Wirtschaft

Drei Effekte stabilisierenWarum der große Ölpreisschock auf sich warten lässt

12.06.2026, 17:02 Uhr
imageVon Nils Kreimeier
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Der Tanker Odessa gehört zu den wenigen Schiffen, die in den vergangenen Wochen die Straße von Hormus durchquerten. (Foto: REUTERS)

Die Straße von Hormus ist inzwischen seit mehr als drei Monaten gesperrt. Dennoch haben sich Warnungen vor einem extremen Anstieg des Ölpreises bisher nicht bewahrheitet. Der globale Ölmarkt entwickelt sich aus mehreren Gründen anders, als vorhergesagt worden war.

Als US-Präsident Donald Trump seiner "Epic Fury" Lauf ließ und Ende Februar gemeinsam mit Israel das Regime des Iran angriff, kursierten dramatische Prognosen: Der Ölpreis, so warnte Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters Blackrock, könne infolge des Kriegs auf 150 Dollar pro Barrel (ein Barrel = 159 Liter) steigen und "eine globale Rezession" auslösen. Saad al-Kaabi, der Energieminister von Katar, sagte voraus, der zu erwartende Preisanstieg werde "die Volkswirtschaften der Welt in den Ruin treiben". Auch er nannte 150 Dollar als absehbaren Preis. Die Bundesregierung reagierte in Panik und spendierte den Deutschen einen Tankrabatt.

Tatsächlich kam es zu einem Preisanstieg, als der Iran die Straße von Hormus sperrte und damit deutlich weniger Rohöl auf den Weltmarkt ließ. Allerdings bleiben die aktuellen Kosten weit von den Horrorprognosen der ersten Wochen entfernt. Die für Europa wichtigste Referenzsorte Brent wird unter 90 Dollar gehandelt, das für Nordamerika wichtige WTI bei 85 Dollar. Das ist deutlich mehr als noch zu Jahresbeginn 2026, aber ein Wert, der in den vergangenen Jahren mehrfach erreicht worden war.

Warum also bleibt das extreme Szenario bisher aus? Hat die Welt lediglich eine Atempause bekommen? Für das, was auf dem Markt derzeit geschieht, gibt es mehrere Gründe. Und einer davon könnten dafür sorgen, dass sich das Geschäft mit dem Öl tatsächlich dauerhaft verändert.

Wie das renommierte Energieberatungsinstitut Rystad Energy vorrechnete, wurden aus dem Nahen Osten im zweiten Quartal 2026 täglich 9,6 Millionen Barrel exportiert, das sind etwa 7,7 Millionen Barrel weniger als im Durchschnitt der drei Vorquartale. Ein Rückgang um mehr als 40 Prozent.

Diesem Minus an Angebot stehen drei Effekte entgegen: zusätzliche Lieferungen durch andere Produzenten, volle Lager bei den Abnehmern und eine stark sinkende Nachfrage.

Ölschwemme vor dem Krieg

Während Saudi-Arabien und die Emirate ihre Ausfuhren reduzieren mussten, drehten in anderen Weltregionen die Produzenten die Hähne auf. In Südamerika, angeführt von Brasilien und Venezuela, stiegen die Exporte von Rohöl um über 20 Prozent, auch Nordamerika legte ordentlich zu. Und in Europa sorgte vor allem Norwegen für ein größeres Angebot. "Der Rückgang der Exporte aus dem Nahen Osten, insbesondere nach Asien, bot Chancen für andere Regionen", heißt es im jüngsten Rystad-Bericht für den Ölmarkt.

Zugleich traf die neueste Ölkrise die Welt in einem Moment, in dem eigentlich eine Ölschwemme herrschte. Die Energiebehörde der US-Regierung (EIA) schätzte vor Beginn des Konflikts, "dass der Markt gut aufgestellt war, um eine kurzfristige Unterbrechung der Öllieferungen infolge des monatelangen weltweiten Überangebots zu überstehen". Konkret bedeutete das: Die Lager, vor allem in Asien, waren prall gefüllt. China hatte die niedrigen Preise vor allem für das in Europa sanktionierte russische Öl genutzt, um die eigenen Reserven aufzustocken. Diese Rücklagen können jetzt genutzt werden. Der Rystad-Analyse zufolge waren die chinesischen Lager sogar so voll, dass einiges von dem für das Land bestimmten Öl an andere asiatische Staaten weitergeleitet werden konnte.

Zwar sind sich alle Experten einig, dass diese Reserven nicht ewig reichen werden. Allerdings leeren sich die Lager auch langsamer als erwartet, und das liegt vor allem daran, dass die Nachfrage nach Öl in Asien dramatisch eingebrochen ist. Im Zentrum standen zunächst zwei Branchen: "Derzeit sind die Petrochemie- und die Luftfahrtbranche am stärksten betroffen, doch werden sich steigende Preise, ein schwächeres wirtschaftliches Umfeld und Maßnahmen zur Nachfragereduzierung zunehmend auf den Kraftstoffverbrauch auswirken", heißt es im Ölmarktbericht der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Chinesen stiegen vom Flugzeug auf Schnellzüge um, die chemische Industrie reduzierte ihren Verbrauch oder stieg zum Teil auf andere Rohstoffe um.

Kommt die Nachfrage überhaupt zurück?

Allerdings hat sich auch insgesamt die Struktur der Nachfrage geändert, was durch den Iran-Krieg noch beschleunigt wird. Vor allem in Asien sei "die Nachfrage stärker zurückgegangen, als wir bisher angenommen hatten", schreibt die US-Behörde EIA. Schon jetzt machen Elektroautos den Großteil der Neuzulassungen in chinesischen Großstädten aus, und in Europa wird dieser Trend gerade massiv angekurbelt. Im März 2026 wurden fast 40 Prozent mehr Batteriefahrzeuge in Europa neu angemeldet als noch ein Jahr zuvor. Und auch der Absatz von Wärmepumpen, also von mit Strom betriebenen Heizungen, legt rapide zu.

Aus Sicht der im Öl-Land Norwegen sitzenden Energieberatung Rystad ist angesichts dieser Gemengelage sogar fraglich, ob das alte Niveau der Nachfrage jemals wieder zurückkommen wird - unabhängig vom Verlauf des Konflikts im Nahen Osten. "Der Krieg hat den Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit neuen Auftrieb gegeben", schreiben die Berater, die für das Jahr 2027 sogar ein globales "Überangebot" an Erdöl erwarten.

Ein Teil davon werde dadurch aufgefangen, dass die Lager und strategischen Reserven wieder aufgefüllt werden müssten. "Doch selbst wenn die Preise aufgrund des Überangebots sinken, bleibt ungewiss, ob wir wieder das Vorkriegsniveau der Rohölnachfrage erreichen werden, da Länder und Verbraucher ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen neu bewerten."

Dieser Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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