Halbjahr 2020 brach die Zahl ausländischer Besucher um 75 Prozent auf 4,5 Millionen ein.

Die Zentralbank stemmt sich gegen die Lira-Abwertung, indem sie ausländische Währung auf den Markt wirft. Das stützt zwar tendenziell die Lira, doch zugleich schwinden die Devisenreserven. Sie fielen zuletzt von 81 auf nur noch 51 Milliarden Dollar. Seit vergangenem Jahr haben die Notenbank und staatliche Geldhäuser mehr als 110 Milliarden Dollar ausgegeben, um die heimische Währung am Devisenmarkt zu stützen - mit überschaubarem Erfolg.

Erdogan fordert niedrige Zinsen

Das ebenso klassische wie wirksame Mittel, um Inflation und Währungsverfall zu bekämpfen, sind Zinserhöhungen. Denn höhere Zinsen wirken tendenziell preisdämpfend, weil sie Kredite verteuern. Zudem wird Sparen attraktiver. Das heißt: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Produkten - und das macht Preiserhöhungen schwieriger. Zudem machen höhere Zinsen es für Investoren attraktiver, Geld in der Türkei anzulegen. Das führt dazu, dass - wegen der höheren Nachfrage - der Kurs der Lira steigt. Und eine stärkere Währung wirkt wiederum inflationshemmend. Denn im Ausland gekaufte und in die Türkei eingeführte Güter werden damit billiger. Der Nachteil: Dadurch wird die Konjunktur gebremst - und das möchte die Notenbank verhindern.

Das ist allerdings nicht der einzige Grund, warum Zentralbank-Chef Murat Uysal Zinserhöhungen unter allen Umständen vermeiden will - er fürchtet den Zorn des Präsidenten.

Recep Tayyip Erdogan bezeichnet sich als "Zinsfeind" und hatte deshalb im vergangenen Sommer für einen Wechsel an der Spitze der Zentralbank gesorgt. Er berief Zentralbank-Gouverneur Murat Cetinkaya ab, der sich Forderungen des Präsidenten nach Zinssenkungen widersetzt hatte. Als Nachfolger installierte Erdogan dessen Vize Uysal, der den Wunsch des Staatschefs erfüllt, mit billigerem Geld die Wirtschaft anzuschieben.

Fachleute führen die Lira-Talfahrt nicht nur auf die Corona-Krise zurück, sondern auch auf den lockeren geldpolitischen Kurs der türkischen Notenbank. Sie hat ihren Leitzins trotz der zugleich abwertenden Lira immer weiter reduziert, er fiel in nicht einmal einem Jahr von 24 Prozent auf aktuell 8,25 Prozent. Damit liegt der Leitzins deutlich unter der Inflationsrate - der Realzins ist also im negativen Bereich. Das macht es für ausländische Investoren unattraktiv, ihr Geld in der Türkei anzulegen. Zugleich ist die Türkei auf den Zufluss ausländischen Kapitals angewiesen. Commerzbank-Analystin Antje Praefcke drückt es so aus: "Wir gehen davon aus, dass die Lira tendenziell unter Druck bleiben wird."

Quelle: ntv.de, mit rts