Wirtschaft

Mit dem ID.3 an die Spitze? Volkswagen läutet die Jagd auf Tesla ein

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In der Fachpresse fällt das neue Elektroauto ID.3 krachend durch.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die ersten Modelle des ID.3 verspäten sich, aber sie sind da. Es gibt viel Kritik an dem neuen Elektroauto, aber auch optimistische Stimmen: Ende des Jahres könnte Volkswagen in Europa bei Stromern Marktführer und schon in zwei Jahren weltweit an Tesla vorbeigezogen sein.

Es ist vollbracht. Volkswagen hat seine ersten ID.3 an Kunden in Dresden und Wolfsburg mit viel Verzögerung übergeben. Es war eine schwere Geburt. Doch mit dem Marktstart des mit Abstand wichtigsten Modells des Konzerns kann die elektrische Wende nun endlich beginnen. Von der ersten Edition, die auf 30.000 Wagen limitiert ist, wurden nach Konzernangaben bisher mehr als 25.000 Stück verkauft.

Vorstandschef Herbert Diess dürfte erleichtert sein. Volkswagen hat einen wichtigen Etappensieg auf seinem entschlossenen Weg ins Elektrozeitalter errungen. Erfolg oder Nicht-Erfolg seiner E-Strategie entscheiden über nichts weniger als seinen Posten in Wolfsburg. Der 61-Jährige hat alles auf eine Karte gesetzt. Riesige Summen sind bereits in den ID.3, den Kompakt-SUV ID.4 und den Elektro-Bulli ID.Buzz geflossen - konzernweit werden es bis 2024 insgesamt 33 Milliarden Euro sein.

Ziel ist es Marktführer bei Elektromobilität zu werden und perspektivisch am Elektropionier Tesla vorbeizuziehen. Ob das realistisch ist? Bedenken waren zuletzt angebracht: Erst lässt der ID.3 auf sich warten, statt im Sommer kommt er erst im September auf den Markt. Dann missglückt der Versuch von Diess, Elektropionier Elon Musk bei einer gemeinsamen Spritztour von dem Wagen überzeugen, ihm zumindest ein kleines Lob abzuringen. Diess selbst muss die Erwartungen des Multi-Milliardärs dämpfen: Der ID.3 sei ein "Mainstream-Auto, kein Rennwagen", erklärt er vor laufender Kamera für ein Video, das später ins Netz gestellt wird.

Und zu guter Letzt fällt das neue E-Auto, das den Wolfsburger Konzern doch eigentlich auf Augenhöhe mit Tesla bringen soll, auch noch bei einem Test der Fachpresse durch. "Sprühdosig" und "Verhau", heißt es in einem Verriss. Der rein batteriegetriebene Wagen überzeuge zwar mit seinen Fahreigenschaften, bei der Elektronik gebe es aber "erheblichen Nachbesserungsbedarf". Das Navi-System habe nur eingeschränkt und weitere Online-Dienste gar nicht funktioniert. Auch die Verarbeitung lasse zu wünschen übrig, an bewährte Modelle wie den Golf erinnere sie gar nicht, schreibt "Auto, Motor, Sport". Schlimmer konnte es zum Auftakt nicht laufen.

"Elektroboom mit angezogener Handbremse"

Daran, dass die Strategie des größten deutsche Autobauers trotzdem richtig ist, ändert das aus Expertensicht nichts. Volkswagen holt laut einer Studie des Chemnitz Automotive Institute in Sachen Elektromobilität mit Macht auf. Schon Ende 2020 wird der Konzern nach den Berechnungen der Autoren in Europa Marktführer sein. "Bis 2025 werden ca. 40 Prozent der in Europa produzierten Elektroautos aus den Marken des Volkswagen-Konzerns stammen", heißt es in der Studie.

VW Vorzüge
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Volkswagen profitiert dabei klar von der staatlich verordneten Wende vom Verbrenner zur Elektromobilität, verschärft noch durch die Folgen der Corona-Pandemie. Beides hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Nachfrage nach Pkw in Europa wird im Krisenjahr 2020 um drei Millionen oder mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfen. Gleichzeitig ist der Anteil an Neuzulassungen vollelektrischer Pkw aber deutlich gestiegen. Im ersten Halbjahr verzeichnen die Stromer ein Plus von 30 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet die Studie sogar einen Zuwachs um 66 Prozent. Die absoluten Zahlen sind trotzdem noch klein. Die Entwicklung werde aber weiter an Fahrt gewinnen, prognostizieren die Experten. "Es ist ein Elektroboom mit angezogener Handbremse, die sich schrittweise 2021/2022 lösen wird", so das Urteil der Autoren.

Auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer ist von der E-Strategie der Wolfsburger überzeugt. Es gibt es auch einiges, das für den ID.3 spricht. So ist er verglichen mit bisherigen Mittelklasse-E-Autos in der Basisausstattung relativ günstig, er soll auch längere Strecken schaffen. Außerdem wird bei Konzerntöchtern wie Audi, Skoda oder Seat dieselbe Plattform eingesetzt: Der Baukasten MEB ist die Grundlage zahlreicher künftiger Modelle.

"Der ID3 ist die Zukunft von VW"

Für einen Raketenstart ins Elektromobilitäts-Zeitalter reicht das allerdings noch nicht. Diess selbst musste einräumen, dass nachgebessert werden muss. Dass VW schon Ende 2020 Weltmarkführer werde, sei "sehr unwahrscheinlich", sagt Dudenhöffer ntv.de. Die Produktionskapazitäten des US-Konkurrenten liegen bei rund 700.000, "da kann VW nicht ranreichen". "Der ID.3 ist gerade erst gestartet und vom ID.4 wissen wir noch nicht, wie er laufen wird." Volkswagen müsse zunächst die Produktion hochfahren und Kunden gewinnen.

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Allein bei der elektrischen Fahrzeugentwicklung hat Tesla nach Dudenhöffers Berechnungen rund zwei Jahre Vorsprung. Bei der Software oder IT sind es sogar fünf Jahre. Tesla ist der einzige E-Autobauer, der das gesamte Fahrzeug über einen Chip steuert, während alle anderen bis zu 130 Steuergeräte für einzelne Funktionen verbaut haben. Das ermöglicht etwa die Updates auf der Software der Fahrzeuge außerhalb der Werkstätten, also "on the air". Und den Chip hat Tesla eigens entwickelt.

Bis Volkswagen in der Lage sei, an Tesla vorbeizuziehen, dürfte es also noch ein bisschen dauern, "im Jahr 2022, vielleicht schon 2021 ist das möglich", prognostiziert der Chef des Center for Automotive Research (CAR). Diess habe es aber geschafft, den Abstand zu verringern und VW völlig neu ausgerichtet und so zukunftsfähig gemacht. "Der ID.3 ist die Zukunft von VW." Doch auch Tesla wird in der Zwischenzeit nicht ruhen. "In fünf bis zehn Jahren wird Tesla so groß sein wie BMW oder Daimler", so der Autoexperte weiter. Diess habe einen "tollen Job gemacht". Ob sein Job deshalb nun sicher ist, wagt Dudenhöffer nicht zu sagen. Die ewige Krankheit von Volkswagen sei die Struktur, die Macht des Landes Niedersachsen und der Gewerkschaft. Sie könnte Diess jederzeit noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Quelle: ntv.de