Wirtschaft

Kehrtwende wegen Corona US-Banken schränken Europageschäft ein

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Morgan Stanleys Sitz in New York. Die großen US-Geldhäuser stehen unter Druck, sich wieder mehr auf den amerikanischen Markt zu konzentrieren.

(Foto: imago images/Levine-Roberts)

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steigt die weltweite Nachfrage nach Krediten auf der ganzen Welt rasant an. Doch US-Banken wie JP Morgan oder Goldman Sachs nutzen die Gelegenheit nicht, um in Europa zu expandieren - im Gegenteil.

Die Wall-Street-Banken schränken die Kreditvergabe in Europa ein. Die Corona-Krise zwinge die großen US-Geldhäuser, sich auf ihren Heimatmarkt zu konzentrieren, wurde aus Insiderkreisen laut. Diese "America first"-Strategie schaffe Spielraum für BNP Paribas und andere europäische Geldhäuser, sich zusätzliche Marktanteile zu sichern.

Goldman Sachs
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Wegen der rekordhohen Nachfrage nach Krediten und dem Druck, die lokale Wirtschaft zu unterstützen, seien Häuser wie die Bank of America und JP Morgan in Europa vorsichtiger geworden, heißt es weiter. Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citigroup seien ebenfalls in Europa risikoscheuer, da sie eine Welle von Kreditausfällen fürchteten. Die US-Geldhäuser ziehen sich allerdings nicht komplett aus Europa zurück, sondern sind bei einzelnen Deals durchaus noch aktiv.

US-Banken seien im Moment mehr mit ihrem heimischen Firmen- und Privatkundengeschäft beschäftigt, sodass sie in Europa vorsichtiger vorgehen, sagte Guido Zoeller, Deutschlandchef der französischen Großbank Societe Generale. Mitarbeiter der US-Banken, die nicht genannt werden wollten, erklärten, ihre europäischen Wettbewerber könnten sich eine aggressivere Kreditvergabe leisten, weil sie sich günstig bei der Europäischen Zentralbank (EZB) refinanzieren könnten. Die Banken lehnten eine Stellungnahme ab.

Nach 2008 aggressiv expandiert

Der Rückzug der Wall-Street-Riesen stellt eine Kehrtwende dar. Seit der Finanzkrise 2008 haben sie ihre Marktanteile in Europa immer weiter ausgebaut und in den Ranglisten die Spitzenplätze erobert. Dank der boomenden US-Konjunktur, den höheren Zinsen jenseits des Atlantiks und niedrigen Steuern scheffelten JP Morgan & Co jahrelang Milliarden und eilten von einem Rekordgewinn zum nächsten. Ihre europäischen Konkurrenten litten dagegen unter den Nachwirkungen der Finanzkrise, der europäischen Schuldenkrise und der lockeren Geldpolitik der EZB.

In den Ranglisten von Datenanbietern wie Refinitiv haben die US-Banken in Europa an Boden verloren. Die acht Top-Banken bei syndizierten Krediten sind in diesem Jahr alle Europäer. Die Bank of America - im vergangenen Jahr noch die Nummer 1 - landete mit Kreditzusagen von sechs Milliarden US-Dollar nur auf dem zehnten Platz. JP Morgan ist die bestplatzierte US-Bank auf dem neunten Platz, nach Rang sieben im Vorjahr.

BNP Paribas
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In die Bresche springen die französischen Geldhäuser BNP Paribas, die in der Refinitiv-Rangliste auf dem ersten Platz landet, Societe Generale und Credit Agricole sowie die spanische Santander und die italienische Unicredit. Trotz des Ölpreis-Absturzes stellt BNP Paribas eine zehn Milliarden US-Dollar schwere Kreditlinie für den britischen Ölkonzern BP bereit - und zwar im Alleingang.

Französische Banken nicht so stark getroffen

Es ist ungewöhnlich, dass bei einer so hohen Summe das Risiko nicht unter mehreren Banken aufgeteilt wird. Zwar stehen auch französische Banken unter Druck, dringend benötigte Kredite an die heimischen Unternehmen zu vergeben. Doch sie haben die politische Rückendeckung, um im Ausland zu expandieren. Zudem seien die französischen Banken wegen ihrer hohen Liquidität weniger stark von der Krise betroffen als andere europäische Kreditinstitute, sagte einer der Insider. BNP Paribas wird von vielen als eine der Banken gesehen, die vergleichsweise gut durch die Finanzkrise 2008 gekommen ist. Sie habe ihre Risiken und Kosten unter Kontrolle und gehöre daher zu den Gewinnern der Krise. "Das französische Bankensystem wird als das aktivste und solideste angesehen", sagte ein Banker in Paris.

Die Banken rund um den Globus haben eine enorme Nachfrage ihrer Kunden nach Krediten gesehen. Unternehmen haben mehr als 150 Milliarden US-Dollar an Kreditlinien gezogen, um den von der Corona-Pandemie ausgelösten Stillstand zu überstehen. Das schlägt negativ auf die Bilanzen der Banken durch, die Milliarden an Rückstellungen für mögliche Verluste bilden mussten und teilweise empfindliche Gewinneinbrüche verbuchten.

Die trüben Aussichten sowie die diversen staatlichen Hilfsprogramme in den USA und Europa haben den Druck auf die Institute erhöht, sich auf die Kunden in ihren Heimatmärken zu konzentrieren und Staatsgarantien zur Rettung von Unternehmen zu nutzen. In dieser Krise müssten Banken sich nach den Interessen der eigenen Regierungen richten, sagte ein Banker aus London. Dieser Nationalismus stelle die Institute vor schwierige Entscheidungen, da die Nachfrage nach Liquidität auch im Ausland enorm sei.

Quelle: ntv.de, ino/rts