Wirtschaft

Zelle in der "Matrosenruhe" US-Investor in Moskau eingesperrt

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Der Prozess gegen Calvey soll Mitte April beginnen.

(Foto: AP)

Der Investor Michael Calvey sitzt in einem berüchtigten Gefängnis in Moskau. Dahinter könnte ein Streit mit zwei russischen Geschäftsleuten stecken, die mit harten Bandagen kämpfen.

Die "Matrosenruhe" ist einer der unheilvollsten Orte Moskaus. Der Begriff ist der inoffizielle Name für ein berühmt-berüchtigtes Untersuchungsgefängnis im Nordosten der russischen Hauptstadt mit einer langen Liste bekannter Insassen. Auch Michail Chodorkowski saß hier, als ihm der Prozess gemacht wurde.

Nun ist ein anderer Geschäftsmann hier eingesperrt: Michael Calvey. Der US-Amerikaner war am vergangenen Freitag verhaftet worden. Die Anklage wirft ihm Betrug vor.

Der 51-Jährige ist in der russischen Geschäftswelt kein Unbekannter, hat er doch Baring Vostok gegründet und damit eine der größten Beteiligungsgesellschaften, die in Russland investieren. Nach eigenen Angaben beträgt das Investitionsvolumen umgerechnet insgesamt 2,8 Milliarden Dollar. Calvey gehörte zu den Investoren, die früh Geld in die russische Suchmaschine Yandex und die Online-Bank Tinkoff steckten.

Calvey ist mit seinem Investmentfonds schon seit 1994 am Start, als die Sowjetunion zusammengebrochen war und ein entfesselter Kapitalismus Einzug erhielt. Der US-Amerikaner folgte von Beginn an einem wesentlichen Grundsatz: Immer an die Regeln halten - sowohl an die offiziellen als auch an die inoffiziellen. "Konstruktive Beziehungen zu den Behörden auf föderaler und auf lokaler Ebene", lautet der siebte Punkt der "Schlüssel-Kriterien", die Baring Vostok der eigenen Website zufolge beim Investieren in Russland beachtet.

Diese Vorsicht hat allerdings nicht verhindert, dass Calvey zunächst bis Mitte April in der "Matrosenruhe" eingesperrt ist, dann soll der Prozess gegen ihn beginnen. Derzeit sitzt der US-Amerikaner wie jeder neue Häftling in einer Einzelzelle in Quarantäne. Das Untersuchungsgefängnis ist berüchtigt für seine harten Haftbedingungen. Hier starb Sergej Magnitski im Alter von 37 Jahren wohl an Misshandlungen - was die Justiz nicht davon abhielt, dem Anwalt posthum den Prozess zu machen.

Was genau hinter der Verhaftung Calveys steckt, ist - wie meistens bei solchen Fällen in Russland - nicht so ganz klar. Sie ist allerdings ein Paradebeispiel dafür, wie knallhart es im russischen Geschäftsleben zugehen kann.

"Er ist in Angriffslaune"

Mit Calvey wurden fünf weitere Geschäftsleute verhaftet, darunter drei Baring-Manager. Die Vorwürfe gegen sie stehen dem Fonds zufolge im Zusammenhang mit einem Streit um die russische Wostochnij Bank, an der Baring Vostok die Mehrheit der Anteile hält. Ermittler des Geheimdienstes FSB werfen Calvey und den anderen Managern vor, umgerechnet 37 Millionen Dollar unterschlagen zu haben.

Der Vorwurf geht der Anklage zufolge auf einen Streit Calveys mit Artem Awetisjan und Sherzod Jusupow zurück. Sie sind Minderheitseigner bei der Wostotschny Bank und haben die Anteile bekommen, als ihre eigene Bank mit Wostotschny fusionierte. Der Zoff begann im vergangenen Jahr, nachdem die Zentralbank Wostotschny aufgefordert hatte, das Eigenkapital um umgerechnet 30 Millionen Dollar zu erhöhen. Nach Darstellung Calveys liegt das daran, dass Awetisjan und Jusupow vor der Fusion unerlaubt Vermögenswerte aus ihrer Bank abgezogen haben. Nun streiten sich die Anteilseigner vor einem Londoner Gericht darum, wer für die Kapitalerhöhung aufkommen soll.

Für Baring Vostok ist klar, dass die Verhaftung des Chefs damit im Zusammenhang steht. Awetisjan soll gute Kontakte zu den Sicherheitsbehörden haben. Das kann dazu beigetragen haben, dass sich der FSB der Sache angenommen hat und der Prozess vor einem Strafgericht und nicht vor einem Zivilgericht stattfindet. Calvey weist die Vorwürfe derweil zurück. "Er ist in Angriffslaune", sagte sein Anwalt der Finanznachrichtenagentur "Bloomberg".

Der US-Amerikaner hat sich demnach Mühe gegeben, nicht zu sehr aufzufallen. Calvey trennte sich deshalb von Investments, wenn sie zu groß wurden, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Deshalb setzt er auch auf Alexej Leonow. Der ehemalige Kosmonaut ist der erste Mensch, der einen Weltraumspaziergang unternahm. Der "Held der Sowjetunion" kommt für Baring zum Einsatz, wenn Angriffe abgewehrt werden müssen, die typisch für die Geschäftswelt Moskaus sind: Mithilfe etwa von Gerichten, Behörden, Polizei oder Geheimdiensten werden Unternehmer von anderen Geschäftsleuten unter Druck gesetzt, damit sie sich von Besitz - billig - trennen oder in einem Streit nachgeben.

"Alles ist Politik"

Sollte Calvey tatsächlich Opfer dieser Taktik sein, kann Leonow ihm nicht helfen. Der 84-Jährige hat Russland verlassen, um im Ausland medizinisch behandelt zu werden. Unterstützung bekommt Calvey immerhin von dem vom Kreml eingesetzten Ombudsmann, der Konflikte unter Unternehmern schlichten soll: "Diese Verhaftung ist illegal", schimpfte Boris Titow.

Vielleicht spielt bei der Verhaftung des US-Amerikaner auch etwas anderes hinein neben harten Business-Methoden: das angespannte Verhältnis zwischen den USA und Russland. Das meint zumindest der bekannteste Oppositionelle des Landes, Alexej Nawalny. Er sei bereits mehrfach von dem Richter verurteilt worden, der für den Prozess gegen Calvey verantwortlich ist, twitterte Nawalny und ergänzte: "Die Jungs von Baring Vostok haben wahrscheinlich gedacht: Nun, das wird uns nicht passieren, es geht uns ums Geschäft, nicht um Politik. Ich freue mich nicht [über die Verhaftung]. Es ist aber wichtig, zu verstehen: Derzeit ist alles Politik."

Quelle: n-tv.de

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