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Brief an Mitarbeiter Was der Deutsche-Bank-Chef zu sagen hat

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(Foto: REUTERS)

Der neue Chef der Deutschen Bank hat den Mitarbeitern zum Einstand einen Brief geschrieben - und der ist ihm nicht besonders gut gelungen. Denn das Schreiben kann so gelesen werden: Christian Sewing rechnet mit seinem Vorgänger ab und gibt den Beschäftigten Schuld an der Misere, in der die Bank steckt.

Zusammengefasst: In dem Brief nennt Sewing zwei Gründe für die Probleme. Mangelnder Team- und Kampfgeist der Belegschaft ist der eine. Der andere: Die Führung habe bisher akzeptiert, dass Kosten- und Ertragsziele nicht eingehalten werden. Konsequenterweise kündigt Sewing deshalb "harte Einschnitte an".

Das zielt wohl in erster Linie in Richtung Investmentbanking. Und das ist durchaus nachvollziehbar. Doch es ist bemerkenswert, die Belegschaft pauschal zu mehr Leistung aufzufordern ohne auf die wesentlichen Ursachen der Krise einzugehen: gravierende Managementfehler, die sich vor allem im Investmentbanking zeigen. Die Bank leidet zudem unter einem Image- und einem Bedeutungsverlust.

Die Führung hat in den vergangenen Jahren zudem mehrere strategische und personelle Kurswechsel vollzogen - und trotzdem steht noch immer nicht fest, welchen Weg die Bank in Zukunft gehen will. Nicht nur was Rendite und Börsenwert angeht, auch bei der Kommunikation des neuen Chefs ist noch Luft nach oben.

Der folgende Brief ist mit Anmerkungen versehen und leicht gekürzt. Das vollständige Schreiben finden Sie hier.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die vergangenen Wochen waren mit erheblicher Unruhe verbunden, und ich weiß aus zahlreichen persönlichen Gesprächen, wie besorgt Sie waren und sind. ‎

In der Tat. Sewing übernimmt eine verunsicherte Bank, deren Mitarbeiter mehrere Strategie- und Kurswechsel hinter sich haben.

Auch weiß ich, dass viele von Ihnen John Cryan außerordentlich schätzen - so wie ich. Zunächst möchte ich daher John für unsere fast drei gemeinsamen Jahre im Vorstand und für seinen enormen Einsatz für unsere Bank danken. Er hat uns durch äußerst schwierige Zeiten geführt, und ich bin mir sicher, dass ich John auch in Ihrem Namen unseren Dank für das aussprechen darf, was er für unsere Bank und uns alle geleistet hat.

Cryan wurde gefeuert - und zwar bereits nach rund der Hälfte seiner Amtszeit.

(…) Die Herausforderung für uns alle ist groß. Wir alle wissen und spüren, in welchem Tempo sich unsere Branche verändert. Es gibt nichts, worauf wir uns ausruhen können, und die Erwartungen an uns von allen Seiten sind hoch - von unseren Kunden, unseren Investoren, den Regulatoren, der Politik und den Medien.

Das ist zweifellos richtig. Und was folgt daraus?

Zwei Interessengruppen werden nun ganz besonders in meinem Fokus stehen: Das sind unsere Kunden und das sind Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Dass die Beschäftigten im Fokus stehen, ist eine sehr unglückliche Formulierung. Denn Sewing kündigt weiter unten an, "Kapazitäten und Wachstum freizusetzen". Unter seiner Führung des Privatkundesgeschäfts schloss die Deutsche Bank fast 200 Filialen und strich Tausende Jobs. Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass auch die Wiedereingliederung der Postbank viele Arbeitsplätze kosten wird.

(…) Ich möchte mich den Worten unseres Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner anschließen: "Wir setzen auf ‎die innere Kraft unserer Bank, auf die vielen großen Talente, die wir haben." (…)

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Sewing ist offensichtlich nicht die erste Wahl. Dem Vernehmen nach hat Achleitner sich zuvor nach externen Kandidaten umgesehen - und sich nur Absagen eingehandelt.

Und wir alle haben viel erreicht. Wir haben unsere Bank aufgeräumt, wir haben ein ausreichendes Kapitalpolster, unsere Liquidität ist außerordentlich hoch und im weltweiten Vergleich besticht die Qualität unserer Bilanz.

