Wirtschaft
Hat kräftig eingekauft: HNA.
Hat kräftig eingekauft: HNA.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 25. April 2018

Hungriger Finanzinvestor: Wer steckt hinter Chinas obskurer HNA?

Von Jan Gänger

Jahrelang kauft die chinesische HNA weltweit fröhlich ein. Doch nun warnt der Großaktionär der Deutschen Bank vor Liquiditätsengpässen - und Regulierer fragen sich jetzt, wer das Firmengeflecht kontrolliert.

HNA - das sind drei Buchstaben und ein Mysterium. So richtig hat es bisher kaum jemanden interessiert, wem eines der größten chinesischen Konglomerate gehört - und das, obwohl es jahrelang weltweit munter auf Shoppingtour war. Nun sind die Chinesen offensichtlich klamm, und Aufsichtsbehörden sowie Geschäftspartner wollen jetzt doch zu gerne wissen, wer hinter dem Mischkonzern steckt.

In Deutschland ist HNA vor allem als größter Einzelaktionär der Deutschen Bank und Mehrheitseigentümer des Flughafens Hahn bekannt. Dem ehemaligen Bank-Chef John Cryan war der Investor offenbar höchst suspekt - aus nachvollziehbaren Gründen. Denn die Eigentümerstruktur des Firmengeflechts ist, vorsichtig formuliert, intransparent und komplex.

HNA entstand förmlich aus dem Nichts. Chen Feng, ein Angestellter der staatlichen Luftfahrtgesellschaft, wurde 1993 zusammen mit einigen Kollegen Eigentümer der jungen Provinz-Airline "Hainan" mit zwei Maschinen. Daraus wurde ein unübersichtliches Konglomerat aus Firmen und Beteiligungen - finanziert auf Pump. Das Rad, das HNA drehte, wurde immer größer: Allein in den vergangenen vier Jahren hat die Gruppe für rund 50 Milliarden Dollar eingekauft.

Das ging gut, so lange die Zinsen niedrig waren, HNA das Geld regelrecht hinterhergeworfen wurde, und Chinas Aufsichtsbehörden nicht so genau hinschauten. Doch diese Zeiten sind vorbei, bei den Chinesen läuft es derzeit alles andere als rund.

Kreditwürdigkeit auf "Ramsch"-Niveau

Der angehäufte Schuldenberg entpuppt sich als immer größeres Problem. Vor kurzem warnte die HNA-Führung die Gläubiger vor einem Liquiditätsengpass und begann, sich von einem Teil der Investments zu trennen, um wieder an flüssige Mittel zu bekommen.

HNA bezeichnet die Finanzlage dennoch als "sehr gesund" und beziffert die Summe aller vorhandenen Vermögenswerte auf rund 230 Milliarden Dollar zum Ende des vergangenen Jahres. Laut einem Anleihenverkaufsprospekt sitzt die Gruppe auf einem Schuldenberg von rund 100 Milliarden Dollar.

Diese Schulden müssen irgendwann getilgt werden. Nach Reuters-Daten hat HNA Anleihen im Gesamtvolumen von 17,2 Milliarden Dollar ausgegeben, davon müssen in diesem Jahr 2,3 Milliarden zurückgezahlt werden. Die Lage ist unübersichtlich: Hunderte Firmen des Geflechts haben sich gegenseitig Darlehen und Garantien gegeben.

In den vergangenen vier Monaten hat HNA Assets im Volumen von 13 Milliarden Dollar vertickt - das dürfte eine Menge über die Liquiditätslage aussagen. Unter anderem trennte sich HNA von den Anteilen an der Hotelkette Hilton, reduzierte die Beteiligung an der Deutschen Bank und verkaufte mehrere Grundstücke in Hongkong. HNA will auch Immobilien in den USA und Großbritannien loswerden. Der geplante milliardenschwere Börsengang des Schweizer Bordverpflegungs-Unternehmens Gategroup scheiterte Ende März.

Die Ratingagentur Standard & Poor's zweifelt daran, ob HNA allen Verpflichtungen werde nachkommen können und hat das Rating auf das Ramschniveau "CCC+" herabgestuft. Sollte HNA tatsächlich in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, dann hätten zahlreiche chinesische Banken als Gläubiger ein großes Problem.

Derweil sind sieben der 17 in China und Hongkong börsennotierten Firmen des Konzerns vom Handel ausgesetzt. Verschiedene HNA-Sparten haben in den vergangenen Monaten Umstrukturierungen angekündigt.

"Undurchsichtig und verwirrend"

Dabei ist unklar, wem das Unternehmenskonglomerat gehört. Es gibt jede Menge Gerüchte, angeblich gibt es finanzielle Verbindungen zu chinesischen Top-Politkadern und ihren Familien. Das wird von HNA entschieden dementiert. Guo Wengui, ein reicher chinesischer Geschäftsmann, der im Exil in den USA lebt, behauptet: Der langjährige oberste Korruptionsjäger Wang Quishan kontrolliere das Konglomerat. Wang war bis zum vergangenen Parteitag einer der mächtigsten Politiker Chinas und gilt als enger Vertrauter von Präsident Xi Jinping. HNA hat Wang wegen Verleumdung verklagt.

Fest steht: Die Struktur ist undurchsichtig und im Fluss. Derzeit sind die größten Eigentümer zwei gemeinnützige Stiftungen, denen zusammen 52 Prozent der Anteile gehören. Zwölf HNA-Männer besitzen etwa 47,5 Prozent der nicht börsennotierten Gruppe.

Die Anteile wurden in der Vergangenheit hin- und hergeschoben zwischen verschiedenen miteinander verbundenen Unternehmen, Personen und jüngst den Cihang genannten Stiftungen – eine sitzt in New York, die andere im chinesischen Hainan.

Zwischenzeitlich hatte ein wenig bekannter Investor namens Guan Jun mit 29 Prozent den größten Anteil gehalten, er hatte sie von einem in Hong Kong ansässigen Chinesen übernommen. Später erklärte Guan, er habe die Anteile stellvertretend für das Konglomerat und dessen Führung gehalten. Anfang vergangenen Jahres reichte er den Löwenanteil an fünf Hainan-Direktoren weiter, die sie an die Stiftungen übergaben. Auch Guans Beteiligung von rund vier Prozent liegt nun bei Cihang. Die New Yorker Stiftung wird von einem international gut vernetzten Deutschen geleitet: Philipp Rösler, ehemals FDP-Chef, Wirtschaftsminister und Vizekanzler.

Derweil wächst die Neugier der Regulierer. In Neuseeland haben die Behörden jüngst einen HNA-Deal verboten. Begründung: Die Eigentümerstruktur sei zu undurchsichtig. Und bei der Übernahme des Schweizer Luftfahrt-Caterers Gategroup haben die Chinesen nach Angaben der Schweizer Regulierer falsche Angaben über Beteiligungsverhältnisse gemacht. Die Strafe von 50.000 Franken werden sie verschmerzen können.

Weltweit schauen Behörden auf die Eigentümerstruktur und verlangen Aufklärung. Eine schöne Antwort haben die Chinesen bereits vor ein paar Jahren geliefert, als sie bei Investoren für eigene Anleihen warben: "Die HNA Gruppe ist im Prinzip ein Teil eines miteinander verbundenen Netzes chinesischer Investment-Gruppen - sowohl staatlicher als auch privater. Für Außenstehende erscheint das undurchsichtig und verwirrend. Doch Investoren sollten Trost schöpfen aus den auf vielen Ebenen vorhandenen engen Beziehungen zur Regierung - außerhalb und innerhalb des HNA-Schirms."

Quelle: n-tv.de