Wirtschaft

Auf den Boom folgt der Abschwung Wächst die Wirtschaft zu Tode?

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Die deutsche Wirtschaft boomt. Experten sehen aber Überhitzungsanzeichen.

picture alliance / Axel Heimken/

Das Wachstum liegt auf Rekordniveau, die Steuereinnahmen sprudeln und in einigen Branchen gibt es bereits Produktionsengpässe. Nun erholt sich auch noch die Eurozone und kurbelt die Exporte an. Überhitzt die Konjunktur?

2017 war mal wieder ein gutes Jahr für Deutschland. Mit 2,2 Prozent wuchs die Wirtschaft so schnell wie seit 2011 nicht mehr. Schon das achte Jahr in Folge legte das Bruttoinlandsprodukt kräftig zu. Seit der Finanzkrise kennt die deutsche Wirtschaft nur eine Richtung: aufwärts. Und 2019 rechnet die Bundesregierung nun sogar mit einem noch deutlich höheren Plus von 2,4 Prozent - ein halber Prozentpunkt mehr als bei der letzten Prognose im Herbst.

Trotz Euro-Krise läuft es deshalb auch auf dem Arbeitsmarkt so gut wie seit dem Mauerfall nicht mehr. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,7 Prozent. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder vor fünfzehn Jahren seine Agenda 2010 verkündete, waren es noch 10,5 Prozent. Auch der Staat profitiert von dem Boom, der nun schon seit fast einem Jahrzehnt anhält. 2017 verbuchten die Finanzminister in Bund und Ländern wieder Milliarden an Steuermehreinnahmen.

Doch all die guten Nachrichten kommen mit einem Wermutstropfen: Experten warnen zunehmend, dass der Konjunkturmotor ins Stocken geraten könnte. Denn auf jeden Boom folgt unweigerlich irgendwann der Abschwung. Wachstum sei "kein Selbstläufer", mahnt der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf. Es sei "grundfalsch, sich im neunten Aufschwungsjahr von der weiterhin guten deutschen Wirtschaftsleistung blenden zu lassen."

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Industrie stößt an ihre Grenzen

Die sogenannten "Wirtschaftsweisen" haben schon im November vor der drohenden Überhitzung der Wirtschaft gewarnt. Die Sachverständigen sahen "deutliche Anzeichen für eine Überauslastung". "Die Hochkonjunktur beginnt ihre Kinder zu fressen: Engpässe bei Zulieferungen, Personal und Kapazitäten erschweren zunehmend die Produktion", mahnte Deka-Chefvolkswirt Andreas Scheuerle vor wenigen Tagen.

Einige Branchen stoßen bereits an ihre Grenzen - allen voran die Bauwirtschaft. Sie kann längst nicht so viele Wohnungen hochziehen wie gebraucht werden, weil viele Baufirmen ausgelastet sind. Auch die Bundesregierung sieht laut Jahreswirtschaftsbericht "erste Überhitzungserscheinungen, vor allem in Form kräftig steigender Baupreise".  

Die Auslastung der Betriebe im verarbeitenden Gewerbe nähert sich laut dem Ifo-Institut den Höchstständen aus der Boom-Zeit vor der Finanzkrise. Laut den Münchner Konjunkturforschern liegt sie etwa in der Autoindustrie bei 93 Prozent. "Die Kapazitätsauslastung in der Industrie hat das Vorkrisenniveau fast erreicht", mahnt auch die Bundesregierung.

Die Firmen suchen immer mehr Personal - und brauchen deutlich länger, um Mitarbeiter zu finden. Besonders in der Bauwirtschaft, im Verarbeitenden Gewerbe und im Gesundheits- und Pflegesektor werden die Fachkräfte knapp. Im Schnitt suchen die Firmen mittlerweile über 100 Tage nach einem geeigneten Bewerber, bevor sie eine Stelle besetzen können.

Vor einem abrupten Crash steht die Wirtschaft deshalb aber nicht. "Trotz einer leichten Überauslastung der Wirtschaft und Anspannungen in einigen  Bereichen lässt sich in Deutschland derzeit keine Überhitzung konstatieren", glaubt die Bundesregierung. "Das Wort Überhitzung suggeriert, als wären wir auf dem Höhepunkt der Konjunktur, kurz bevor sie abbricht", meint auch der Experte des Statistischen Bundesamts, Albert Braakmann. "Das kann ich nicht erkennen."

Was könnte den Abschwung auslösen?

Dafür, dass der Boom noch eine Weile anhält, spricht, dass die Zinsen wohl weiter niedrig bleiben werden. Zudem sind die Verbraucher momentan in Kauflaune. Und auch die Krisenherde in der Eurozone beruhigen sich. Je besser es Deutschlands EU-Nachbarn geht, desto mehr Maschinen und Waren bestellen sie hierzulande. Doch dieser Segen könnte sich irgendwann auch als Fluch erweisen.

Denn vor allem die Exporte und die globale Konjunktur treiben das Wachstum. Wenn sie ins Stottern geraten, hat Deutschland ein Problem. Bislang sieht es danach nicht aus: Laut Jahreswirtschaftsbericht werden die Ausfuhren mit 5,3 Prozent sogar noch stärker wachsen als im Vorjahr mit 4,7 Prozent. Doch der immer stärker werdende Euro bleibt ein Risiko für den Boom, weil er die Exporte abwürgen könnte.

Vielleicht legt sich die deutsche Wirtschaft aber auch selbst lahm. In der Herzkammer der deutschen Wirtschaft, der Metall- und Eletroindustrie, drohen angesichts der wachsenden Gewinne Streiks, die die Unternehmen hart treffen könnten. "Die Betriebe sitzen auf einem enormen Auftragsbestand, gleichzeitig ist die Auslastung sehr hoch", sagt Unicredit-Chefvolkswirt Andreas Rees. "Arbeitsausfälle können deshalb nicht so schnell und zügig wettgemacht werden, wie das normalerweise der Fall ist. Dadurch kann das Produktionswachstum zeitweise gedämpft werden."

Quelle: n-tv.de

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