Die Bank hat drei Jahre in Folge Verluste erwirtschaftet. Der Aktienkurs ist zusammengeschmolzen. Der Vorstandschef wurde von heute auf morgen gefeuert. Im Vergleich zur Konkurrenz steht die Deutsche Bank in vielen Bereichen schwächer da als vor der Finanzkrise. Die großen Wall-Street-Häuser etwa sind im Investmentbanking weit enteilt. Die IT, von besonderer Bedeutung für die Leistungsfähigkeit eines Kreditinstituts, gilt nach jahrelangen Sparrunden als überaltert und sanierungsbedürftig.

Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir uns weiterentwickeln müssen.

Ok. Und wie?

(…) Wir müssen klarer und schneller entscheiden, wir müssen besser zusammenarbeiten, wir müssen den Teamgeist in den Mittelpunkt stellen. Darin liegt das größte Potenzial unserer Bank: Wenn wir alle mehr daran denken, wie wir unsere Kolleginnen und Kollegen unterstützen, werden wir als Deutsche Bank erfolgreicher sein. (…)  

Appelle an den Teamgeist werden die Bank sicher nicht weiterbringen. Diese Passage ist bezeichnend: Nicht etwa mangelnder Teamgeist der Mitarbeiter, sondern gravierende Fehler von Vorstand und Aufsichtsrat haben die Bank in eine tiefe Krise geführt. Doch davon findet sich kein Wort in dem Brief. Stattdessen werden die Mitarbeiter zu mehr Leistung aufgefordert.

Nur wenn wir täglich Team- und Kampfgeist zeigen, können wir unsere wichtigsten Ziele erreichen.

Und das sind?

(…) Für 2018 lassen sich diese Ziele recht einfach auf den Punkt bringen, und jeder von uns muss dazu beitragen. Zunächst einmal gilt, dass die Ertrags- und Kostenziele, die wir an jeden Bereich gegeben haben, auch eingehalten werden:

Mit Blick auf die Erträge müssen wir unsere Jägermentalität zurückgewinnen, uns in allen Geschäftsbereichen steigern und die Messlatte wieder höher legen. Unser Start in das Jahr war solide, aber "solide" darf nicht unser Anspruch sein. Jeder von uns kann, ganz gleich ob in Geschäfts- oder Infrastrukturbereichen, zum Wachstum beitragen.

Die Mitarbeiter in den Filialen sollen ihre "Jägermentalität" zurückgewinnen? Unabhängig davon, ob sie die jemals hatten: Für Kunden klingt das nicht gerade anziehend. Und von den Investementbankern so eine Mentalität einzufordern, ist keine so gute Idee. Schließlich sind sie für viele milliardenschwere Skandale verantwortlich und die Adressaten des immer wieder postulierten Kulturwandels.

(…) Rückschläge wie im vierten Quartal 2017 dürfen sich unter keinen Umständen wiederholen. Jeder Bereich und jeder von uns muss das verinnerlichen.

Sewing gibt den Druck, unter dem er steht, an die Belegschaft weiter.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist selbstverständlich, dass wir als Deutsche Bank wieder profitabel sein wollen und müssen. Wir brauchen den geschäftlichen Erfolg, er ist unsere Lebensader. Im krassen Widerspruch dazu steht aber, wie wir in der Vergangenheit einige Ziele auf der Kosten- und der Ertragsseite verfehlt haben. (…) Das wird das Führungsteam nicht mehr akzeptieren. Hier werden wir harte Entscheidungen treffen und umsetzen.

Das heißt: John Cryan hat demnach akzeptiert, dass diese Ziele verfehlt wurden. Und das solle sich nun ändern. Das ist schon eine heftige Aussage in Richtung Vorgänger. Die Ankündigung, harte Entscheidungen zu treffen, erfreut derweil die Börse. Der Aktienkurs stieg nach dem Führungswechsel deutlich.

Sie werden nun natürlich wissen wollen, wie es strategisch weiter geht.

Ja!

