Wirtschaft

Schienennetz überlastet Verbände wollen alte Gleise wiederbeleben

120504595.jpg

Die stillgelegten Abschnitte sind zwischen einem und 60 Kilometer lang.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das deutsche Schienennetz schrumpft seit Jahren, obwohl die Passagierzahlen immer weiter steigen. Zwei Verkehrsverbände fordern daher, dass mehr als 3000 Kilometer stillgelegte Bahnstrecken wiederbelebt werden. Unklar ist, wer die Kosten dafür tragen soll.

Mehr als 3000 Kilometer stillgelegte Bahnstrecken lassen sich aus Sicht zweier Verkehrsverbände ohne allzu großen Aufwand reaktivieren. Das würde den Personenverkehr in Deutschland verbessern, teilten der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und Allianz pro Schiene mit. Denn damit ließen sich zahlreiche Lücken im deutschen Schienennetz schließen und die steigenden Passagierzahlen besser bewältigen.

Die Verbände machten bundesweit 186 Streckenabschnitte aus, die in den vergangenen Jahrzehnten stillgelegt wurden und bei denen es sich lohne, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Die Abschnitte sind zwischen einem und 60 Kilometer lang und haben insgesamt eine Länge von 3072 Kilometern. Nähme man sie alle wieder in Betrieb, ließe sich das gesamte deutsche Schienennetz um acht Prozent erweitern, sagte ein VDV-Sprecher.

Nach Jahrzehnten des Schrumpfens habe die Schieneninfrastruktur in den vergangenen Jahren bereits an mehr und mehr Orten ein Comeback erlebt: So wurden zwischen 1994 und 2019 insgesamt 827 Kilometer an Verbindungen für den Personenverkehr und 359 Kilometer für den Güterverkehr wieder in Betrieb genommen, wie aus einer Deutschland-Karte der Allianz pro Schiene hervorgeht. Insgesamt fällt die Bilanz aber deutlich negativ aus: Im selben Zeitraum wurden mit über 3600 Kilometern deutlich mehr Strecken im Personenverkehr eingestellt als reaktiviert.

Nicht mehr genutzte Bahnstrecken wieder in Betrieb zu nehmen, könnte ein Schritt zur Umsetzung des Projekts "Deutschland-Takt" sein, mit dem das Bundesverkehrsministerium die Schiene stärken will. Das Zugfahren soll so pünktlicher und schneller werden, das Erreichen der Anschlüsse direkter und verlässlicher.

Ministerium will doppelt so viele Fahrgäste

Geplant sind unter anderem besser abgestimmte Zugfahrpläne, so dass sich die Reisezeit durch optimierte Anschlüsse verkürzt. Außerdem soll es zusätzliche Strecken geben. In Ausbau, Netz, Technik und Elektrifizierung sollen Milliarden fließen, heißt es vom Verkehrsministerium. Die Umsetzung des Projekts "Deutschland-Takt" soll 2020 beginnen. Bis 2030 soll sich die Zahl der Fahrgäste verdoppeln - das hat sich das Verkehrsministerium zumindest zum Ziel gesetzt. Über die Umsetzung werde mit den Eisenbahnunternehmen und Ländern diskutiert, hieß es vom Ministerium im Oktober.

Gefragt nach der Finanzierung sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann lediglich: "Da halten wir uns zurück."Schätzungen seien in diesem Fall unseriös, weil der Aufwand so unterschiedlich sei. Weniger zurückhaltend antworten die Verbände auf die Frage, wer das finanzieren soll: "Wir fordern ein Bundesprogramm Reaktivierung, bei dem der Bund 100 Prozent der Infrastrukturkosten der reaktivierten Strecken trägt", sagte Flege. Denn die meisten der ausgedienten Strecken seien vorher Bundesschienenwege gewesen. "Deswegen ist es jetzt auch Aufgabe des Bundes, diese Fehler der Vergangenheit zu korrigieren." Die Planung sollten die Länder übernehmen.

Gegen den Vorwurf wehrt sich das Verkehrsministerium und teilt auf Anfrage mit, dass Strecken immer nur dann stillgelegt worden seien, wenn es keine Nachfrage mehr gegeben habe und wenn kein Dritter - etwa ein privater Betreiber - die Strecke habe übernehmen wollen. Außerdem stelle der Bund bereits ausreichend Mittel für den SPNV zur Verfügung - zwischen 2016 und 2031 mehr als 150 Milliarden Euro. Auch die Deutsche Bahn erklärt auf Anfrage, dass mangelnde Nachfrage über eine Stilllegung entscheide. Das bedeute aber auch: "Wenn Leistungen in einem Umfang bestellt werden, die dem Infrastrukturbetreiber einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen, kann durchaus eine Reaktivierung in Erwägung gezogen werden", heißt es in dem Statement. Und: "Es ist unstrittig, dass wir mehr Kapazitäten brauchen, um die Verkehre von heute und morgen zu bewältigen.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de, aeh/hul/dpa/AFP

Mehr zum Thema