Wirtschaft

Peking kauft ein Warum Aixtron chinesisch werden will

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Aixtron hofft, durch die Übernahme einen besseren Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen.

Die Einkaufstour Chinas in Deutschlands Hightech-Branche geht weiter. Der nächste Kandidat: Aixtron. Konzernchef Martin Goetzeler erläutert im Interview mit n-tv.de, warum er die angestrebte Übernahme für eine gute Idee hält.

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n-tv.de: Chinesischen Investoren wird hierzulande mit viel Skepsis begegnet. Der gescheiterte Verkauf vom Flughafen Hahn hat dieser Skepsis neue Nahrung gegeben. Dort hat sich der vermeintliche Investor – zurückhaltend formuliert – als Blender herausgestellt. Was macht Sie so sicher, dass Sie es mit seriösen Interessenten zu tun haben?

Martin Goetzeler: Diese beiden Fälle sind überhaupt nicht miteinander vergleichbar. In unserem Fall lagen bereits vor Veröffentlichung der Angebotsunterlage Finanzierungsbestätigungen von renommierten, international tätigen Banken vor. Das war übrigens eine der Voraussetzungen dafür, dass die Finanzaufsicht Bafin die Veröffentlichung der Angebotsunterlagen genehmigt hat. Zusätzlich ist die Finanzierung der Transaktion durch unwiderrufliche Zahlungsgarantien abgesichert.

Und wie sieht es mit den Zielen der Chinesen aus?

Die Erfahrungen zeigen, dass die meisten chinesischen Investoren einen langfristigen und damit strategischen Ansatz verfolgen. Davon profitieren beide Seiten. Bei Hochtechnologie-Unternehmen wie unserem kommt hinzu, dass sehr viel Know-How in den Köpfen unserer Mitarbeiter steckt. Darüber hinaus bestehen enge Beziehungen zu unseren Kunden, den Universitäten und den Forschungsinstituten, mit denen wir zusammenarbeiten. Insofern ist die Bieterin in unserem Fall auch daran interessiert, dieses Ökosystem zu erhalten.

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Führt Aixtron: Martin Goetzeler

(Foto: Aixtron SE)

Das Konsortium Grand Chip Investment will Aixtron übernehmen. Dahinter stehen die Lokalregierung von Xiamen – und ein Geschäftsmann namens Zhendong Liu. Dieser scheut die Öffentlichkeit. Kennen Sie Herrn Liu?

Ja. Ich habe ihn mehrfach getroffen – sowohl in Deutschland als auch in China. Er ist ein Geschäftsmann mit Wertvorstellungen und mit klaren Ideen, wie sich Aixtron künftig entwickeln soll. Schon in unserem ersten Gespräch hat er ganz deutlich gesagt, dass für ihn unsere Kunden und unsere Mitarbeiter von besonderer Bedeutung sind. Das war auch einer der Gründe warum die Aixtron-Betriebsräte die Transaktion unterstützen.

Was spricht genau für eine Übernahme durch die Chinesen?

Wir können unser Technologieportfolio in der vollen Breite weiterentwickeln und zur Marktreife führen – auch das war Herrn Liu wichtig. Außerdem bekommen wir einen besseren Zugang zu dem enorm wichtigen chinesischen Markt. Die Transaktion ist nicht darauf ausgelegt, die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Im Gegenteil: Von unserer gestärkten Position insbesondere in China werden aus meiner Erfahrung heraus auch unsere anderen Standorte profitieren.

Und Eigenständigkeit ist keine Alternative?

In den letzten Jahren haben wir jährlich rund 30 Prozent unseres Umsatzes für Forschung und Entwicklung unserer Hochtechnologie ausgegeben. Da das Umsatzniveau unserer existierenden Produkte nicht ausreichte, um diese hohen Zukunftsaufwendungen zu finanzieren, haben wir Verluste in Kauf genommen. Hinzu kommen kunden- oder marktbedingte Verzögerungen bei der Produkteinführung. Unsere Liquidität hat sich daher über die letzten zweieinhalb Jahre deutlich reduziert.