Grundsätzlich gilt: Alle unsere Geschäfte müssen sich dem dramatischen Wandel in unserer Branche stellen - und hier sind wir nicht alleine. Deshalb haben wir uns in unseren drei Geschäftsbereichen in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Unsere Vermögensverwaltung DWS haben wir vor wenigen Wochen trotz erheblicher Marktvolatilität erfolgreich an die Börse gebracht. Der Zusammenschluss zwischen Postbank AG und Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG kommt gut voran: Wir sollten die beiden Gesellschaften im zweiten Quartal 2018 verschmelzen - also sieben Monate nach Verkündung des Integrationsplans.

Das ist noch keine Antwort auf die entscheidende Frage, wie es bei der Bank weitergeht. Diese Passage erinnert an Politiker, die nach einer krachenden Niederlage kritische Fragen mit "Zunächst möchte ich den Wählerinnen und Wählern danken" und Nachfragen mit "Das werden die Gremien in Ruhe zu gegebener Zeit entscheiden" beantworten.

Auch mit der Unternehmens- und Investmentbank sind wir auf wichtigen Geschäftsfeldern gut unterwegs - und das weltweit. Zuletzt konnten wir in wichtigen Bereichen wieder Marktanteile hinzugewinnen. Wir wissen aber auch, dass wir uns hier hinsichtlich unserer Ertrags-, Kosten- und Kapitalstruktur weiter verändern müssen.

Damit beginnt die spannendste Passage des Briefes. Dem Vernehmen nach hat die Bank begonnen, das Investmentbanking auf den Prüfstand zu stellen - vor allem den Handel mit Anleihen, Aktien, Devisen und Rohstoffen - insbesondere in den USA, aber nicht ausschließlich dort.

Wir werden deshalb genau analysieren, wie wir uns in dem schwierigen Marktumfeld aufstellen wollen. Es gilt, Stärken zu stärken und hier zusätzlich zu investieren. Gleichzeitig wollen wir aber auch Kapazitäten für Wachstum freisetzen, indem wir uns dort zurückziehen, wo wir nicht ausreichend rentabel arbeiten können.

Konkret wird Sewing zwar nicht. Doch ist diese Passage durchaus als Ansage an das Investmentbanking zu verstehen.

Abschließend ist mir aber vor allem eins wichtig: Wir sollten uns weniger auf uns selbst, sondern vielmehr auf unsere Kunden konzentrieren. Sie sind es, für die wir da sind. Ihnen sollten wir überzeugende Lösungen und nicht nur Produkte bieten. Wenn wir für unsere Kunden Wert schaffen, dann haben wir unseren Anteil daran verdient - aber auch nur dann.

Symptomatisch: In London hat nach Veröffentlichung dieses Briefes ein Prozess gegen mehrere Händler wegen illegaler Absprachen beim Referenzzinssatz Euribor begonnen - auf der Anklagebank sitzt auch ein ehemaliger Star-Händler der Deutschen Bank, Christian Bittar, der sich bereits schuldig bekannt hat. Die Vergangenheit, die eben auch vom Gegenteil vom Dienst am Kunden geprägt war, holt die Bank immer wieder ein.

Klar ist auch: Niemand wird uns etwas schenken. Wir werden kämpfen müssen, und ich bin mit meinem Team dazu bereit. Denn es lohnt sich! Es wird Zeit, dass wir unser Potenzial endlich voll und ganz ausschöpfen!

Viele Mitarbeiter dürften sich fragen: Wofür lohnt es sich genau zu kämpfen? Damit Profitabilität und Rendite wieder stimmen und sich sowohl Konzernführung als auch Aktionäre freuen? Es wäre sicherlich kein Fehler, wenn der neue Chef den Mitarbeitern erklären würde, was sie ganz persönlich von mehr Einsatz haben.

In diesem Sinne bitte ich Sie, unser Führungsteam und mich mit aller Kraft zu unterstützen. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg und werde mit Ihnen in den nächsten Wochen in engen und regelmäßigen Austausch treten.

Hilfreich wäre, wenn die Bank schleunigst eine klar definierte Strategie entwickelt und den Mitarbeitern sagt, was denn dieser Weg ist und wohin er führt. Das sind Vorstand und Aufsichtsrat seit Jahren schuldig geblieben.

Herzliche Grüße

Ihr Christian Sewing

Quelle: n-tv.de

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