Wirtschaft

Lion-Air-Absturz in Indonesien Unfallermittler beschuldigen Boeing

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(Foto: REUTERS)

Der Abschlussbericht der Experten hat es in sich: Zwölf Monate nach dem tödlichen Absturz einer Boeing 737 Max in Indonesien legen sich die Sachverständigen fest. Sie verweisen auf verhängnisvolle Entscheidungen beim Hersteller und machen einen Konstruktionsfehler bei Boeing für das Unglück verantwortlich.

Fast genau ein Jahr nach dem Absturz eines Passagierflugzeugs vom Typ Boeing 737 Max in Indonesien haben Unfallermittler der zuständigen Behörde in Indonesien Konstruktionsfehler des Herstellers als Unglücksursache ausgemacht. Der Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Lion Air ist den Erkenntnissen der Experten zufolge dabei unter anderem auch auf unzureichende Angaben von Boeing im Umgang mit Problemen im Bordsystem zurückzuführen.

Dies habe die Ermittlungsbehörde den Familien der Opfer kurz vor der Veröffentlichung des offiziellen Abschlussberichts mitgeteilt, hieß es aus der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Wie der Präsentation zu entnehmen ist, konnten die Unfallfahnder ihre Suche nach der Unglücksursache auf eine Fehlfunktion eines Kontrollsystems im Cockpit eingrenzen. Daneben hätten allerdings auch "Mängel" in der Kommunikation der Besatzung und Fehler bei der manuellen Steuerung des Flugzeugs zum Absturz beigetragen.

Für den Hersteller der Unglücksmaschine kommt das Urteil der Unfallermittler höchst ungelegen. Der US-Luftfahrtkonzern Boeing will im Tagesverlauf seinen Zwischenbericht zum zurückliegenden Quartal vorlegen. Dabei dürfte es auch um die wirtschaftlichen Folgen des 737-Max-Debakels gehen. Seit dem tödlichen Absturz einer zweiten Maschine in Äthiopien müssen alle Jets dieser Baureihe am Boden bleiben. Boeing bemüht sich seitdem um Nachbesserungen, konnte die Aufsichtsbehörden bislang aber nicht dazu bewegen, dem Flugzeugmodell die erforderliche Betriebserlaubnis zu gewähren.

Die Ergebnisse der Ermittler aus Indonesien erhärten den Verdacht, dass der Hersteller eine gravierende Mitschuld trägt. Eine Boeing-Sprecherin wollte sich dazu auf Anfrage zunächst nicht äußern. Auch die Fluggesellschaft Lion Air, Betreiber der im vergangenen Herbst abgestürzten Unglücksmaschine, lehnte eine Stellungnahme ab. Der Abschlussbericht soll offiziell an diesem Freitag veröffentlicht werden.

Vor einem Jahr, am 29. Oktober 2018, war in Indonesien eine 737 Max von Lion Air abgestürzt. Keiner der 189 Insassen überlebte den Aufschlag auf dem Wasser. Nur wenige Monate später, im März 2019, verunglückte eine Maschine des gleichen Typs von Ethiopian Airlines. Dabei kamen 157 Menschen ums Leben. Im Zentrum der Ermittlungen steht seitdem die Frage, ob es eine Verbindung zwischen den beiden Unfällen gibt und welche Rolle die Bordtechnik von Boeing gespielt hat. Die Untersuchungen zur Unglücksursache in Äthiopien dauern an.

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Es gibt Hinweise darauf, dass in beiden Fällen eine spezielle Cockpit-Software zur Kontrolle des Aufstiegswinkels den Piloten beider Jets Schwierigkeiten bereitete. Das Steuerungsprogramm namens "Maneuvering Characteristics Augmentation System" (MCAS) wurde von Boeing eigens für die 737 Max entwickelt. Im Fall des Lion-Air-Jets lieferte offenbar ein einzelner Sensor falsche Daten, was dazu führte, dass die MCAS-Elektronik die Maschine automatisch in den Sturzflug drückte. Die Piloten hatten daraufhin immer wieder versucht, die Maschine nach oben zu ziehen - ohne Erfolg.

Fragwürdige Angaben von Boeing

Während der Entwicklung und Zertifizierung der Maschine seien von Boeing Angaben zum Umgang mit "Fehlfunktionen" gemacht worden, die zwar im Einklang mit den Richtlinien gestanden hätten, heißt es in dem Bericht der indonesischen Ermittler. Trotzdem seien sie aber "nicht korrekt" gewesen. "Auf der Grundlage von falschen Annahmen über die Reaktion der Piloten und eine unvollständige Überprüfung der damit verbundenen Auswirkungen mehrerer Flugfehler wurde die Abhängigkeit von MCAS von einem einzigen Sensor als angemessen erachtet." Das System sei allein auf diesen Sensor ausgerichtet gewesen, was es für einen Fehler "anfällig" gemacht habe. Der Bericht soll in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die Software steht seitdem im Zentrum der Bemühungen von Boeing, die Genehmigungen zum Flugbetrieb für das wichtige Flugzeugmodell wieder zu erlangen. Wie aus der Zusammenfassung der Ermittlungsergebnisse aus Indonesien hervorgeht, hätten die Piloten das System mittels zweier Schalter im Cockpit abstellen können, was aber offensichtlich nicht geschah. Schon kurz nach dem Unfall hatten sich Piloten beklagt, dass sie vom Hersteller nicht über die Existenz des MCA-System informiert worden waren.

Mehr als 5000 Jets bestellt

Für Boeing geht es bei der Aufarbeitung der beiden Absturzursachen nicht nur um drohende Schadenersatzforderungen und den guten Ruf, sondern auch um das Vertrauen der Kundschaft in eines der wichtigsten Produkte des US-Konzerns im Geschäftsbereich der zivilen Luftfahrt. Hunderte Airlines in aller Welt hatten insgesamt mehr als 5000 Jets vom Typ 737 Max bestellt.

In den Büchern von Boeing hatte das weltweite Startverbot für die Maschinen bereits im zweiten Quartal zu einem Milliardenverlust geführt. Wegen einer Rückstellung von knapp fünf Milliarden Dollar fiel ein Nettoverlust von 2,9 Milliarden Dollar an. Am frühen Nachmittag deutscher Zeit will der US-Konzern seine Bilanz zum dritten Quartal vorlegen.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa/rts