Wirtschaft

Ausweg aus dem Corona-Schock Wie KI die Wirtschaft boosten kann

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Inzwischen erhält Künstliche Intelligenz immer mehr Einzug in die Produktion.

(Foto: imago images/Cord)

Die deutsche Wirtschaft erholt sich nach dem Corona-Schock besser als erwartet. Doch der Weg zurück zur alten Stärke ist steinig. Bis die schwerste Rezession der Nachkriegszeit überwunden ist, können Jahre vergehen. Das liegt auch daran, dass das Potenzial von Künstlicher Intelligenz ungenutzt bleibt.

In der Corona-Krise ist die deutsche Wirtschaft beispiellos eingebrochen. Die Folgen der massiven Beschränkungen im Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie sind dramatisch: Im zweiten Vierteljahr schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um rund zehn Prozent. Doch langsam geht es wieder aufwärts. Besonders in der Industrie, bei Dienstleistern und am Bau gibt es inzwischen Anzeichen für eine Erholung.

Während für Wirtschaftsminister Peter Altmaier damit die Talsohle durchschritten ist, sieht die Professorin für "International Business Administration" an der SRH in Berlin, Claudia Bünte, auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) noch ein großes ungenutztes Potenzial, um in der Krise die Wirtschaftsleistung zu unterstützen. "KI ist ein Werkzeug, das vieles besser und kostengünstiger kann als der Mensch - und das kontaktlos", sagt KI-Expertin Bünte ntv.de. KI könne Unternehmen dabei helfen, "Daten schneller und besser zu analysieren, daraus Vorhersagen abzuleiten und Angebote zu erstellen". KI mache Unternehmen nicht nur effektiver, sondern auch effizienter. Eigenschaften, die gerade in der Krise den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen können.

Doch der Weg zurück zur alten Stärke wird steinig. Das liegt zum einen an der schwachen Weltwirtschaft, die den deutschen Export belastet, und zum anderen daran, dass viele Branchen noch immer deutlich weniger Umsätze machen als vor dem Corona-Schock. KI könne laut Bünte Unternehmen dabei helfen, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. "Unternehmen, die KI nutzen, sind deutlich erfolgreicher als ihre Mitbewerber."

Besonders gut gelingt das schon dem Online-Handel. Die Nachfrage ist konstant hoch und gerade Amazon und Co. sammeln bereits Daten, um mithilfe von KI-Anwendungen ihren Kunden maßgeschneiderte Angebote zu machen. Die Pandemie hat dem Versandriesen nichts angehabt - auch hierzulande nicht. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr ist Amazon erstmals zum umsatzstärksten US-Unternehmen in Deutschland aufgestiegen. Der Erfolg eines Unternehmens ist laut Bünte inzwischen unmittelbar an die Nutzung von KI geknüpft, denn Digitalisierung und KI seien die Werkzeuge der Stunde.

Vorbehalte gegen KI nehmen ab

Konkret könne KI zum einen beim Eindämmen der Ausgaben helfen und zum anderen automatisierbare Prozesse übernehmen. Durch den Einsatz von KI können Unternehmen bislang kostspielige Aufgaben reduzieren. "Wer Mitarbeiter bisher damit beschäftigt hat, jeden Werbetext für jedes Produkt im eigenen Onlineshop zu texten, wird vielleicht Anbieter ausprobieren, die Texte automatisiert erstellen", sagt Bünte. Und Kundenzentren würden vielleicht, um einfache Anfragen zu bearbeiten, prüfen, ob diese Aufgabe nicht auch ein Chatbot oder Avatar erledigen könne.

Wenn es hingegen um die Übernahme automatisierter Prozesse geht, könne KI überall da unterstützen, wo viele Daten erhoben und analysiert werden. "Das kann entlang der ganzen Wertschöpfungskette eines Unternehmens gehen", sagt Bünte. Hier sei alles denkbar - von der optimierten Preis- und Kaufzeitpunktanalyse für Rohmaterialien über die Qualitätssicherung durch optische Inspektion, die Fehler und Prozesse in der Produktion analysiert, bis hin zu KI-gestützter Energieversorgung ganzer Fabriken. "Außerdem übernimmt KI bereits Teile der Produktion, unterstützt die Verkaufsabteilung und die Werbemaßnahmen durch ein besseres Kundenverständnis und bucht automatisch Werbeplätze", sagt Bünte.

Durch Assistenzsysteme wie Alexa und Siri werden KI-Anwendungen auch im Alltag immer gebräuchlicher. "Nutzer stellen in der Corona-Krise fest, dass KI-Anwendungen ihnen dabei helfen können, den Alltag kontaktlos zu organisieren." Auch 16 Millionen Downloads der Coronawarn-App zeigen für Bünte: "Es ist eine feine Linie zwischen dem persönlichen Recht auf Schutz der eigenen Daten und dem Nutzen für die Gesellschaft, wenn Daten geteilt werden dürfen."

Deutschland bleibt hinter seinen Möglichkeiten

Auch wenn die Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber KI abnehmen und immer mehr Firmen die neue Technik einsetzen wollen: Das Potenzial von KI in Deutschland wird noch viel zu wenig genutzt. "Wir bleiben momentan weit hinter unseren Möglichkeiten, weil man sich mit der Datenschutz-Grundverordnung DSGVO selbst ein Bein stellt", sagt Bünte. Um zu lernen und immer besser zu werden, braucht KI so viele Daten wie möglich. Der persönliche Datenschutz behindere allerdings zurzeit die Maßnahmen, mit denen KI der Wirtschaft unter die Arme greifen könne.

"Für ein Industrieland ist Deutschland denkbar schlecht aufgestellt und hinkt China mindestens um drei Jahre hinterher." Und das hat Gründe: In dem bevölkerungsreichsten Land der Welt organisieren rund 904 Millionen Handynutzer ihren Alltag schon hauptsächlich mobil. Dadurch entstehen enorm viele Daten. Hinzu kommt, dass persönliche Daten weder vor inländischen Firmen noch dem Staat geschützt sind. Hat ein Nutzer einmal zugestimmt, werden Daten auch mit anderen Firmen geteilt. Die DSGVO verbietet ein solches Vorgehen in Europa. Hier müssen Anwender der Nutzung ihrer Daten immer wieder aufs Neue zustimmen. Zusätzlich lässt sich China seine Vormachtstellung ordentlich etwas kosten: Um 2030 Weltführer zu sein, investiert das Land 8,20 US-Dollar pro Jahr und Bürger in KI. In Deutschland sind es hingegen gerade mal 0,50 US-Dollar.

Deutlich weniger Investitionen, ein Datenschutzgesetz, das Unternehmen einschränkt und eine digitale Infrastruktur, die zu wünschen übrig lässt, führen laut Bünte schon jetzt dazu, dass Deutschland KI-Lösungen aus anderen Ländern importieren muss. "Wir unterbinden in Europa mit der DSGVO für Firmen, die KI lernen lassen wollen, den Datenzugang, also damit das Futter für KI", sag Bünte. "Das ist unser Dilemma in Europa. Das müssen wir lösen."

Quelle: ntv.de