Eine Alternative wäre, sich auf eine Markterholung bei den angestammten Produkten zu verlassen und gleichzeitig die hohen Investitionen in die zukünftigen Technologien fortzusetzen. Hier sehen wir aufgrund des hohen Finanzmittelbedarfs und weiterer möglicher Verzögerungen bei Produkteinführungen ein hohes Umsetzungsrisiko. Eine andere Alternative wäre, unser Portfolio zu straffen – und damit auch die Zahl unserer Mitarbeiter zu reduzieren. Dann vermindert man zwar das Risiko. Doch eine kleinere Aixtron hätte deutlich weniger Wachstumspotenzial. Die Alternativen halten wir für nicht attraktiv.

Im Dezember brach der Aktienkurs ein, weil ein chinesischer Großkunde aus Xiamen einen Großauftrag stornierte. Wenige Monate später liegt ein Übernahmeangebot vor – von dem Konsortium aus Xiamen. Angesichts der Verflechtung von Unternehmen und Politik in China: Denken Sie, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat?

Die Auftragsreduzierung hatte technische Gründe, wir haben die technologischen Anforderungen des Kunden trotz gemeinsamer Anstrengungen nicht erfüllt. Die Beziehungen zwischen Grand Chip Investment und dem Großkunden haben wir durch unsere Anwälte rechtlich prüfen lassen. Die Bieterin hat anwaltlich ausdrücklich bestätigt, dass es keine direkte Beteiligung oder Einflussnahme gab.

Dass China durch staatliche subventionierte Unternehmen in Deutschlands Hightech-Branche auf Einkaufstour geht, stößt hierzulande auch auf Kritik – beispielsweise bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

China ist der größte Konsument von elektronischen Bauteilen. Nach Schätzungen werden aber nur 16 Prozent des Bedarfs im Land hergestellt. Um das zu ändern, will der chinesische Staat fast 20 Milliarden Dollar direkt investieren. Weitere 100 Milliarden kommen über Regionalregierungen und private Investoren. So eine öffentlich-private-Partnerschaft gibt es auch in unserem Fall. Aus Sicht unseres Unternehmens ist wichtig, dass wir die große Wachstumschance in China besser nutzen können und dass die Aixtron-Standorte erhalten bleiben oder sogar gestärkt werden können.

Rund 35 Prozent der Aktien befinden sich in Privatbesitz. Viele Aktionäre werden wohl mehr bezahlt haben als die sechs Euro, die die Chinesen nun bieten. Warum sollen sie für diesen Preis verkaufen?

Die Alternativen zur Übernahme sind nicht attraktiv. Das gilt sowohl für die Option des "Weiter so" mit dem Risiko, dass die Finanzmittel weiter absinken und weitere markt- oder kundenseitige Verzögerungen bei der Einführung unserer Technologien eintreten. Das gilt aber auch für die Alternative einer kleineren Aixtron mit weniger Wachstum. In der Halbleiter-Industrie steigt der Investitionsbedarf für die Entwicklung neuer Technologien permanent. Insofern ist es gerade für kleine und mittlere Unternehmen wichtig, einen starken Partner zu haben.

Die Mindestannahmeschwelle liegt bei 60 Prozent. Bis zum 7. Oktober ist noch Zeit. Bisher sind nur rund zehn Prozent den Chinesen angeboten worden. Wird es dennoch klappen?

So eine verhaltene Entwicklung der Annahmequote bis kurz vor Ablauf der Frist ist normal. Gerade die institutionellen Anleger dienen ihre Aktien in der Regel sehr spät an. Wichtige Großinvestoren wie beispielsweise Argonaut Capital gedenken unserer Empfehlung zu folgen und das Angebot anzunehmen. Dennoch bleibt es spannend bis zum letzten Tag, da jede Stimme zählt.

Mit Martin Goetzeler sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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