Wirtschaft

Wirtschaft in der Corona-Krise Verbände fordern schnellere Lockerungen

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Autohändler dürfen wieder öffnen - andere Branchen leiden weiter.

(Foto: dpa)

Die Kontaktbeschränkungen bleiben bestehen, aber kleine Geschäfte können öffnen. Die Entscheidungen von Bund und Ländern stoßen in der Wirtschaft auf geteilte Reaktionen, die Kritik ist teils heftig. Manche Branchen fürchten den Zusammenbruch - und fordern Staatshilfen.

Mehr Einkaufsmöglichkeiten, aber weiter keine Reisen und Restaurantbesuche: Bund und Länder lockern die Einschränkungen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus nur in kleinen Schritten. Zwar begrüßen einige Branchenverbände das Vorgehen, doch die Maßnahmen kommen nicht überall gut an.

Lesen Sie hier die Beschlüsse von Bund und Ländern im Wortlaut.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisierte, für viele Betriebe fehle weiterhin eine klare Perspektive für ihr Geschäft. "Weitere wirtschaftliche Einbußen für die gesamte Gesellschaft zeichnen sich ab", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kündigte deshalb Gespräche mit der Wirtschaft an. "Ich werde mich am Freitag mit den Wirtschaftsverbänden eng über den genauen Ablauf der Lockerungen und möglicher weiterer Lockerungen, sobald es der Gesundheitsschutz zulässt, abstimmen", so Altmaier.

Die Maßnahme, dass Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis 800 Quadratmetern öffnen dürfen, stieß auf geteilte Reaktionen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begrüßte die Entscheidung - Buchhandlungen dürfen unabhängig von der Größe öffnen. Der Handelsverband Deutschland (HDE) kritisierte dagegen die Begrenzung auf kleinere Geschäfte als "Wettbewerbsverzerrungen". Es gebe aus Sicht des Handels kein Sachargument für eine stufenweise Öffnung der Läden, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Abstands- und Hygieneregeln könnten sowohl in kleinen als auch in großen Geschäften eingehalten werden. Er appellierte an die Bundeskanzlerin, sich für einheitliche, nicht diskriminierende Vorgaben für den gesamten Einzelhandel einzusetzen.

Autohändler sind zufrieden

Der Handelsverband Textil (BTE) forderte, spätestens von Anfang Mai an grünes Licht für die Öffnung aller Geschäfte zu geben. Die Discounter KiK und Tedi sowie die Modekette Gerry Weber begrüßten dagegen die Entscheidung von Bund und Ländern.

Auch Autohändler dürfen unabhängig von der Verkaufsfläche ab Montag wieder öffnen. Hersteller und Händler begrüßen dies. Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sagte, die Entscheidung sei ein wichtiger und notwendiger Schritt auf dem Weg, auch den Hochlauf der Produktion wieder zu ermöglichen. "Es gibt keine Fertigung ohne Vertrieb."

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Dagegen befürchtet der Deutsche Tourismusverband (DTV) existenzielle Folgen für die Branche in Deutschland, da Menschen weiterhin auf Reisen und touristische Ausflüge verzichten sollen. "Es ist jetzt mit einer weiteren großen Stornierungswelle zu rechnen, die die Liquidität vieler Betriebe übersteigen wird. Das ausgefallene Ostergeschäft ist in weiten Teilen des Tourismus nicht mehr nachzuholen", warnte DTV-Geschäftsführer Norbert Kunz. Er forderte nicht zurückzahlbare Zuschüsse für alle existenzbedrohten touristischen Anbieter in Deutschland. Die Reise- und Tourismuswirtschaft gehört zu den Branchen, die in der Corona-Krise am härtesten betroffen sind.

Gaststättenverband fordert Rettungspaket

Da auch Restaurants, Bars und Clubs weiter geschlossen bleiben, benötigt die Branche aus Sicht des Gaststättenverbands Dehoga ein Rettungspaket. "Unsere Betriebe waren die ersten, die geschlossen wurden, und sind nun die letzten, die wieder öffnen dürfen", sagte Dehoga-Präsident Guido Zöllick. Als Teil eines solchen Rettungspakets forderte der Verband unter anderem die Bildung eines "Rettungs- und Entschädigungsfonds" mit direkten Finanzhilfen für die Betriebe.

Lob kam vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), der die Entscheidung als eine gemeisterte Gratwanderung bezeichnete. Mit den Beschlüssen räumten sie "dem umfassenden Gesundheitsschutz der Bevölkerung weiter Vorrang ein, tragen aber zugleich ökonomischen Erfordernissen Rechnung, um ein gesamtwirtschaftliches Desaster zu vermeiden", sagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Er bemängelte aber, dass es weiterhin keine Klarheit über die Rückkehr zum Normalbetrieb für Behörden und Ämter gebe. Handwerksunternehmen seien aber darauf angewiesen, um Aufträge erfüllen zu können.

Mit deutlicher Kritik reagierte die katholische Kirche auf die Ergebnisse der Beratungen. "Mit Enttäuschung" nehme er "zur Kenntnis, dass das Verbot von öffentlichen Gottesdiensten aller Religionsgemeinschaften derzeit erhalten bleiben soll", erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, in Bonn. "Angesichts von ersten Lockerungsmaßnahmen in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens" könne er dies "nicht nachvollziehen". Seine Kirche habe "das Verbot von Versammlungen zur Religionsausübung bisher hingenommen, weil wir dieses Verbot vorübergehend für angemessen hielten." Es greife allerdings "tief in das Recht der freien Religionsausübung ein". Die katholische Kirche wolle nun "einen Lösungsvorschlag einbringen, wie wir Religionsausübung und Infektionsschutz gleichermaßen gewährleisten können", erklärte Bätzing.

Quelle: ntv.de, mli/dpa