Wirtschaft

Krieg, Korruption, Oligarchen Warum Ukrainer einen Komiker wählen wollen

RTX6ORPC.jpg

Wladimir Selenski.

(Foto: REUTERS)

Die Ukraine macht in Kürze womöglich einen Comedian zum Präsidenten. Viele Einwohner des von Krieg und Korruption gebeutelten Landes wenden sich enttäuscht von Staatschef Poroschenko ab.

Das Drehbuch dürfte einem mit Blick auf die USA durchaus bekannt vorkommen: Die Präsidentschaftswahlen der Ukraine könnte ein aus dem Fernsehen bekannter Kandidat ohne jegliche politische Erfahrung gewinnen, der auf einer Anti-Establishment-Welle reitet. Am Sonntag geht es in die erste Runde, am 21. April kommt es aller Voraussicht nach zu einer Stichwahl.

In den Umfragen führt derzeit Wladimir Selenski. Der 41-Jährige spielt in einer beliebten Comedy-Serie einen Lehrer, der plötzlich zum Präsidenten gewählt wird. Der Grund: Ein Video, in dem er sich im Kollegenkreis über die weit verbreitete Korruption in der Ukraine aufregt, geht viral und macht den Lehrer zu einem Mann, der die Hoffnung auf Rechtsstaatlichkeit und Transparenz verkörpert.

Aus der Fiktion könnte nun Realität werden, denn Umfragen zufolge wollen rund ein Viertel der Ukrainer Selenski am Sonntag ihre Stimme geben. Amtsinhaber Petro Poroschenko muss derweil zittern, ob er es in die Stichwahl schafft. Eine Umfrage sieht ihn und die ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko jeweils bei etwa 17 Prozent, in einer anderen liegt der gegenwärtige Präsident allerdings deutlich vor ihr.

Dass Poroschenkos Zustimmungswerte in den einstelligen Prozentbereich gefallen sind, hat mehrere Gründe: Die Wirtschaft kommt nicht in Schwung, und die Korruption ist immer noch allgegenwärtig. Hinzu kommen unpopuläre und lückenhafte Reformen, zu denen beispielsweise vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erzwungene Preiserhöhungen für Strom und Gas gehören.

Gewaltige Probleme

Fünf Jahre nach dem Machtwechsel in der Ex-Sowjetrepublik mit ihrer wirtschaftlichen Abkehr von Russland und der Hinwendung zur EU kommt das Land nur langsam aus der Krise. Statt des erhofften Aufschwungs sind die Arbeitsmigranten heute das wichtigste Exportgut. Millionen haben die Ukraine verlassen, um anderswo eine Zukunft zu finden.

Die wirtschaftlichen Probleme des Landes haben mit dem Konflikt mit Russland zu tun. Der Nachbar hatte vor fünf Jahren die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und unterstützt pro-russische Separatisten in der Ostukraine. Die Ukraine, nach einer Statistik des IWF das ärmste Land in Europa, geht bald in das sechste Kriegsjahr. Im Osten sind seither mehr als 13.000 Menschen in den Kämpfen zwischen Separatisten und Regierungssoldaten gestorben.

Der russisch-ukrainische Handel brach vor diesem Hintergrund von 38 Milliarden US-Dollar 2013 auf 11,7 Milliarden US-Dollar 2018 ein. Mittlerweile hat das Land zwar die von der EU versprochene Visafreiheit und das Assoziierungsabkommen, das der aus dem Amt gejagte Präsident Viktor Janukowitsch nicht unterzeichnen wollte. Aber auch der ukrainische Handel mit der EU hat sich noch nicht wieder auf das Niveau vor der Krise erhöht.

Die ukrainische Wirtschaft erholt sich zwar wieder, doch der Lebensstandard hat sich weiter verschlechtert. Das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 380 Dollar. Bevor Poroschenko ins Amt kam, betrug es noch 450 Dollar. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Quote pendelte in den letzten Jahren zwischen neun und zehn Prozent.

Zudem ist unklar, ob die Energiegroßmacht Russland die Ukraine auch künftig als Transitland für den Gasexport nach Westen nutzt. Das Land würde Milliarden an Transitgebühren verlieren, sollte Russland nur seine Leitungen durch die Ostsee und die Türkei nach Westen nutzen.

Seit der Wahl Poroschenkos zum Präsidenten hat der Westen weit über 20 Milliarden Euro in das Land gepumpt. Doch die Hoffnungen und Erwartungen der "Maidan"-Revolution haben sich bisher nur ansatzweise erfüllt - und so wenden sich viele Ukrainer enttäuscht vom Establishment ab.

Mächtige Oligarchen

Einer "Gallup"-Umfrage zufolge wird keiner Regierung von der Bevölkerung so misstraut wie der ukrainischen. In Zahlen ausgedrückt: Lediglich neun Prozent der Ukrainer vertrauen ihrer Regierung. Weltweit liegt der Schnitt bei 56 Prozent, in den ehemaligen Sowjetrepubliken sind es immerhin 48 Prozent. Derweil sind nur zwölf Prozent der Ukrainer der Meinung, dass es bei den Präsidentschaftswahlen ehrlich zugehen wird.

Der Organisation Transparency International zufolge liegt die Ukraine beim Korruptionsindex auf Platz 120 von 180 Ländern - gleichauf mit Mali und Malawi.

Zudem kontrollieren die Oligarchen einen Großteil der Wirtschaft - und haben damit auch gewaltigen politischen Einfluss. Der Schokoladenfabrikant Poroschenko ist einer von ihnen. Ein anderer ist Igor Kolomoisky. Ihm gehört der Fernsehsender, der die populäre Serie mit dem Comedian Selenski ausstrahlt, der möglicherweise der nächste Präsident der Ukraine sein wird. Beide weisen den Vorwurf zurück, Selenski sei eine Marionette des Oligachen.

Kolomoiskys lebt derzeit in Israel, weil er Ärger mit der ukrainischen Justiz hat. Dabei geht es  um die Insolvenz einer Bank, an der der Oligarch beteiligt war. Die Rettung vor dem Zusammenbruch kostete den Staat rund 5,6 Milliarden Dollar - viel Geld für ein Land, das am Tropf des IWF hängt. Nach Angaben der Regierung hatte die Bank den Löwenanteil ihrer faulen Kredite an Firmen von Kolomoisky und die eines zweiten Eigentümers vergeben.

Unabhängig davon, ob der Oligarch den Comedian tatsächlich instrumentalisiert oder nicht: "Unsere Politiker kennen die Geschichte nicht, aber sie sind brillante Mathematiker. Sie wissen, wie sie ihr Vermögen addieren und multiplizieren", schimpft Selenski in der Rolle des Lehrers. In der Serie wird er vor der Wahl von einem Oligarchen unterstützt, der den Pädagogen als nützlichen Idioten betrachtet. Doch der neue Präsident wendet sich gegen seinen Förderer und sorgt dafür, dass er und seine Kumpanen ins Gefängnis wandern.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de, mit dpa/rts

Mehr zum Thema