Wirtschaft

Gamingbranche zieht in die Cloud Wie Streaming das Zocken revolutioniert

imago91515108h.jpg

Über den Wolken: Wenn es nach Google geht, wird künftig nur noch in der Cloud gespielt.

(Foto: imago images / Westend61)

Nach der Musik- und Filmbranche stellt Streaming nun auch die Videospielindustrie auf den Kopf: Mit Cloud-Gaming soll das Zocken für jeden immer und überall möglich werden. Doch bis aus der Vision Realität wird, gibt es noch einige Hürden zu überwinden.

Stöbern, klicken, konsumieren - Streaming ist komfortabel und äußerst beliebt. Seit Netflix, Spotify und Co. das Musikhören und Fernsehen umgekrempelt haben, kauft kaum jemand noch DVDs oder CDs. Nun bahnt sich in der Gamingwelt die gleiche Revolution an: Cloud-Gaming ist der neueste Trend, der das klassische Computerspielgeschäft fundamental verändern dürfte.

Alphabet
Alphabet 1.147,24

"Wir werden Dinge sehen, die mit einer Konsole oder einem PC nicht möglich sind", versprach Jack Buser, Leiter der Abteilung Games bei Google, vergangene Woche auf der weltgrößten Spielemesse E3 in Los Angeles. Im November bringt der Internetgigant seinen neuen Streamingdienst Stadia an den Start, der eine neue Ära des Gaming einläuten soll. Teure Hardware soll damit schon bald der Vergangenheit angehören: Für Stadia braucht man nur ein internetfähiges Gerät mit Bildschirm und eine ausreichend schnelle Verbindung. Das Videospiel läuft dann auf einem Server irgendwo auf der Welt, Bild und Ton empfängt der Spieler übers Internet.

Was in der Welt der Konsolen noch nach Umsturz klingt, ist in anderen Sparten der Unterhaltungsbranche längst Normalität. Netflix, Amazon Prime-Video und Spotify haben das Konsumverhalten der Menschen radikal geändert. Media-Player für Film und Musik verschwanden allmählich aus den heimischen Wohnzimmern. Wenn es nach Google geht, könnte in Zukunft auch das Fach für die Xbox oder Playstation unterm Fernseher leer bleiben und womöglich sogar die Flimmerkiste selbst zum überflüssigen Staubfänger werden.

Grenzenlose Freiheit

Die Freiheit, Spiele immer und überall spielen zu können, ist Googles größtes Marketingversprechen. Nicht nur der Internetriese plant Cloud-Angebote: Microsoft tüftelt derzeit an seinem Streaming-Dienst "Project Xcloud". "Gforce Now" vom Chiphersteller Nvidia befindet sich aktuell in der Testphase. Bereits verfügbar ist der Dienst "Shadow" des französischen Startups Blade. Und auch Nintendo prüft die Möglichkeit, einen eigenen Streaming-Service anzubieten.

In der Gamingbranche, die weltweit für einen Jahresumsatz von 140 Milliarden Dollar sorgt, bahnt sich ein Epochenwechsel an. In den letzten fünf Jahren verkaufte Sony rund um den Erdball fast 92 Millionen Spielekonsolen. Microsoft kommt im gleichen Zeitraum immerhin auf schätzungsweise 41 Millionen Stück. Die neuen Streamingdienste könnten diese Absatzzahlen deutlich umwälzen. Euphorie ist allerdings verfrüht. So vielversprechend die Möglichkeiten der neuen Technologie klingen, so groß sind die Bedenken in der Gaming-Community und unter den Spieleentwicklern und -publishern.

Vor allem die großen Studios zögern noch mit dem Sprung ins kalte Wasser. So wird zwar das mit Spannung erwarte Spiel "Watch Dogs: Legion" von Ubisoft auf Googles Streamingplattform Stadia erscheinen, allerdings nicht als Exklusivtitel. Besitzer von Playstation, Xbox oder PC können sich ebenfalls auf das Action-Adventure freuen. Das Gleiche gilt für "Marvel's Avengers" von Square Enix, das auch auf allen vier Systemen laufen wird.

Der Mangel an Exklusivtiteln sei ein Zeichen dafür, dass Publisher noch skeptisch sind, zitiert der US-Sender CNN den Videospielexperten Joost van Dreunen. Entwicklerstudios würden sich erst auf die neue Technologie einlassen, wenn die Massentauglichkeit von Streamingdiensten bewiesen sei. Das könnte sich für die Anbieter als gar nicht so einfach erweisen. Immerhin gilt es, zwei Milliarden Zocker weltweit zu überzeugen und auch neue Spieler anzulocken.

Im Funkloch zockt es sich schlecht

Cloud-Gaming könnte tatsächlich den Markt für neue Zielgruppen öffnen, die weder Konsole noch Highend-PC besitzen - allerdings nur, wenn der Preis stimmt. Noch sind Videospiele ein teures Hobby. Ein Titel kostet im Schnitt 40 bis 50 Euro, von der passenden Hardware ganz abgesehen. Mit den neuen Streaming-Angeboten soll sich das ändern. Statt auf einzelne Spiele setzen die Anbieter eher auf Flatrates. So hat Google angekündigt, dass auf seinem Dienst Stadia Spiele entweder kostenlos, über ein monatliches Abo oder zu einem Paketpreis erhältlich sein werden.

Diese Flatrates à la Netflix und Amazon Prime-Video drohen allerdings auch zum Nachteil der Nutzer zu werden. Anbieter könnten aufwendige Eigenproduktionen nur zahlenden Flatrate-Kunden zugänglich machen. Schon jetzt segmentiert sich der Markt: Wer EA-Titel spielen will, muss ein Abo abschließen, wer Ubisoft-Spiele zocken will, ein anderes Paket kaufen. Man muss sich also entscheiden. Oder doppelt zahlen.

Doch auch das günstigste Abo bringt nichts, wenn man die Spiele letztlich nicht wie versprochen immer und überall spielen kann. Der Spaß am Cloud-Gaming steht und fällt mit einer stabilen Internetverbindung. Wenn ein Film kurz ruckelt oder das Lieblingslied einige Zeit zum Laden braucht, ist das ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. Beim Zocken über das Internet können wenige Sekunden Verzögerung spielentscheidend sein. Vor allem mobil dürfte die erforderliche Bandbreite von 35 Megabit pro Sekunde (Mbit/s), wie Google sie für Stadia empfiehlt, zum Problem werden. Zum Vergleich: Netflix benötigt für die höchste Qualitätsstufe 25 Mbit/s.

Der kommende Mobilfunkstandard 5G könnte das Problem lösen und dem Cloud-Gaming durch Datenraten im Gigabit-Bereich auch hierzulande einen immensen Schub verleihen. Das wird allerdings noch einige Zeit dauern. So steckt Videospiel-Streaming trotz großem Potenzial noch in den Kinderschuhen. Der Realitätscheck durch die Nutzer wird zeigen, ob es für einen Umsturz reicht oder grenzenloser Spielspaß weiterhin eine Utopie bleibt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema